Als Kundgebung mit geladenen Gästen fand das Kirschblütenfest in verkleinerter Form statt. © Heiko Mühlbauer

Kultur-Mahnwache unter Kirschblüten: Straßenfest-Feeling bis 23 Uhr

100 Leute waren angemeldet für die Mahnwache am Freitagabend an der Graf-Diederich-Straße in Schwerte. Die Genehmigung hatte man trotz Ausgangssperre bis 23 Uhr – keine Entscheidung aus Trotz, wie man versicherte.

100 Leute waren ab 20 Uhr am Freitagabend (30.4.) angemeldet bei Polizei und Ordnungsamt. Offizielles Ende: 23 Uhr – eine Stunde nach Beginn der Ausgangssperre. Und das war erlaubt, hatte man das Ganze als Mahnwache angekündigt. Die sollte es am Ende auch sein, wenngleich die Versammlung fast Straßenfest-Charakter hatte unter den Kirschblüten an der Graf-Diederich-Straße.

Das „richtige“ Schwerter Kirschblütenfest musste in diesem Jahr zum zweiten Mal infolge ausfallen, trotzdem kam man zusammen unter dem dichten Rosa der Bäume – Maske und Abstand waren vorgeschrieben. Einzelne Plakate waren zu sehen, sie unterstrichen an diesem Abend das, wofür man eigentlich da war: ein bisschen tanzen, ja; ein bisschen Musik, sicherlich. Letztendlich aber wollte man erhört werden. Denn das, sagte Musiker Guntmar Feuerstein, wäre lange nicht passiert.

Elf Polizeibeamte und zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes waren am Freitagabend (30.4.) vor Ort. Angemeldet war eine Mahnwache an der Graf-Diederich-Straße. © Vanessa Trinkwald © Vanessa Trinkwald

Zusammen mit seiner Tochter Emily machte er am Freitag Musik vor den nicht ganz 100 Leuten, die gekommen waren, und den Nachbarn, die hin und wieder durch die Fenster schauten. Ein kleiner Auftritt, fast normal, nur war da eben auch das mit Folie bedeckte Mikro, an das der Leiter des Schwerter Kulturbüros Holger Ehrich trat.

Die Musik kam am Freitagabend von Guntmar Feuerstein und seiner Tochter Emily. © Vanessa Trinkwald © Vanessa Trinkwald

„Das ganze Gerede über Systemrelevanz hat mich geärgert“, sagte Ehrich. „Die Idee, dass Kultur nicht relevant sei.“ Dabei sei Kultur doch das, „was uns zum Menschen macht“. In Deutschland gebe es die Tendenz auf die Teile der Kultur zu schauen, die einen selbst nicht interessieren, und dann zu sagen: „Ich war noch nie in der Oper, das interessiert mich nicht.“

Diese Leute würden aber vielleicht Tatort gucken, sagte Ehrich, oder zum Helene-Fischer-Konzert gehen. „Das ist auch Kultur… im weitesten Sinne.“ Ein paar kleine Lacher in der Runde, obwohl das Lachen der Kultur- und Eventbranche seit mehr als einem Jahr im Halse stecken bleibt.

„Manche sind richtig am Arsch“

Ralf Berge, gebürtiger Schwerter, am Freitag als „Ordner“ unterwegs, ansonsten aber Techniker in der Eventbranche, hat seit Monaten nichts mehr zu tun. „Ich nage nicht am Hungertuch, es gibt andere Leute, die sind richtig am Arsch.“ Trotzdem sei er ohne Job. Er bräuchte die großen Events: Juicy Beats im Dortmunder Westfalenpark, Konzerte, Hamburg-Marathon. Auf politischer Ebene seien viele Fehlentscheidungen getroffen worden. Das kritisierte auch Ehrich, der „mit Angst auf den Sommer blickt“, wie er sagte.

Als Mahnwache fand am Freitag ein kleines Kirschblütenfest in Schwerte statt. © Vanessa Trinkwald © Vanessa Trinkwald

Die Pandemie habe auch positive Beschleunigungseffekte, das wolle man nicht verschweigen. Den Zusammenhalt in der Kulturszene etwa, der auch an diesem Abend zu spüren war. Ein Solidaritätsticket für 5 Euro konnten die Besucher – Musiker, Künstler, Politiker, Kulturschaffende – am Freitag kaufen. Für das „Kirschblütenfest 2222“. So viel Ironie musste sein.

Ganz unironisch aber ist die Idee von Organisator Jörg Rost, mit diesen Einnahmen ein Festival für Jugendliche auf die Beine zu stellen. Dann, wenn man wieder darf. Ein Open-air-Event, vielleicht in den Ruhrwiesen.

Solidaritätstickets konnten für 5 Euro gekauft werden. Damit soll ein Festival für Jugendliche auf die Beine gestellt werden. © Vanessa Trinkwald © Vanessa Trinkwald

Als gegen 21 Uhr bei einsetzender Dunkelheit die Lichter angingen auf der Graf-Diederich-Straße, war für einen Moment alles wie immer. Nur die Streifenwagen der Polizei konnte man nicht ganz wegdenken, die Namensliste am Eingang für eine mögliche Rückverfolgung der Infektionskette ebenso wenig. Bewusst hatte man die Mahnwache im Vorfeld nicht angekündigt, um den Überblick über die Teilnehmer zu behalten, sagte Organisator Jörg Rost im Gespräch mit der Redaktion.

Mahnwache bis 23 Uhr angemeldet: Keine Entscheidung aus Trotz

Dass man die Mahnwache bis 23 Uhr angemeldet hatte, sei keine Entscheidung aus Trotz gegen die Corona-Maßnahmen gewesen. „Wir wollen das ein bisschen genießen, wenn später die Lichter an sind. Wir müssen uns gegenseitig auch ein bisschen trösten, uns Mut machen“, sagte Rost.

Dem widersprach die Polizei am Freitagabend nicht. Am Ende bekamen die Teilnehmer sogar eine Bescheinigung am Ausgang, die sie bei einer möglichen Kontrolle auf dem Weg nach Hause hätten vorzeigen können. „Vielleicht schauen jetzt andere Städte auf Schwerte“, sagte ein Beamter dann noch.

Die Frage steht nach der Veranstaltung, die offiziell eigentlich keine war, tatsächlich im Raum: Kann man sich daran ein Beispiel nehmen und die Ausgangssperre umgehen? Sind Feste mit Redebeiträgen auf diese Weise möglich? Zumindest in der Ruhrstadt lautete die Antwort am Freitagabend: „Ja“.

Zweideutige Botschaft: “Musik ist mit Abstand das Beste.” © Vanessa Trinkwald © Vanessa Trinkwald
Über die Autorin
Schwerte und Dortmunder Süden
Ist seit November 2020 für Schwerte und den Dortmunder Süden im Einsatz. Mag Nachrichten und nette Geschichten gleichermaßen. Schreibt gern, arbeitet aktuell aber eher im Hintergrund.
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Vanessa Trinkwald