Na so was: Der Junior nutzt die Stirn anstelle des Hausaufgabenheftes? Ganz klar ein mögliches Thema beim Elternsprechtag. Aber bitte nur noch am Telefon! © Martina Niehaus

Elternsprechtage: Die eine Sache, die ich in der Pandemie NICHT vermisse

Es gibt vieles, das ich gerade vermisse in der Pandemie. Treffen mit Freunden und der Familie, Unterricht für meine Kinder. Urlaub. Eine Sache jedoch vermisse ich gar nicht. Elternsprechtage.

In der vergangenen Woche war es soweit: Per Mail luden die Lehrer unserer Schule ein – zum Telefonat. Ich gab Zeiten an, die mir für einen Rückruf gut passten – und hatte innerhalb von zwei Stunden mit sechs Lehrern darüber gequatscht, wie sich meine Jungs gerade nicht in der Schule verhalten (weil sie ja nicht da sind).

Das ist alles ein wenig verrückt, zugegeben. Aber es ist doch auch herrlich. Ich kann mein Glück kaum fassen! Früher war es andersherum: Da habe ich sechs Stunden gebraucht, um mit zwei Lehrern zu quatschen.

Nur um zu erfahren, dass der Große verträumt ist (ach, echt?) und der Kleine täglich drei Radiergummis zerschnippelt. Oder sich die Hausaufgaben auf der Stirn notiert anstatt im Heft. Dafür hatte ich mir dann einen Tag freigenommen. Spitze!

Planloses Hetzen von Tür zu Tür

Was mich immer wieder überrascht hat, war die völlige Überforderung bei der Terminvergabe. Die Anmeldung erfolgt ja beim klassischen Elternsprechtag über Zettel, Telefon oder Mail – je nachdem, was Lehrerin oder Lehrer bevorzugen. Und jeder macht es anders.

Was in Kombination dazu führt, dass ich irgendwann planlos von Tür zu Tür hetze, von Gebäude zu Gebäude, von Stockwerk zu Stockwerk. Nur um festzustellen, dass hinterlistige Eltern meinen Namen auf der Liste durchgestrichen und ihren eigenen daraufgesetzt haben.

Was ich mir demnächst auch sparen könnte, sind erzwungene Smalltalk-Gespräche auf dem Gang. Wenn man schon ein Drittel der Kinder aus der Klasse nicht näher kennenlernen möchte – warum sollte man dann deren Eltern mögen? „Ich weiß ja gar nicht, was ich hier soll, der Tom hat ÜBERALL Einsen.“ Da fragt man sich doch: Was willst du dann hier, Mutti?

Wer sind eigentlich Hendrik und Barbara?

Hat man es nach Stunden endlich ins Allerheiligste geschafft – den Klassenraum – und sich auf ein Kinderstühlchen vor dem Pult gequetscht, geht der Eiertanz weiter. Gehetzte Lehrer blättern in Listen, um mir die Noten der Klassenarbeiten vorzulesen, die ich sowieso schon kenne.

Oder sie erzählen mir zehn Minuten, wie schlecht mein Sprössling im letzten Quartal geworden ist. „Der Hendrik hat ganz schön nachgelassen!“ Wenn ich dann zaghaft erwähne, dass mein Sohn gar nicht Hendrik heißt, gibt es vorwurfsvolle Blicke. „Warum sagen Sie das nicht gleich?“

Präsenzunterricht ist etwas, was viele Schüler und Eltern in der Corona-Pandemie vermissen. Präsenz-Elternsprechtage dagegen vermisse ich nicht.
Präsenzunterricht ist etwas, was viele Schüler und Eltern in der Corona-Pandemie vermissen. Präsenz-Elternsprechtage dagegen vermisse ich nicht. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Ich glaube, der Elternsprechtag-Horror hat in meiner Familie schon in der letzten Generation angefangen. Mit meiner Mutter bin ich damals von Tür zu Tür gegangen und habe gewartet. Stundenlang. Ich weiß, dass ich mich fürchterlich gelangweilt habe. Dass der alte Chemielehrer mich immer „Barbara“ nannte, was Mama völlig auf die Palme brachte. Und dass ich den Besuch beim Mathelehrer immer zum Schluss vorschlug – weil ich mir ausgerechnet hatte, dass es Mitternacht werden würde, bis wir dran waren. Da soll noch einer behaupten, ich könne nicht rechnen.

Dieser grandiose Moment

Nein – ich muss das nicht mehr haben. Ich bin gerade einfach froh, dass diese Form der Elterngespräche Geschichte ist. Und hoffe inständig, dass andere Eltern und Lehrer das auch so sehen. Es wäre doch auch zukünftig tausendmal besser, zu einem abgestimmten Termin zu telefonieren, eine kurze Videokonferenz zu führen oder eine Mail zu schreiben (beim Einserkandidaten Tom zum Beispiel). Und wenn wirklich erhöhter Gesprächsbedarf besteht, klärt man das sowieso nicht zwischen Tür und Angel in zehn Minuten auf einem Kinderstühlchen.

Manches könnte ich aber in Zukunft auch verpassen. Diesen grandiosen Moment, in dem ich gerade im Klassenraum sitze und plötzlich eine Mutter hineinplatzt. Wütend, weil ihr kostbarer Spross eine Strafarbeit wegen unverschämten Verhaltens bekommen hat. „Mein Sohn ist nie unverschämt!“

Woraufhin die Lehrerin mit unbewegtem Gesicht die Tafel aufklappt, auf deren Innenseite ein gigantischer Penis gemalt ist. Inklusive der Unterschrift des Künstlers. Den Gesichtsausdruck von Toms Mutter werde ich nie vergessen.

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