Eltern klagen über Tagesmütter: „Eine konnte kaum Deutsch, eine verschwand plötzlich.“

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Eltern haben Anspruch auf Kinderbetreuung. Wer keinen Kita-Platz kriegt oder möchte, wird auf Tageseltern verwiesen. Manchmal klappt das gut, aber nicht immer, wie zwei Beispiele zeigen.

Schwerte

, 30.01.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Nach ihrer Elternzeit wollte Tanja Zejna eigentlich direkt wieder arbeiten gehen. Die Kriminaloberkommissarin und ihr Mann hatten sich da auf die Angebote der Stadt verlassen, Kinderbetreuung in Schwerte sei kein Problem. Was die Kindertagesstätten nicht schaffen, wird durch Tagesmütter geregelt. Die werden vom Jugendamt vermittelt. Diese Botschaft verkündet die Stadt immer wieder. Doch was das Ehepaar dann erlebte, lässt zumindest die Zejnas am System zweifeln.

Tagesmütter gesucht, die von der Entfernung her in Frage kamen

„Wir haben vom Jugendamt ein Liste mit Tagesmüttern bekommen“, erzählt sie. Daraus suchte das Ehepaar sich die Anbieterinnen aus, die von den Entfernungen her in Frage kamen. Die erste Tagesmutter, die sogar in der Nachbarschaft wohnt, hatte keinen Platz frei. Bei einer Tagesmutter im Nachbarort war noch Platz. „Wir haben uns am Telefon unterhalten und dann auch einen Vertrag abgeschlossen“, berichtet Tanja Zejna.

Montags war keine Betreuung möglich

Zu dem Zeitpunkt waren dort noch zwei weitere Kinder in Obhut. Mit 25 Wochenstunden Betreuung wollte man anfangen. Allerdings stellte sich schnell raus:An einem Tag in der Woche wollte die Tagesmutter keine Kinder haben, weil da ihre eigene Putzfrau kam. Also wurden die 25 Stunden Betreuung auf vier Tage verteilt.

Weil die Betreuung zudem immer zwischen 8 und 15 Uhr stattfinden sollte, war das Zeitfenster relativ schmal. „Die Kinder wollte sie im Maxi-Cosi angeliefert bekommen und so bekam man sie auch wieder zurück. Als wir mal Fotos wollten, was die Kinder so am Tag machten, sah man meist nur das eigene Kind. Die anderen Kinder waren im Hintergrund häufig im Maxi-Cosi zu sehen“, erzählt die Mutter.

Hund Amy gehört zur Familie dazu. Eine Tagesmutter hatte es allerdings mit einer Dogge bei der Kinderbetreuung versucht.

Hund Amy gehört zur Familie dazu. Eine Tagesmutter hatte es allerdings mit einer Dogge bei der Kinderbetreuung versucht. © Schwerte

Noch bevor sie die Kinder übernahm, habe sich die neue Tagesmutter zudem einen großen Hund angeschafft. „Das ist war kein Hund, der von der Größe her zu Kleinkindern passt“, so Tanja Zejna, die selbst einen allerdings deutlich kleineren Hund hat.

Tagesmutter kündigte den Eltern fristlos

„Nach der Eingewöhnungsphase wurden die Betreuungszeiten immer spärlicher. Entweder hatte sie die anderen Kinder krank betreut, sodass wir unser gesundes Kinder zu Hause gelassen haben, dann war sie selber krank. Und als wir nach einem Trauerfall in der Familie Titus zwei Tage lang zu Hause lassen wollten, hat sie uns fristlos gekündigt.“ Und so habe die Familie im vergangenen Januar ohne Kinderbetreuung dagestanden.

Widerspruchsverfahren oder nicht?

Zu individuellen Fällen sagte die Stadt nichts. Zum Fall Zejna betonte Jugendamtsleiter Andreas Pap auf Anfrage: „Wir befinden uns da im Widerspruchsverfahren, deshalb können wir den Fall nicht kommentieren.“

Ob das Jugendamt und die Familie noch zueinander finden, ist fraglich. Denn auch über den Stand des Verfahrens ist man uneinig. Zejnas erklärten, man sei noch nicht in einem Widerspruchsverfahren. „Wir haben ja noch nicht einmal einen widerspruchsfähigen Bescheid“, so die Mutter.

156 Unter-Dreijährige werden in der Tagespflege betreut

Antworten von der Stadt gibt es aber zu Fragen, wie es generell mit den Tagesmüttern gehandhabt wird: „In Schwerte werden derzeit 156 Kinder, die jünger als drei Jahre alt sind, bei Tagespflegepersonen betreut“, so Stadtsprecher Carsten Morgenthal auf die Anfrage der Redaktion. Wie viele entsprechende Plätze es derzeit in den Schwerter Kindertageseinrichtungen gebe, könne man nicht sagen, weil die zuständige Mitarbeiterin erkrankt sei.

