Handwerk muss attraktiver werden: „Man kann auch Foodblogger werden“

mlzHandwerk in Schwerte

Viele junge Menschen entscheiden sich für ein Studium nach der Schule. Sascha Ruhnke von der Bäckerei Becker findet, dass das Handwerk viele Möglichkeiten bietet - auch ungewöhnliche.

Schwerte

, 21.07.2020, 14:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Immer mehr junge Menschen machen ein Studium nach der Schule. So ist der Eindruck von Bäckermeiser Sascha Ruhnke (38). Er ist Chef der Bäckerei Becker in Schwerte und möchte, dass das Handwerk wieder attraktiver wird für junge Menschen.

Ganz falsch scheint Sascha Ruhnke mit seiner Vermutung nicht zu liegen, denn auch Tobias Schmidt, Abteilungsleiter Ausbildungsberatung der Handwerkskammer Dortmund sagt: „Junge Menschen strömen lieber an Hochschulen in der Umgebung.“

Individuelle Förderung ist wichtig

Die Bäckerei Becker ist eine von zwei Bäckereien, die inhabergeführt sind und alle Produkte selbst herstellen. Bei der Bäckerei Becker gibt es immer ein bis zwei Auszubildende in der Produktion und ein bis zwei Auszubildende im Verkauf. Am 3. August startet eine Auszubildende ihr erstes Lehrjahr im Betrieb. Ein anderer Auszubildender, der zuvor drei Jahre bei einem anderen Betrieb gelernt hatte, wird ebenfalls zur Bäckerei Becker gehen.

„Er ist Autist und wurde im letzten Lehrbetrieb nicht richtig gefördert“, sagt Sascha Ruhnke. Der junge Mann sei daher durch die Prüfung gefallen und bekommt jetzt bei Sascha Ruhnke die Chance, Verpasstes nachzuholen. „Er muss ja als Geselle auch was können, wir stellen alles selbst her und das braucht schon Knowhow“, so Ruhnke.

Scheinbare Nachteile sind eigentlich Vorteile

Insgesamt sieht der Bäckermeister aus Schwerte Probleme im Marketing des Handwerks. Der Verband habe viel zu wenig unternommen in den letzen Jahren, um jungen Leuten das Handwerk schmackhaft zu machen. Im Bäckereihandwerk würden außerdem viele potenzielle Azubis durch den frühen Arbeitsbeginn abgeschreckt. Allerdings müsse man auch hier sehen: „Wer früh anfängt, der hat auch eher frei“, sagt der 38-Jährige.

Finanziell gesehen habe sich in den letzten vier Jahren auch einiges getan. Mittlerweile verdiene man als Auszubildender im ersten Lehrjahr 615 Euro, im zweiten Lehrjahr 700 Euro und im dritten Lehrjahr bereits 820 Euro. Und ein Ende der Anpassung sei nicht in Sicht.

Positiv-Beispiel im Handwerk: „Foodblogger“

Sascha Ruhnke verweist auch auf die vielen Möglichkeiten, die sich heute nach einer Ausbildung bieten. „Zum einen hat das Handwerk Zukunft, zum anderen gibt es gute Weiterbildungsmöglichkeiten.“ Man könne nach dem Meister sogar studieren oder in die Ernährungsschiene gehen.

Bäckermeister Sascha Ruhnke von der Bäckerei Becker: Echte Handwerkskunst.

Bäckermeister Sascha Ruhnke von der Bäckerei Becker: Echte Handwerkskunst. © Hendrik Schulze Zumhülsen

Richtig gute Beispiele, wie man es machen kann, kennt Sascha Ruhnke auch: Tom the Baker und Max Kugel. Die beiden haben richtige „fancy“ Homepages und posten fleißig auf Facebook. Tom the Baker verkauft weder Brot noch Brötchen, bietet dafür aber erfolgreich Backkurse an.

Tom the Baker backt bietet Brotbackkurse an und ist in den Sozialen Medien sehr aktiv.

Tom the Baker backt bietet Brotbackkurse an und ist in den Sozialen Medien sehr aktiv. © Tom the Baker

Max Kugel hingegen hat einen Backstore in Bonn und verkauft nur noch Brot. Alles handgemacht und von der Pieke auf gelernt. Er postet regelmäßig auch auf Instagram und hat mehr als 7000 Follower. „Man kann also auch foodblogger werden im Anschluss“, sagt Sascha Ruhnke.

Aktuelle Lehrstellen-Situation

Aber dazu braucht es auch ausreichend Fachwissen. Das erlangt man während einer Ausbildung. Tobias Schmidt von der Handwerkskammer Dortmund konnte in den letzten Jahren ein leichtes Wachstum bei Ausbildungsstellen im Handwerk feststellen.

Im Juni 2019 gab es in Schwerte 47 unterzeichnete Ausbildungsverträge im Handwerk. 2020 sind es bisher, Stand Juni 2020, erst 35 Verträge. Das könne aber auch am Coronvirus liegen. „Einige, die vielleicht ein Praktikum gemacht hätten und dies wegen Corona nicht konnten, hätten anschließend vielleicht auch eine Lehrstelle im Handwerk angefangen“, meint Tobias Schmidt.

Offene Lehrstellen im Bereich Handwerk gibt es derzeit im gesamten Kammerbezirk 925. Für den Kreis Unna gibt es noch 123 Ausbildungsplätze im Handwerk und für Schwerte liegen der Handwerkskammer Dortmund aktuell 14 offene Stellen vor.

Am 1. August ist noch nicht alles gelaufen

Tobias Schmidt rät jungen Menschen dazu, wegen Corona nicht in Lethargie zu verfallen, sondern sich proaktiv zu bemühen, wenn sie noch nichts in Aussicht haben. Die Handwerkskammer Dortmund habe Projekte zur Lehrstellensuche und bietet auch Beratung.

Genau 111 zur Zeit noch unbesetzte Lehr- oder Praktikumsstellen verzeichnet die Börse der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe. Ausbildungs-Coach Dietmar Stemann sagt: „Aktuell ist eigentlich für jede und jeden noch das Richtige dabei: Vom Bäcker und Dachdecker über Elektroniker, Fleischer und Friseure bis zum Kfz-Mechatroniker, Maler, Metallbauer oder Tischler können wir noch Angebot und Nachfrage zusammenbringen.“

Auch Betriebe können sich attraktiver machen

Ausbildungsbetriebe können sich für Bewerber auch attraktiver machen, indem sie beispielsweise überhaupt Marketing betreiben und transparent machen, dass sie ausbilden. Zusatzangebote wie Auslandspraktika und Weiterbildungen sind bei Auszubildenden auch gerne gesehen. Ebenso wie Beteiligungen an Azubi Tickets für Bus und Bahn.

Bei Bäckerei Becker wurden mehrere Auszubildende bereits über Facebook gefunden. Auch der autistische junge Mann, der im vorigen Ausbildungsbetrieb nicht viel beigebracht bekommen habe, wurde über Facebook auf Bäckerei Bäcker aufmerksam.

Ein weiterer Grund warum es sich lohnt auch im Handwerk mit der Zeit zu gehen. Sascha Ruhnke sagt dazu: „Auch das Handwerk wird moderner.“

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