Die Internetplattform Scoperty zeigt auf einer digitalen Karte Schätzwerte für die Preise fast aller Immobilien in Schwerte an. © Scoperty
Wohnen in Schwerte

Internetseite zeigt Schwertern, was die Häuser ihrer Nachbarn kosten

Die Online-Plattform Scoperty hängt auf einer digitalen Karte ein virtuelles Preisschild um fast alle Immobilien in Schwerte. Wir aussagekräftig die Zahlen sind, hat viele unserer Leser interessiert.

Wie teuer ist eigentlich das Haus von meinem Chef? Wer sich das schon immer gefragt hat, wird auf der Internetplattform Scoperty fündig. Das Berliner Start-up-Unternehmen hängt auf einer digitalen Karte fast allen Immobilien einer Stadt ein Preisschild um – auch denen aus Schwerte.

Mit wenigen Klicks und der passenden Adresse lassen sich die Schätzwerte auf www.scoperty.de abrufen. Doch was steckt dahinter? Und wie aussagekräftig sind die Preise für die Ruhrstadt?

Schätzwerte sind keine Marktwerte

Als „alles- und nichtsaussagend“ bezeichnet Christian Siebert die Werte, welche die Nutzer auf der Plattform erhalten. Der Büroleiter von Engel & Völkers aus Schwerte hat sich intensiv mit der Plattform auseinandergesetzt und macht deutlich, dass man die Schätzwerte genau von tatsächlichen Marktwerten unterscheiden müsse. Letztere seien realistisch jedoch nur mit der Expertise eines lokalen Maklers zu ermitteln.

Scoperty wiederum führt für seine Schätzungen durch einen Algorithmus verschiedene Daten zusammen, die in den öffentlichen Registern des Kataster- und Vermessungsamtes einsehbar sind. Der Algorithmus wird so automatisch durch Schätzungen zu Wohnfläche, Grundstücksgröße, Baujahr und Objekttyp gefüttert.

„Dabei handelt es sich um keine Personen-, sondern Grundstücks- und sachbezogene Daten“, erklärt Hannah Pick, Leiterin der Schwerter Verbraucherzentrale. Daher sei rechtlich noch kein Verstoß erkennbar, die Verbraucherzentrale NRW habe die Plattform jedoch im Auge.

Beispiel aus der Schwerterheide

Für Christian Siebert reichen die Daten nicht aus. Die Liste der Einflussfaktoren auf den Marktwert sei weitaus länger: „Dazu gehören harte und weiche Faktoren wie das Image der Wohngegend, der allgemeine Zustand des Gebäudes, der Leitungen, die Bauweise bis hin zur Art der Fußbodenheizung“, so der Immobilienmakler. Zudem würden die Werte der Scoperty-Schätzungen oft erheblich von der Realität abweichen, wie er anhand eines eigenen Beispiels erklärt.

Christian Siebert, Büroleiter von Engel & Völkers in Schwerte, analysiert die Immobilienplattform Scoperty. © Maximilian Stascheit © Maximilian Stascheit

Siebert selbst ist Eigentümer einer Immobilie in der Schwerterheide, die von Scoperty mit einem Wert zwischen 127.000 und 236.000 Euro bepreist wird. Ein Klick auf das Preisschild zeigt, dass Scoperty für die Schätzung ausnahmslos vom Baujahr 1974 ausgeht. Zugleich ist kleingedruckt zu lesen, dass die Vollständigkeit der Angaben bei 7 Prozent liege.

„Allerdings wurde meine Immobilie 2016 kernsaniert und die 30 Quadratmeter große Dachterrasse ist ebenfalls nicht berücksichtigt. Auch die Garage ist nicht mit eingerechnet. Hier wäre ich persönlich, wenn der Immobilienverkauf nicht mein tägliches Geschäft wäre, stark irritiert“, so der Fachmann.

Tatsächliche Preise in Schwerte oft wesentlich höher

Für die genannte Immobilie sei der Wert wesentlich höher einzuschätzen – und auch andere Vergleiche machen deutlich, dass Scoperty die Immobilienpreise in Schwerte eher zu niedrig einschätzt. Siebert gleicht die Schätzwerte mehrerer Gebäude, die er vermittelt hat, mit den tatsächlichen Kaufpreisen ab. Teils liegen sie am oberen Ende der angegebenen Spanne, in einigen Fällen auch deutlich darüber.

Deshalb rät der Fachmann allen, die Interesse an einem Verkauf ihrer Immobilie haben, sich eine kostenfreie und unverbindliche Marktpreiseinschätzung bei einem lokalen Makler einzuholen.

Verbraucherzentrale warnt vor Angabe der eigenen Daten

An diesem Punkt versucht Scoperty allerdings selbst, Geld zu verdienen. Denn das Start-up erhält Provisionen für die Vermittlung von Maklern und Immobilienfinanzierungen. Wer seine eigene Immobilie gefunden hat, kann den Schätzwert direkt verbessern, indem er die richtigen Angaben zum Baujahr und zur Wohnfläche in die Maske eingibt.

Das Ergebnis gibt‘s dann allerdings nicht direkt auf der Seite, sondern per E-Mail – und schon hat Scoperty die ersten persönlichen Daten potenzieller Kunden. Hannah Pick warnt allerdings davor, die Plattform mit zusätzlichen Daten zu füttern: „Jeder sollte sich ganz genau überlegen, ob man die Angaben zu seiner Immobilie wirklich korrigieren will“, so die Verbraucherschützerin.

Tinder für den Immobilienmarkt?

Neben der Marktpreisschätzung für eigene Immobilien gibt die Plattform den Nutzern die Möglichkeit, Eigentümern ein Verkaufsangebot für Immobilien zu unterbreiten, die eigentlich gar nicht zum Verkauf stehen – quasi das Pendant zu den Zettelchen, die Autohändler gerne hinter den Scheibenwischer klemmen.

„Wir schaffen die Grundlage dafür, dass Eigentümer und Haussuchende aufeinandertreffen – und zwar bevor der Verkaufsprozess startet“, erklärte CEO Michael Kasch in einem Interview mit dem Handelsblatt. Die Idee dahinter ist also dieselbe wie bei Dating-Plattformen: Zwei Personen mit zueinander passenden Interessen, die sonst eher nicht aufeinander getroffen wären, werden zusammengebracht.

Schwerter Wohnungsmarkt hat andere Probleme

In Schwerte liege hier jedoch gar nicht das Problem, wie Christian Siebert weiß: „In Schwerte fehlen vor allem die passenden Anschlusslösungen. Es gibt viele, vor allem ältere Menschen, die potenziell bereit wären, ihr Haus zu verkaufen, wenn sie in eine barrierefreie, stadtnahe Wohnung ziehen könnten. Aber die gibt es auf dem Markt kaum.“

Um Schwung auf den Schwerter Wohnungsmarkt zu bringen, brauche es daher keine neue Online-Plattform – sondern mehr senioren- und bedarfsgerechten Wohnraum.

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