Maximal fünf Kinder gleichzeitig und ein eigener Raum

In Schwerte sind 46 Tagespflegepersonen tätig, überwiegend Frauen. Auf der Liste der Zejnas gab es nur einen Tagesvater. Die meisten Tagespflegepersonen bieten die Betreuung im eigenen Wohnraum mit eigenem Zimmer für die Tagespflege an. Acht von ihnen stellen aber eine ganze Wohnung ausschließlich für die Betreuung zur Verfügung.

Tagespflegepersonen dürfen maximal fünf Kinder gleichzeitig betreuen. In Schwerte gibt es drei Großtagespflegestellen. Dort betreuen jeweils zwei Tagesmütter und bei Bedarf eine Vertreterin neun Kinder gleichzeitig in dafür angemieteten Räumen.

Ausbildung dauert 180 Stunden

Die Tagespflegepersonen werden nach einem speziellen Curriculum von der AWO ausgebildet. Die Ausbildung dauert insgesamt 180 Stunden.

Zum Vergleich: Eine Erzieherin im Kindergarten hat neben einem halbjährigen Praktikum im Anschluss eine dreijährige Ausbildung absolviert. Eine direkte Kontrollinstanz gebe es da nicht, sagt Tanja Zejna.

Eine Kontrolle gebe es aber sehr wohl, betont die Stadt. „Die Tagesmütter werden während ihrer Tätigkeit von zwei Fachberaterinnen beraten und besucht und erhalten fortlaufend Weiterbildungen“, erklärt Stadtsprecher Morgenthal.

Unter 45 Stunden wollten viele gar keinen Vertrag machen

Auch heute steht Familie Zejna noch ohne Betreuung dar. „Beim Jugendamt gab es erstmal gar keine Hilfe und dann wieder Angebote für Tagesmütter“, erzählt Tanja Zejna. Doch die wollten die Eltern jetzt nicht mehr. Vor allem weil sie mittlerweile ähnliche Fälle kannten.

Sohn Titus muss im Wechsel von Mama und Papa betreut werden.

Sohn Titus muss im Wechsel von Mama und Papa betreut werden. © Schwerte

Wie zum Beispiel den einer Bekannten. Die Mutter von zwei kleinen Kindern, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, hatte mittlerweile drei Tagesmütter, die ihr von der Stadt vermittelt wurden. Darunter eine, die von heute auf morgen aus Schwerte verschwunden war und die Eltern mit den Betreuungsproblemen allein ließ. Immer wieder sei es mit den Tagesmüttern auch zu Diskussionen um die Zahl der Stunden gegangen. „Unter 45 Stunden lohnt sich das für mich nicht“, habe man ihnen oft gesagt.

Tagesmütter erhalten pro Kind 5,56 Euro pro betreuter Stunde

Das ist verständlich. Die Stadt erklärt auf Anfrage: „Tagespflegepersonen erhalten pro Kind für die Betreuungsstunde 5,56 Euro vom Jugendamt.“ Und die Tagesmütter werden nach den Stunden, die von den Eltern gebucht werden, bezahlt. Bei Ausfällen werden zwar bis zu sechs Wochen Ausfallzeiten im Jahr weiter bezahlt. Letztlich richtet sich aber alles nach den gebuchten Stunden.

Zusätzlich würden Beiträge zu Unfallversicherung sowie der Anteil an Aufwendungen zur Alterssicherung sowie Krankenversicherung und Pflegeversicherung erstattet, betont der Stadtsprecher Morgenthal. Die Eltern zahlen nach Betreuungsstunden und Einkommen.

Eine Tagesmutter sprach nur gebrochen Deutsch

Doch abgesehen von der Stundenfrage gab es auch bei der Betreuung der zweiten Familie immer wieder Probleme. So habe eine Tagesmutter zum Beispiel nur sehr gebrochen Deutsch gesprochen. Die Mutter ist froh, dass ihr älterer Sohn mittlerweile einen Platz in einer Kita hat und ihr Jüngerer zumindest vormittags in der Spielgruppe Zwergenland in Ergste untergebracht ist.

Bundesverband betont: 96 Prozent der Eltern sind zufrieden

Ob diese Beispiele Einzelfälle sind? Der Bundesverband der Tagespflege verweist auf eine Umfrage des Deutschen Jugendisnstituts von 2015. Danach waren 96 Prozent der Eltern mit ihrer Tagespflege zufrieden.

So sieht es auch bei Schwertes einzigem Tagespflegvater Carsten Rieck aus. Der hat bislang mit den Eltern seiner Tageskinder immer gute Erfahrungen gemacht. Über seinen Alltag berichten wir übrigens in einer Reportage in der kommenden Woche.

Stadt betont: Bis Februar werden noch Kita-Plätze vergeben

Bei Tanja Zejna und ihrem Mann sieht das anders aus. Sie müssen sich nach wie vor die Klinke in die Hand geben, um ihren Sohn trotz Berufstätigkeit zu betreuen.

Und auch wenn die Stadt betont, die Plätze für das neue Kindergartenjahr würden erst bis Mitte Februar vergeben, ist sich Tanja Zejna sicher, dass ihr Sohn wieder leer ausgeht. Zumindet vom Kindergarten ihrer Wahl hat sie schon deutliche Signale bekommen, dass wohl keine Plätze frei seien.

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