Förderschüler haben weiten Weg zur Schule

Mit Bus und Bahn nach Unna

Dass die Förderschule in Ergste geschlossen wird, stellt viele Eltern und Schüler vor Probleme: Denn damit verlängert sich ihr Schulweg immens und nicht für alle Schüler kommt es infrage in eine Inklusionsklasse zu wechseln. Jetzt müssen andere Lösungen her.

SCHWERTE

, 13.06.2016, 18:24 Uhr / Lesedauer: 2 min
Förderschüler haben weiten Weg zur Schule

Die Schule an der Ruhr wird geschlossen.

7.01 Uhr: mit dem Bus vom Gänsewinkel zum Bahnhof. 7.33 Uhr: nach 18-minütigem Aufenthalt mit dem Zug nach Unna. 7.43 Uhr: vom dortigen Bahnhof zur Schule. „Das kann ein Fünftklässler“, sagt der Kreis. „Das schafft er nicht“, sagt seine Mutter.

Manuela Becker ist entsetzt. Ihr elfjähriger Sohn hat bisher die Förderschule in Ergste besucht, die zum Ende des Schuljahres geschlossen wird. Familie Becker hat beschlossen, den lernbehinderten Sohn weiterhin auf einer Förderschule unterrichten zu lassen. „Wenn er in Schwerte bliebe, wäre er Inklusionskind auf einer Regelschule, womöglich sogar auf dem Gymnasium. Da geht er unter“, befürchtet seine Mutter. Also fiel die Entscheidung für die Förderschule. Die nächste liegt in Unna.

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„Unser Sohn ist bisher mit dem Schulbus zur Schule an der Ruhr gefahren“, berichtet Manuela Becker, „und ich habe geglaubt, das würde so weitergehen.“ Tut es aber nicht. Beim Kreis ist man davon überzeugt, dass Kinder der Sekundarstufe I durchaus in der Lage sind, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Pressesprecherin Constanze Rauert: „Das gilt zumindest für Kinder an Förderschulen mit den Schwerpunkten lernen sowie emotionale und soziale Entwicklung, die ja nicht geistig behindert sind.“

Beckers Sohn könnte sich in Panik verirren und verfahren

Geistig behindert sei ihr Sohn nicht, sagt Manuela Becker, aber er habe starke Defizite und zudem eine Angststörung. Dass er sich in Panik verirren und verfahren könne, hat jetzt auch Kinderarzt Heinrich Wiggermann bescheinigt. Der hält ohnehin nicht viel von der neuen Förderschulstruktur: „Was hat das mit Inklusion zu tun, wenn man funktionierende Schulen zerschlägt und alles beim Kreis zentralisiert?“

Er habe derzeit häufig mit Eltern zu tun, die zwischen den Zuständigkeiten zerrieben werden. So kenne er eine Familie, deren autistisches Kind demnächst von Villigst nach Unna fahren müsse. Wie der Sohn von Manuela Becker mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt mit dem Schulbus.

Jetzt sei es vielerorts an Kinderärzten und Gutachtern, sich mit Einzelfällen zu beschäftigen, bei denen es um Anträge für Integrationshelfer oder Schulwege gehe. Für letzteres Problem schlägt der Kinderarzt vor: „Man sollte eine zentrale Sammelstelle einrichten, zum Beispiel am Bahnhof, und dort einen Schulbus zur Harkortschule fahren lassen.“

Änderungen des Schulwesens mit Räten abgestimmt

Alle mit dem Umbau des Förderschulwesens verbundenen Änderungen seien mit den Räten und Schuldezernenten der beteiligten Städte abgestimmt, weist Kreissprecherin Rauert Vorwürfe zurück, die Zuständigkeiten würden zulasten der Schüler hin und her geschoben. „Für Schüler, die mit dem Schulweg per ÖPNV nicht klarkommen, kann es in Einzelfällen Ausnahmen geben.“ Wenn – attestiert vom Schul- oder Amtsarzt – die Notwendigkeit bestehe, könne ein Taxi oder Mietwagen den Schülertransport übernehmen.

Manuela Becker hat den Antrag schon ausgefüllt. Auch angegeben, dass ihr Mann als LKW-Fahrer das Haus in aller Frühe verlässt und sie selbst weder Führerschein noch Auto hat. „Wir können den Jungen nicht nach Unna bringen.“ Sie hofft nun, dass die Einzelfallentscheidung ihrem Sohn das mehrmalige Umsteigen auf jedem Schulweg erspart.

Kinder haben keine Freizeit mehr

Er werde es so schon schwer genug haben: „Die Harkortschule hat Ganztagsbetrieb und ist 15 Kilometer weit weg. Wenn dann auch noch der Schulweg ewig dauert, hat er ja gar keine Freizeit mehr. Das ist doch alles nicht zum Wohl der Kinder.“

Das sieht man beim Kreis anders, und Constanze Rauert ist davon überzeugt, dass sich demnächst bei Elternabenden an den Förderschulen viele offene Fragen klären werden. Einstweilen stehe die Schulverwaltung für Kreises für Auskünfte bereit: Tel. (02303) 271640.

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