„Hinter dem Fenster bin ich geboren, hinter dem bin ich aufgewachsen.“ Martin Fischer (62) ist in dem Fachwerkhaus Kampstraße 15 geboren, das die Stadt nun zum Baudenkmal erklärt hat. © Reinhard Schmitz
Kampstraße 15

Marodes Baudenkmal an der Kampstraße: Ex-Bewohner erinnert sich

Verlassen und marode wirkt das Fachwerkhaus an der Kampstraße, das die Stadt jetzt zum Denkmal gemacht hat. Ein Schwerter weiß, wie es darin aussah, wie man dort lebte. Er ist in dem Haus aufgewachsen.

Die mit Farbe beschmierte Plastikrolllade stoppt seit eh und je neugierige Blicke in das Wohnzimmer. Doch Martin Fischer weiß auch so, wie es dahinter aussieht. „Da bin ich geboren mit meiner Zwillingsschwester“, sagt der 62-Jährige und zeigt zu dem niedrigen Fenster herüber.

Eine Etage höher ist er aufgewachsen in dem Fachwerkhaus Kampstraße 15, das die Stadt jetzt trotz seines maroden Zustands zum Baudenkmal erklärt hat. Wie sich darin früher mal in ganz normalen Zeiten lebte, hat er noch bestens in Erinnerung.

1956 hat Vater Alfred Fischer das Haus für 25.000 Mark gekauft

Die paar Schritte in die Altstadt hinein bringen das Kopfkino ins Laufen. „Guck mal, da war der Briefkasten dran“, entfährt es dem Ex-Bewohner unvermittelt, als er einen Haken an einem angejahrten Fachwerkbalken entdeckt.

Dreimal täglich sei der damals geleert worden. Am Abend in der dunklen Jahreszeit manchmal schon im Schein der Gaslaterne, die irgendwo darüber an der Fassade klebte. Wenn es dämmerte, kam ein Bediensteter der Stadt mit einem langen Stock, um die Flamme mit einem Zugschalter zu entfachen.

„1956 hat mein Vater das Haus von einem Vorgänger gekauft, der Glaser hieß“, erzählt Martin Fischer: „Für 25.000 Mark.“ Unten gab es ein Wohnzimmer, die Küche, das Bad und ein Kabuff. Oben waren weitere vier Zimmer: „Aber alles ganz kleine Hucken.“

In einer davon lebte auch noch die Oma Martha Fischer, die damals das Casino im Eisenbahn-Ausbesserungswerk Schwerte-Ost betrieb. Zur Familie gehörte außerdem eine Tante, die man oft in dem voll ausgebauten Keller sah: „Da hatte die ein großes Tonfass, in dem sie Sauerkraut gemacht hat.“ Daneben lagerte im Kartoffelschoss der Vorrat für das Mittagessen.

Der Schweinstall wurde zur Garage für den NSU Prinz

In anderen Ecken des Untergeschosses türmte sich die Kohle für die Öfen, die durch Klappen im Bürgersteig hinuntergeworfen wurde. Erst später ließ Eigentümer Alfred Fischer eine Gasheizung einbauen. Sein Sohn, der am 17. November 1958 zur Welt kam, hat auch das Baderitual noch gut vor Augen. „Jeden Samstag war Badetag“, erzählt er: „Als Kinder sind wir da noch in die Zinkbadewanne gekommen.“ Die wurde praktischerweise auf zwei Holzschemeln aufgestellt.

Den ehemaligen Schweine- und Hühnerstall des Fachwerkhauses Kampstraße 15 baute der Vater von Martin Fischer zur Garage für seinen NSU Prinz um.
Den ehemaligen Schweine- und Hühnerstall des Fachwerkhauses Kampstraße 15 baute der Vater von Martin Fischer zur Garage für seinen NSU Prinz um. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Den Stall am Rand des Erdgeschosses, in dem frühere Bewohner einst Schweine und Hühner hielten, baute der Vater von Martin Fischer zur Garage um: „Wir hatten keine Tiere mehr.“ Stattdessen wohnte dort jetzt der NSU Prinz, der gut zwischen die engen Wände passte. Als weitere Neuerung durfte sich die Familie 1963 über den ersten Fernseher freuen: „Der war von Saba und wurde bei Gendrong an der Haselackstraße gekauft.“

Die Mutter fand auf dem Dachboden eine Bibel von 1757

Das uralte Gemäuer aus Holzbalken und Lehm hatte schon seine Eigenheiten. „Es wurde erzählt, und ich glaubte: Da spukt es in dem Haus“, berichtet Martin Fischer. Vor allem in der Nacht, wenn es ansonsten still war, war von überallher ein Knacken des Gebälks zu vernehmen. 1974 zog der Schwerter, der vielen heute als Taxifahrer bekannt ist, aus dem Elternhaus aus. Vor etwa 15 oder 20 Jahren habe sein Vater das dann verkauft. „Das ist quasi mein Erbe gewesen“, bedauert er.

Eine Bibel aus dem Jahre 1757 fand die Mutter von Martin Fischer einst auf dem Dachboden des Fachwerkhauses Kampstraße 15. Das Buch könnte ein Beleg dafür sein, dass das Gebäude tatsächlich schon im 16./17. Jahrhundert entstanden ist.
Eine Bibel aus dem Jahr 1757 fand die Mutter von Martin Fischer einst auf dem Dachboden des Fachwerkhauses Kampstraße 15. Das Buch könnte ein Beleg dafür sein, dass das Gebäude tatsächlich schon im 16./17. Jahrhundert entstanden ist. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Etwas ganz Besonderes ist Martin Fischer aber aus dieser Zeit geblieben. Vorsichtig klappt er das gute Stück, das er sicher in einem Schließfach aufbewahrt, für einen kurzen Moment auf. In unscheinbares Leder gebunden, entpuppt sich das Büchlein als eine Luther-Bibel aus dem Jahre 1757. „Die hat meine Mutter auf dem Dachboden gefunden“, berichtet der stolze Besitzer. Viele hätten ihm schon Geld dafür geboten: „Aber ich möchte sie keinem geben.“ Martin Fischer glaubt, dass ihr Alter auch einen Hinweis auf das Baujahr des Fachwerkhauses gibt: „Das ist angeblich im 16./17. Jahrhundert gebaut.“

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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