Die Kastanie vor der Post in Schwerte hat nicht mehr lange zu leben

mlzStadtbildprägender Baum

Seit 150 Jahren prägt der prächtige Baum den heutigen Postplatz. Eigentlich unvorstellbar, dass es ihn bald nicht mehr geben könnte. Doch an den Gedanken muss man sich wohl gewöhnen.

Schwerte

, 14.05.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist ein Alarmzeichen. Naht das Ende des wohl prächtigsten und bekanntesten Baumes der in der Innenstadt von Schwerte? Die Krone der Postkastanie ist schütter geworden. Zwischen trockenen Trieben und großen Lücken wird der Durchblick frei auf Giebel und Türmchen des historischen Postamts. Das war noch gar nicht gebaut, da wuchs die Kastanie schon an ihrem Platz. Sie sah Postkutschen vorbeirattern, die Straßenbahn und die Panzer der Amerikaner. Generationen von Kindern käbbelten sich im Herbst um ihre rotbraunen Früchte.

Der Kreis Unna kümmert sich um das Naturdenkmal

Ob der stadtbildprägende Baum aber noch den Durchbruch der Elektro-Autos erleben wird, ist mehr als fraglich. „Viel älter kann die Kastanie nicht mehr werden“, sagt Thomas Rühle, der das Naturdenkmal als Baumfachmann des Kreises Unna seit 1994 unter seinen Fittichen hat. Er schätzt das Alter des Riesen auf rund 150 Jahre. Dementsprechend hat er an Vitalität eingebüßt. „Eigentlich sollte die Krone, wenn sich die Blätter nach dem Austrieb voll entwickelt haben, vollkommen undurchsichtig sein“, erklärt der Diplom-Ingenieur für Landschaftsplanung. Denn die Kastanie, die vom Ohridsee in Nordmazedonien stammt, sei eine sogenannte Schattholzart. 200-jährige Exemplare kennt Thomas Rühle im ganzen Kreis nur zwei. Eine davon steht geschützt im Innenbereich von Haus Ruhr in Wandhofen, inmitten einer großen Wiese.

Asphaltierte Flächen ringsum und ständige Baustellen setzen der Postkastanie zu - auch wenn bei der aktuellen Baumaßnahme laut Auskunft des Kreises Unna kein Wurzelwerk beschädigt worden ist.

Asphaltierte Flächen ringsum und ständige Baustellen setzen der Postkastanie zu - auch wenn bei der aktuellen Baumaßnahme laut Auskunft des Kreises Unna kein Wurzelwerk beschädigt worden ist. © Reinhard Schmitz

Auch die Postkastanie wurde einst ins Grüne gepflanzt, in den Garten der Villa eines Amtsrichters Brügmann. Doch das Wohnhaus musste 1908 Platz machen für den Bau des neuen Postamts und Postplatzes. Der damalige Bürgermeister Emil Rohrmann konnte mit einem Machtwort zwar gerade noch verhindern, dass die Kastanie gefällt wurde. Doch fortan musste sie mit einem schlechten Standort leben - umgeben von Straßen, Pflasterflächen und Verkehr. Immer wieder wurden dort Bürgersteige aufgerissen, um Leitungen zu verlegen. Bei den jüngsten Bauarbeiten hat Thomas Rühle aber keine beschädigten Wurzeln in den Gräben entdeckt. Nur einige Betonsteine, die Arbeiter auf der Baumscheibe abgelegt hatten - und wieder entfernen mussten. Denn die Freifläche mit der Natursteinmauer, unter der sich die Wurzeln ungestört entwickeln können, hat viel dazu beigetragen, dass es die Kastanie überhaupt noch gibt.

Ein ganzes Bündel an Schadfaktoren bedroht den Baum

Sie hat mit einem ganzen Paket an Schadfaktoren zu kämpfen. „Leider gibt es hier auch seit ein paar Jahren die Miniermotte“, berichtet Thomas Rühle. Mehr oder weniger stark hinterlässt sie ihre braunen Fraßgänge an den Blättern, was die Bäume schwächt. Außerdem bedroht das von einem Bakterium ausgelöste Kastaniensterben die Bäume. Die Blätter werden welk, die Stämme bluten.

Die Postkastanie ist ein Naturdenkmal und fällt in die Zuständigkeit des Kreises Unna.

Die Postkastanie ist ein Naturdenkmal und fällt in die Zuständigkeit des Kreises Unna. © Reinhard Schmitz

Weil die Postkastanie ein Naturdenkmal ist, muss der Kreis Unna die Verkehrssicherungspflicht rund um den Baum gewährleisten. Bis zur Windstärke 8 - soweit wird laut Thomas Rühle das „menschliche Ermessen“ ausgelegt - muss gewährleistet sein, dass niemand zu Schaden kommen kann. Mindestens einmal im Jahr schaut er zur Kontrolle vorbei, um bei Bedarf Pflegemaßnahmen einzuleiten. Einen großen Ast, der sich über den Senningsweg legt, hat er schon mit einem Gurtsystem sichern lassen. Die Seile sind zwischen den Blättern gut zu erkennen.

Experte rät: Jedes Frühjahr freuen, solange der Baum noch grün wird

Im nächsten Jahr geht der Baumexperte in den Ruhestand. Er muss das endgültige Absterben der Postkastanie in seiner Dienstzeit nicht mehr miterleben. „Das kann im nächsten oder übernächsten Jahr passieren“, hält er aber nicht für ausgeschlossen. Und rät: Solange der Baum noch steht, solle man sich jedesmal daran erfreuen, wenn er im Frühling noch einmal wieder grün wird.

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