Kosmetik-Seminar: Make-Up im Gesicht ist eine Kampfansage gegen den Krebs

mlzMarienkrankenhaus Schwerte

Eine Chemotherapie verändert das Aussehen, die Haare fallen aus, die Haut wird empfindlich. In einem Schminkkurs bekommen krebskranke Frauen Tipps und Unterstützung - nicht nur am Spiegel.

Schwerte

, 06.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Martina liebt ihre Glatze, erzählt sie strahlend. Mit beiden Händen fährt sie sich über den kahlen Kopf. Eine Perücke war nichts für sie, nur zwei Mal hat Martina die getragen. Stattdessen hat sie sich entschieden, höchstens eine Mütze aufzusetzen, offen mit ihrer Glatze umzugehen - die gehört nämlich zu ihrer Krebserkrankung dazu.

Martinas Art von Brustkrebs ist genetisch bedingt. Auch in ihrer Familie gab es immer wieder Menschen, die mit der Krankheit zu kämpfen hatten. Regelmäßige Kontrollen beim Gynäkologen waren für sie also vorprogrammiert. Dann der Befund: Ein rund anderthalb Zentimeter großer Tumor in der Brust. Klein, aber bösartig.

Was dann folgt, ist das übliche Prozedere: Operation, Bestrahlung, Chemotherapie - eine Behandlung mit chemischen Substanzen, die die Vermehrung der Krebszellen stoppen soll. Und fast immer zu Haarausfall führt.

Make-Up, Mascara und Creme für die Seminare werden von Kosmetikfirmen bereitgestellt.

Make-Up, Mascara und Creme für die Seminare werden von Kosmetikfirmen bereitgestellt. © Aileen Kierstein

Schminkspiegel und Wattepads, Kosmetiktücher und Q-Tips

Ein Nachmittag im Marienkrankenhaus Schwerte: In der Cafeteria treffen sich sieben krebskranke Frauen zum Kosmetikseminar. Die meisten möchten nicht über sich reden. Auch Martina nennt lieber nur ihren Vornamen. Sie geht selbstbewusst mit ihrem Haarausfall um, aber möchte sich lieber nicht auf Fotos sehen.

Die Treffen im Marienkrankenhaus finden in regelmäßigen Abständen statt. An der langen Tischreihe liegen an jedem Platz Schminkspiegel, Wattepads, Kosmetiktücher und Q-Tips. Die übrigen Frauen um Martina gehen zur Krebstherapie alle ins Brustzentrum des Schwerter Krankenhauses. Martina kämpft im Dortmunder Johanneshospital gegen den Krebs. Dort hat die Schwerterin sich direkt wohl gefühlt - auch wenn sich das Programm in beiden Kliniken kaum unterscheidet.

Haarausfall ist nicht immer typisch, aber Typsache

Deutschlandweit erhalten pro Jahr mehr als 230.000 Frauen die Diagnose Krebs. Die Statistik verrät: Jede achte Frau erkrankt irgendwann im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Am größten ist die Gefahr zwischen dem 65. und dem 75. Geburtstag.

„Die Erkrankung ist aber inzwischen gut behandelbar“, sagt Katharina Niedobetzki - sie betreut die Patientinnen im Brustzentrum des Schwerter Krankenhauses.

Viele müssen dennoch eine Chemo- und Strahlentherapie machen. Die Haare fallen aus - vor allem bei Brustkrebs ist das fast immer der Fall, weiß sie. Viele verlieren auch Augenbrauen und Wimpern - das ist von Frau zu Frau unterschiedlich. Die Haut verändert sich während der Chemotherapie, oft wird sie sehr empfindlich und trocken, manche Patientinnen leiden auch unter wunden Stellen überall am Körper. „Dass man ihnen den Krebs auch noch ansieht, ist für viele Frauen besonders belastend“, sagt Niedobetzki.

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Es ist 14.30 Uhr, als die beiden Schwerter Kosmetikerinnen, die das Seminar ehrenamtlich leiten, loslegen. Alle Teilnehmerinnen sollen jetzt die graue Tasche der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) auspacken, die an jedem Platz steht. Darin: Gesichtswasser, Creme, Abdeckstift, Make-Up, Puder, Lidschatten und Mascara im Wert von etwa 140 Euro.

