Hoesch Schwerter Profile: Rettung nur mit massivem Personalabbau möglich

mlzInsolvenzverfahren in Schwerte

Bittere Wahrheiten erfuhren die 400 Hoeschianer in Schwerte vom vorläufigen Insolvenzverwalter. Es wird nach einem Investor gesucht. Doch der findet sich nur, wenn Personal abgebaut wird.

Schwerte

, 28.02.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer kann bleiben, wer muss gehen? Das ist die alles beherrschende Frage unter den Mitarbeitern von Hoesch Schwerter Profile in Schwerte. Mit harten Tatsachen wurden sie bei einer Informationsversammlung konfrontiert, zu der der vorläufige Insolvenzverwalter für Mittwoch in die Rohrmeisterei eingeladen hatte.

Bis zu jeder Vierte der rund 400 Arbeitsplätze scheint gefährdet. Die Zahl zwischen 80 und 100 Betroffenen, die derzeit die Runde macht, sei „nicht verkehrt“, bestätigt der stellvertretende Betriebsrats-Vorsitzende Ralf Behler: „Über diese Größenordnung spricht man im Betrieb.“

Ohne Personaleinsparung wird Investorensuche schwierig

Ralf Behler weiß auch, warum kein Weg um diese Schrumpfkur herumführt. Der Insolvenzverwalter sei auf der Suche nach einem Käufer: „Um das zu machen, muss am Personal gespart werden.“ Genaue Zahlen könne er noch nicht nennen, da die Verhandlungen über einen Sozialplan und Interessenausgleich andauern.

Ob die Abteilungen einen solchen Aderlass verkraften können? „Das wird an allen Ecken knirschen“, sagt Ralf Behler. Der Insolvenzverwalter entwickele ein Konzept für Einsparungen in den Werksbereichen oder Zusammenlegungen, das ebenfalls Gegenstand von Verhandlungen mit dem Betriebsrat sei: „Unser Ziel ist es, möglichst viele Vollzeit-Arbeitsplätze in Schwerte zu erhalten.“ Man geht davon aus, dass die Verhandlungen in den nächsten zwei Wochen abgeschlossen seien.

Altersdurchschnitt im Werk liegt bei über 50 Jahren

Das bedeutet: Im Laufe des März werden die Kollegen, die keine Zukunft mehr als Hoeschianer haben, die bittere Wahrheit erfahren. „Arbeitsplatzabbau tut immer weh“, erklärt Ralf Behler. Doch das sei die Voraussetzung für eine erfolgreiche Investorensuche durch den Insolvenzverwalter: „Sonst schließt der die Bude ab, wenn er keinen findet.“ Die Aufstellung eines Sozialplans wird durch den Altersdurchschnitt der Beschäftigten von über 50 Jahren nicht gerade leichter. Entgegen landläufiger Meinung sind die Kollegen mit der längsten Betriebszugehörigkeit nicht unbedingt am besten abgesichert. Sie könnten beispielsweise kaum einen jungen IT-Spezialisten ersetzen, auch wenn dieser vielleicht erst seit einem Jahr im Werk sei, erläutert Ralf Behler.

Abfindung beträgt wohl höchstens zweieinhalb Monatsgehälter

Wegen des Insolvenzverfahrens können die Gekündigten nicht einmal mehr mit nennenswerten Abfindungen rechnen, weiß Ralf Behler. „Maximal zweieinhalb Monatsgehälter“ könnten sie erwarten. Und auch das auch nur, wenn nach der Insolvenz noch Geld vorhanden sei. Auch an die Gründung einer Transfergesellschaft, die die Betroffenen übergangsweise auffangen könnte, glaubt der Betriebsrat nicht: „Selbst dafür müsste Geld da sein.“

Das Hoesch-Werk war einst einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Davon zeugt noch der eigene, ausgedehnte Güterbahnhof mit dem Schuppen für die Werkslokomotive.

Das Hoesch-Werk war einst einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Davon zeugt noch der eigene, ausgedehnte Güterbahnhof mit dem Schuppen für die Werkslokomotive. © Reinhard Schmitz

Und das scheint knapp. Denn wenn am 1. März – wie laut Behler vom Insolvenzverwalter angekündigt – das Insolvenzverfahren eröffnet wird, muss der Betrieb die Löhne und Gehälter wieder selbst zahlen, die zuletzt drei Monate lang durch das Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur gedeckt waren. „Bis ein Käufer gefunden ist, muss das Unternehmen auf eigenen Füßen stehen“, erklärt der Betriebsrat. Die Zeit drängt: „Weil jeden Monat Verlust geschrieben wird, geht es nicht unendlich so weiter.“

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Deshalb geht Ralf Behler davon aus, dass sich die Käuferfrage in den nächsten Monaten klären müsse. „Interessenten gibt´s“, sagt er – aber nicht aus Richtung Moskau, wie in der Stadt erzählt wird: „Ich kenne keine Russen.“

Bislang ist Hoesch Schwerter Profile in italienischer Hand. Seit 2006 - so die Internet-Enzyklopädie Wikipedia - gehört der Betrieb zur Calvi-Holding. Zu besten Zeiten war er einer der größten Arbeitgeber der Stadt. 1968/69 gab es den Angaben zufolge noch 1631 Hoeschianer.

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