Kein Geld fürs Mittagessen

SCHWERTE Mit knurrendem Magen in den Unterricht, mit Sommerschuhen durch den Schnee. Wer genau hinschaut, entdeckt immer mehr Kinder, die an der Wohlstandsgesellschaft nicht teilhaben. Dies und mehr erklärte Heidi Wenniges, Vorsitzende des Projektes gegen Kinderarmut, im Gespräch mit RN-Redakteur Reinhard Schmitz.

von Von Reinhard Schmitz

, 01.01.2008, 15:59 Uhr / Lesedauer: 2 min
Heidi Wenniges (65) kämpft mit 18 weiteren Männern und Frauen gegen die Kinderarmut in Schwerte.

Heidi Wenniges (65) kämpft mit 18 weiteren Männern und Frauen gegen die Kinderarmut in Schwerte.

Wie sind Sie auf das Problem gestoßen, lange bevor es durch alle Medien ging? Wenniges : Auslöser war die Einrichtung der Ganztagsschulen. Da haben wir uns gefragt, ob es dort Probleme gibt. Schnell stellte sich heraus, dass viele Kinder nicht am Mittagessen teilnahmen. Eltern konnten die 50 Euro im Monat nicht aufbringen.

Wurde das direkt zugegeben? Wenniges : Nein, die Schulen und Kindergärten haben unsere diskreten Fragen erst abgeblockt. Mittlerweile kommen sie aber auf uns zu.

Wie sieht Ihre Hilfe aus? Wenniges : Wir geben die Hälfte zu den Kosten für das Mittagessen. Bewusst nicht mehr. Die Verantwortung muss bei den Eltern bleiben.

Gibt es weitere Grundsätze? Wenniges : Alles geschieht anonym. Wie kennen keine Kinder und keine Eltern. Das Geld geht direkt an Vertrauenspersonen in den Einrichtungen. Außerdem arbeiten wir überkonfessionell.

Wie viele Kinder werden dank Ihrer Hilfe satt? Wenniges : Wir haben mit 38 Kindern begonnen. Jetzt sind es 145. Ich bin sicher, dass es noch eine höhere Dunkelziffer gibt.

Wie wird eine derart wachsende Aufgabe finanziert? Wenniges : Wir benötigen über 3000 Euro im Monat. Zum Glück gibt es viele Privatspender, bei Geburtstagen oder Beerdigungen. Ein großer Spender ist auch die Firma Hoesch. Und vom Amtsgericht bekommen wir viele Bußgelder zugesprochen.

Ihr Arbeitskreis ist aber auch selbst immer wieder aktiv. Wenniges : Ja, wir waren zum Beispiel auf sämtlichen katholischen Gemeindefesten im Ruhrtal mit einem Eis- oder Waffelstand vertreten. Die Erlöse fließen alle auf das Spendenkonto.

Aber Geld ist nicht alles. Wenniges : Wir regen deshalb auch an, in den Kindergärten einmal im Monat zusammen mit den Eltern zu kochen. Die Mütter müssen lernen, selbst frische Lebensmittel zuzubereiten. Es gibt nicht nur Schnellrestaurants. Dieses Bewusstsein muss sich verändern.

Haben Sie noch weitere Ideen? Wenniges : Ich hätte noch einen Wunsch an die Sportvereine. Kostenfrei sollten sie Kinder aus Familien aufnehmen, die den Beitrag nicht zahlen können.

Ihr Engagement hat schon andernorts Schule gemacht. Wenniges : Das stimmt. Solche Aktionen gibt es jetzt beispielsweise im Münsterland. Im Sommer sind wir in Paderborn mit dem Pauline-von-Mallinckrodt-Preis ausgezeichnet worden. Und im Herbst hat uns sogar NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zu einer Veranstaltung "Kinderarmut - für jedes Kind ein Mittagessen" nach Bonn eingeladen.

Was wurde dort diskutiert? Wenniges : Im Kern ging es um den Vorschlag, dass sich das Land mit einem Euro am Tag am Mittagessen in den Schulen beteiligt.

Wäre damit Ihre Aufgabe erledigt? Wenniges : Wenn das Land diese Kosten komplett auffangen würde, könnten wir uns anderen Themen zuwenden. Als unser Arbeitskreis vom katholischen Pastoralverbund ins Leben gerufen wurde, standen noch "Einsamkeit im Alter" und "Migranten" im Blickfeld. Wie haben uns damals zunächst für die Kinderarmut entschieden.

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