Gutachten bescheinigte im Herbst: Vom mutmaßlichen Mörder geht keine Gefahr mehr aus

mlzTod einer Frau in Ergste

Geht von diesem Mann noch eine Gefahr für die Allgemeinheit aus? Ein Gutachten im Herbst kam zu dem Ergebnis: Nein, nach 27 Jahren Haft nicht mehr. Dann wurde in Ergste eine Frau umgebracht.

Ergste

, 16.01.2019, 16:14 Uhr / Lesedauer: 2 min

Lebenslange Haft - so lautete 1991 das Urteil gegen den Mann, der am 9. Januar eine 72-Jährige in ihrem Haus in Schwerte-Ergste ermordet haben soll.

Der Grund für das Urteil seinerzeit: 1990 ermordete er eine 59-Jährige in Aachen.

Kurz darauf vergewaltige und beraubte er eine 52-Jährige. Im Alter von 21 Jahren.

Mehr als 27 Jahre lang saß der Mann danach im Gefängnis - bis zu seiner Entlassung im Oktober 2018 in der Justizvollzugsanstalt in Schwerte.

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Psychiatrischer Gutachter gab in diesem Fall Entwarnung

Warum er freigelassen wurde, erklärt Dr. Bernhard Kuchler, der Sprecher des Landgerichts Hagen: „Ein psychiatrischer Gutachter kam zu dem Ergebnis, dass von dem Gefangenen keine Gefahr mehr ausgeht. Deshalb war die Strafe zur Bewährung auszusetzen.“

Kuchler stellt klar: „Entgegen der landläufigen Meinung bedeutet eine lebenslange Freiheitsstrafe nicht, dass man nach 15 Jahren in Haft entlassen wird.“ Stattdessen könne jemand, der zu Lebenslang verurteilt worden sei, dann erstmalig einen Antrag auf Entlassung stellen.

Auf dem Weg dorthin gibt es drei formale Gründe:

  • Der Gefangene muss mindestens 15 Jahre Gefängnis hinter sich haben.
  • Im Urteil darf nichts von der „besonderen Schwere der Schuld“ stehen. Diese Formulierung gibt es beispielsweise, wenn der Täter viele Menschen ermordete, besonders kaltblütig vorging, wenn ihm abartige sexuelle oder gewalttätige Neigungen zugeschrieben werden.
  • Der Betroffene muss zustimmen. „Das klingt banal, aber es ist die Frage, ob das jemand nach mehr als 20 Jahren wirklich möchte“, erläutert Kuchler.

Nur in diesem Fall, so Kuchler weiter, gehe es um die vierte Voraussetzung, die die alles entscheidende für die Freilassung sei: Wie fällt das psychiatrische Gutachten aus? „Das Meiste läuft über die Akten“, erläutert der Landgerichts-Sprecher. Darin steht nicht nur alles über Tat, Verfahren und Urteil, sondern auch, wie er sich in der JVA gegeben hat, wie die Einschätzungen über ihn im Laufe der Jahre ausgefallen seien.

Einen wichtigen Anteil habe natürlich das Explorationsgespräch, also das Gespräch, das der Gefangene mit einem Psychologen führe.

Die entscheidende Frage: Ist eine Freilassung des Gefangenen mit dem Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit vereinbar?

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Prognose für den mutmaßlichen Möder: keine Gefahr mehr

Die Prognose, die 2018 für den Täter von 1990 ausgestellt wurde: Es drohe keine Gefahr. Also wurde der Mann im Oktober 2018 entlassen.

Am 9. Januar 2019 wurde wenige Meter von der JVA Schwerte eine 72-Jährige in ihrem Haus getötet. Und die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass der mittlerweile 50-Jährige der Mörder ist.

27 Jahre in Haft - das sei eine verhältnismäßig lange Zeit. Da legt sich Gerichts-Sprecher Kuchler fest, auch wenn er gerade keine Statistik zur Hand hat. Vor Jahren habe die tatsächliche Haftzeit für Lebenslängliche bei durchschnittlich mehr als 20 Jahren gelegen. „Diese Zahl bezieht aber auch alle mit ein, die in der Haft sterben. Das sind auch nicht wenige“, so Kuchler.

Ein generelles lebenslanges Wegschließen hinter Gitter - das sei allerdings nicht mit der Menschenwürde vereinbar.

Ob der mutmaßliche Mörder von Ergste schon vor 2018 Anträge auf Haftverkürzung gestellt hat oder ob er es erst nach 27 Jahren hinter Gittern erstmals versuchte - diese Frage musste am Mittwoch noch offen bleiben.

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