Die Zahlen klingen alarmierend: Rund 50 Prozent mehr Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung beim Jugendamt in Schwerte, rund 50 Prozent mehr Kinder sind betroffen. Doch: Es ist komplizierter.

Schwerte

, 25.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Zahlen steigen. Das ist eindeutig. Hatte es 2017 beim Schwerter Jugendamt noch 105 Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung gegeben, waren es ein Jahr später 151. Auch die Zahl der betroffenen Kinder lag deutlich höher: bei 171 nach zuvor 111.

Selbst die bisherigen Höchstwerte übertrifft das bei weitem. Und 2019 hielt dieser Trend an: wieder knapp 150 Meldungen, 186 betroffene Mädchen und Jungen, so viele wie in keinem der acht Jahre zuvor.

Doch was bedeuten diese Zahlen? Wie kommen sie zustande? Was sagen sie aus? Wird alles immer schlimmer? Wie geht es den Kindern in Schwerte?

Wer beginnt, darüber mit Jasmin Leuthner-Beller und ihren Mitarbeitern zu sprechen, kann das stundenlang tun. Dabei wird deutlich, wie viel hinter den Zahlen steckt. Leuthner-Beller ist Abteilungsleiterin Jugend und Familie im Rathaus in Schwerte. „Viele haben Angst: Jetzt kommt das Jugendamt und nimmt mir das Kind weg“, sagt sie.

Aber das sei nun wirklich nur der allerletzte Schritt, wenn es denn keinen anderen Ausweg mehr gebe. Wenn eine gemeinsame Lösung nicht mehr zu schaffen sei.

Streit, Gewalt, psychische Probleme, Sucht und Existenzangst

Stimmt in einer Familie etwas nicht? Sind die Eltern überfordert? Trinken sie, sind andere Drogen im Spiel? Gibt es wirtschaftliche Not oder andere Existenzängste? Gibt es psychische Probleme? Führt das zu Streit und Gewalt, vielleicht auch zu sexuellem Missbrauch? Diese Fragen stellen sich nicht nur die Mitarbeiter des Jugendamts, sondern offenbar auch immer mehr andere Menschen.

Lehrer und Mitarbeiter im Offenen Ganztag würden heute genauer hinschauen, verdeutlicht Leuthner-Bellers Mitarbeiter Stefan Jäger. Kita-Erzieher und Kinderärzte würden mehr auf blaue Flecken und verändertes Verhalten achten. Jäger spricht vom Aufbauen von Netzwerken, vom Sensibilisieren, viel von Lehrgängen, Tagungen, Sitzungen. Unterm Strich geht es aber ganz konkret um eine Frage: Wie schaffen wir es, dass möglichst viele Menschen wachsam sind?

„Frühe Hilfen“: Es geht um Unterstützung für die Familie

Auch dass sich ein Nachbar oder die Oma melde, komme in den vergangenen Jahren häufiger vor, sagt Leuthner-Beller. Das habe nichts mit Verpetzen zu tun, im Gegenteil. Im Jugendamt heiße ein Teilbereich nicht umsonst „frühe Hilfen“.

Sicher: An oberster Stelle stehe die Frage, was das Beste für das Kind sei. Aber gerade dort, wo Überforderung sei, könne man Hilfestellung leisten. Im Umgang mit Konflikten, aber auch ganz konkret mit Unterstützung, um den Alltag zu meistern.

Etwa 300 Fälle zeitgleich habe das Jugendamt zu betreuen, oft über einen langen Zeitraum. Mittlerweile habe man es mit vielen Sprachen zu tun, mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, aber eben oft auch mit den klassischen deutschen Familien, mit jungen Familien. Es habe schon seinen Grund, dass man sich früh ein Bild mache, wie es in den Wohnungen und Häusern aussieht.

Wenn es dort schlimm ist und bleibt, muss die klare Ansage her. Was das heißt, hatte Leuthner-Beller im Herbst den Schwerter Politikern in einer Sitzung erläutert. Da könne es einerseits heißen: „In drei Tagen kommen wir wieder, dann sieht das hier aber anders aus.“ Sei aber Gefahr im Verzug, müssten Schutzmaßnahmen her. Dann geht‘s am nächsten Tag zum Familiengericht.

Dann ist wirklich der Fall da, dass Kinder in Pflegefamilien umziehen oder in Wohngruppen für Jugendliche.

Corona-Auswirkung: weniger Hinweise an das Jugendamt

Aber wo droht den Kindern überhaupt Gefahr? Seit Beginn der Corona-Maßnahmen ist auch das Netzwerk des Jugendamtes kleiner. Die Kinder sind zuhause – egal, ob glücklich oder ausgeliefert.

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Deshalb hieß es nun offiziell vom Jugendamt auch: „Im Sinne des Kinderschutzes ist es gerade deshalb wichtig, dass alle, die den Verdacht haben, Kinder leiden oder Eltern sind überfordert, sich beim Jugendamt melden.“ Man sei „auch weiterhin voll erreichbar“ und gehe jedem Hinweis nach.

Eine zweite Statistik ist viel genauer

Denn wie wichtig viele Hinweise sind, zeigt sich beim Blick auf eine andere Statistik. Sie geht mehr ins Detail und ist auch erst später fertig. Wie viele Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung es im abgelaufenen Kalenderjahr gegeben habe und wie viele Mädchen und Jungen betroffen seien – das könnte man ja schon im Januar sagen, erläutert Jasmin Leuthner-Beller.

Doch die aktuellsten Fälle seien dann noch nicht geprüft. War es ein echter oder ein falscher Alarm? Das sei erst im Februar, vielleicht Anfang März klar.

Diese Statistik zeichnet ein anderes Bild: Es deutet sich ein Trend zu mehr Gefährdung und Vernachlässigung an. Die tatsächlichen Fälle lagen aber 2019 nicht höher als vor acht oder vier Jahren.

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