Verschiedene Kosmetikunternehmen spenden ihre Produkte an die DKMS Life - so ermöglicht die Organisation die Seminare. Die zwei Frauen laufen von Platz zu Platz, geben Tipps, tauschen sich aus und korrigieren, wenn die Frauen etwas falsch machen.

Austausch und Unterstützung beim Kosmetikseminar

Ein Seminar, in dem Martina gezeigt wird, wie sie sich richtig zurecht macht, braucht sie eigentlich nicht. Auch sonst hat sie sich immer geschminkt - und hat erst vor wenigen Wochen das gleiche Seminar im Johannes-Hospital mitgemacht.

Was ihr Freude macht, ist der Austausch.

„Dieser Kurs hier ist etwas Besonderes, denn es geht um viel mehr als nur Kosmetik.“ Es geht um gegenseitige Unterstützung und gleiche Erfahrungen. Immer wieder vergleichen die Frauen ihren Krankheitsverlauf, die Reaktion des eigenen Körpers und die Tage bis zur letzten Chemo.

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Die Seminare sind für alle Patientinnen kostenfrei. Deswegen ist die DKMS auf finanzielle Unterstützung angewiesen.
  • DKMS LIFE SPENDENKONTO
  • Deutsche Bank AG Reutlingen
  • IBAN DE27 6407 0085 0013 2308 00
  • BIC DEUTDESS640

„Ich hatte Glück“, weiß Martina. Der Tumor wurde frühzeitig erkannt und auch die Chemotherapie verträgt sie - abgesehen vom Haarausfall - gut. „Ich habe aber nicht lange gewartet - mein Sohn hat mir dann alle Haare abrasiert.“ Martina ist „quasi durch mit allem“ - trotzdem muss sie auch in Zukunft noch regelmäßig in die Klinik, um den Portkatheter - kurz Port, ein dauerhafter Zugang von außen in eine Vene - durchzuspülen.

Nach dem Krebs geht es weiter

Währenddessen geben die Kosmetikerinnen spezielle Tipps: Für die Augenbrauen gibt es Schablonen oder Stifte, die an der Spitze wie eine Gabel geformt sind, dass die aufgemalten Striche aussehen wie kleine Haare. Winzig aufgemalte Pünktchen am Wimpernkranz täuschen auch da Haare vor. Und permanentes Make-Up? Auf keinen Fall - die Haut ist „in solchen Zeiten sowieso schon empfindlich genug“.

Nur selten fallen Begriffe wie Krebs, Tumor oder Chemotherapie. Symbolisch dafür stehen Aussagen, „dass in diesem Zusammenhang“ die Wimpern ausfallen. Oder dass „in solchen Zeiten“ die Haut sehr empfindlich reagiert. Und dass der Hautton „jetzt“ zwar blass sei, bis zum Sommerurlaub aber alles wieder anders aussehe.

Es schwebt unausgesprochen zwischen all diesen Floskeln: Das Leben wird weitergehen. Und der Krebs ist nicht das Ende - sondern nur ein Lebensabschnitt. Wer die graue Tasche der DKMS auch zuhause öfter öffnet, der soll es im Alltag nicht noch schwerer haben, als es ohnehin schon ist.

„Ich glaube, dass wir uns alle wieder gerne im Spiegel betrachten möchten. Oft fühlen wir uns fremd, Make-Up gibt uns Wiedererkennungswert“, sagt Martina.

Das Seminar ist vorbei. Doch die Frauen bleiben und reden offen über den Krebs, lachen, tauschen sich gerne untereinander aus. Es müssen wohl welche von den unbeschwerten Stunden der Krebserkrankung sein.

Seminare im sechswöchigen Rhythmus

Das nächste Kosmetikseminar findet im Marienkrankenhaus am 9. April um 14.30 statt. Teilnehmerinnen sollten zwei Stunden einplanen und sich vorher bei Katharina Niedobetzki anmelden unter Tel. 109210.
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