Hier sind Obdachlose und „Stadtpark-Szene“ in Schwerte willkommen

Keller des Rathauses

Seit Kurzem ist der Keller des Rathauses in Schwerte stundenweise für Obdachlose, die „Stadtpark-Szene“ und andere, die eine Anlaufstelle suchen, geöffnet. Für viele der Besucher ist es ein Ort, um über Probleme zu reden. Wir haben einen Vormittag dort verbracht.

Schwerte

, 30.12.2017, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Rathauskeller wirkt kalt, trotzdem gilt er für viele nun als Rückzugsort.

Der Rathauskeller wirkt kalt, trotzdem gilt er für viele nun als Rückzugsort. © Bernd Paulitschke

Etwas versteckt liegt der Keller, der von der Rückseite des Schwerter Rathauses zugänglich ist. Unten wartet Streetworker Mario Clausen vom Verein für soziale Integrationshilfe (VSI). „Das wird gleich ziemlich laut“, warnt er. Seit Mitte Dezember öffnen Clausen und seine Mitarbeiter meist von 10 bis 13 Uhr wieder die Türen des Rathauskellers – ein Rückzugsort für Obdachlose und die „Stadtpark-Szene“. Per Strichliste hält er fest, wie das Angebot ankommt: 10 bis 20 Striche zählt er meist. „Die trudeln dann so nach und nach ein. Das ist ein Kommen und Gehen“, so Clausen.

Unten im Keller führt ein schmaler Gang zu zwei kahlen Räumen: kalte, weiße Kacheln, vergitterte Fenster, ein Tisch, eine provisorische Küchenzeile mit Wasserkocher und zwei Herdplatten. Vereinzelt stehen Stühle an der Wand. Die ehemalige Gewahrsamszelle wirkt nicht gerade einladend – und doch, die Menschen, die am Freitagmorgen im Rathauskeller sitzen, sind froh über das Angebot. „Das ist eine gute Geste. Ein Schritt von der Politik auf uns zu“, sagt ein älterer Herr, der eine Ohrenklappenkappe trägt. „Es bleiben Menschen, die Hilfe brauchen.“ Er lobt die Streetworker-Arbeit.

Von Anfang an sitzt der Mann an der Wand – und doch zentral im Raum. Er wirkt zufrieden: ab und an lächelt er still oder erzählt eine Geschichte. „Ich bin hier runter gekommen in der Hoffnung, dass es so ist wie jetzt.“ Für die meisten geht es darum, sich einfach unterhalten zu können. „Es ist schön hier“, meldet sich ein Mann aus der Ecke. „Hier muss man nicht so ‚asi‘ wie im Park ’rumstehen.“

Gemütliche Kellerrunde



Mit der Zeit füllt sich der Keller und es kehrt tatsächlich eine gewisse Gemütlichkeit ein. Kekse werden herumgereicht – alles Spenden. „Gibst du mir mal die Tasse, Mario?“, bittet eine Frau den Streetworker. Jeder im Keller hat inzwischen eine eigene. So langsam habe man sich eingerichtet. Mit einem Edding malt die Frau kleine Herzen um den Namen auf der Tasse. Die Umgestaltungspläne der Keller-Besucher sind bescheiden: ein Regal, vielleicht eine Mikrowelle, etwas mehr Farbe wünschen sie – das reiche schon.

Vor Jahren war der Keller schon einmal geöffnet – allerdings ohne die Betreuung durch Streetworker. „Da ging‘s drunter und drüber“, erinnert sich der ältere Herr mit der Ohrenklappenkappe. Niemand habe auf Sauberkeit geachtet: beschmierte Wände, Graffiti und Aufkleber. „Ohne Regeln war hier Anarchie. Da hat der eine in der Ecke konsumiert, in der anderen Ecke der andere“, erzählt er weiter. Selten habe er sich da noch in den Keller gesetzt. Gewisse Regeln seien einfach ein Muss. Allgemeine Zustimmung: „Früher war hier Halligalli“, sagt der Mann neben ihm – „Man sieht ja, wozu das geführt hat“, bestätigt die Frau mit der Herzchen-Tasse.

Drogenfreie Zone

Die Streetworker geben die Regeln vor. Achten darauf, dass die Räume sauber hinterlassen werden: „Die kennen die Zeiten – wenn hier Ende ist, geht jeder seines Weges und muss alles wieder mitnehmen und beim Aufräumen helfen“, so Clausen. Drogen sind im Keller verboten. Nur geraucht wird und vereinzelt auch ein Bier getrunken. Negativ wirkt sich das nicht auf die Stimmung aus. Die Leute sind höflich und unterhalten sich.

Eine Frau erzählt von einem Konflikt mit ihrem Vermieter. Auch dafür ist die Kellerrunde gedacht: Probleme anzusprechen. Es geht um Unterstützung bei Amtsgängen, Gerichtsterminen oder der Wohnungssuche – schließlich sind einige obdachlos. Sonst bieten die Streetworker im Stadtpark ihre Hilfe an. „Wenn die von morgens bis abends nur im Park sind, braucht man aber mal einen Rückzugsort“, erklärt Clausen. „Wir wollen die Menschen nicht aus dem Stadtbild vertreiben, sondern sie bei ihren Problemen unterstützen.“ Dafür sei es wichtig, ihnen ohne zu diskriminieren einen Ort zu geben. Gerade, wenn der Stadtpark bald umgestaltet wird.

Wildpinkeln reduziert



Im Park ist es nun vormittags leerer: Viele nutzten das freiwillige Angebot. Über eine WhatsApp-Gruppe und die Streetworker habe sich das schnell rumgesprochen. Das Wildpinkeln sei mithilfe der beiden Kellertoiletten sehr reduziert worden, so Clausen. Er wünscht sich einen größeren Gemeinschaftsraum, zunächst müsse man aber mit der Übergangslösung zufrieden sein. Bis die Entscheidung vom Rat kam, den Keller wieder zur Verfügung zu stellen, habe es lange gedauert. Eine Übernachtungsmöglichkeit für Obdachlose wie früher bietet der Keller nicht. „Da verweisen wir an eine Stelle in Unna“, so Clausen. Mit der halben Stelle sei es für die Streetworker nicht möglich, den Keller länger zu öffnen.

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