Ein Schüler der achten Klasse tippt in einer Schule auf einem iPad. Medienpädagoge Daniel Schlep sieht es allerdings kritisch, dass so viele Schulen iPads anschaffen. © picture alliance/dpa
Schulumfrage

Medienpädagoge fragt: „Seid ihr ernsthaft noch bei Trost?“

In unserer Umfrage zur Digitalisierung haben die weiterführenden Schulen in Schwerte mittelmäßige Noten bekommen. Medienpädagoge Daniel Schlep sagt: „Der Druck ist enorm.“

Wenn man sich mit Daniel Schlep über Medienerziehung und Digitalisierung unterhält, merkt man schnell, dass er für das Thema brennt. Der 38-Jährige, der aus Schwerte stammt, ist Musik- und Medienpädagoge. Die weiterführenden Schulen in Schwerte kennt er gut. Und er sagt: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht komplett konsumdressiert werden.“

Im vergangenen November hatte Schlep kritisiert, dass mit dem digitalen Wandel an Schulen keine iPad-Flut gemeint sei. Denn seiner Meinung nach haben sie nichts in Schulen zu suchen. „Ein iPad ist ein Konsumgerät, kein Arbeitsgerät.“

Rund 200 Schüler und Eltern hatten jetzt an unserer nicht repräsentativen Umfrage teilgenommen. In den anonymen Kommentaren hieß es unter anderem, dass es Schulen gebe, die „in alten Mustern“ verharrten und nur „eingeschränkte Medienkompetenz“ hätten.

RTG hat Laptop-Klassen ab Klasse 7

Diese Kritik richtete sich auch gegen das Ruhrtal-Gymnasium (RTG). Dort gibt es ab dem siebten Schuljahr Laptop-Klassen. Keine iPad-Klassen, wohlgemerkt. Und das ist für Daniel Schlep kein Grund zur Kritik. Ganz im Gegenteil: „Laptop-Klassen sind völlig legitim. Da lernen Kinder, mit einer Tastatur und einem vollwertigen System umzugehen.“ Und er fügt hinzu: „Alle meinen immer, Zoom und Teams und iPads seien modern, Notebooks dagegen unmodern. Das ist Bockmist!“

Der Experte betont, dass er Eltern, Schulen und Lehrern keine Vorwürfe macht. „Ich möchte niemanden anklagen, sondern Wissen vermitteln. Die Schulen stehen unter enormem Druck, das sind ja am Ende auch Wirtschaftsbetriebe.“

An beiden Schwerter Gymnasien hat Daniel Schlep bereits Schulungen und Kurse durchgeführt und mit der Theodor-Fleitmann-Gesamtschule hat er sich auch schon im Detail ausgetauscht. Die in der Umfrage geäußerte Kritik, das RTG sei in Sachen Digitalisierung rückständig, sei nicht richtig. „Fakt ist: Die gehen sehr sensibel mit dem Thema Medienkompetenz um und haben seit zehn Jahren Erfahrung damit.“

Musik- und Medienpädagoge Daniel Schlep (38) kennt die Schwerter Schulen gut.
Musik- und Medienpädagoge Daniel Schlep (38) kennt die Schwerter Schulen gut. © Schlep © Schlep

Eltern wünschten sich oft iPad-Klassen. „Das ist das, was die Bevölkerung für normal hält.“ Doch speziell iPads seien kein Zeichen für digitale Teilhabe, da sie das Verständnis für die Prozesse hinter modernen Medien stark einschränkten – und zeitgleich die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößerten.

„Gerade Schulen sollten in diesem Zusammenhang als Vorbild wirken“, fordert Schlep. „Es ist nicht der Auftrag von Schulen, Kindern beizubringen, wie man konsumiert oder fragwürdige Accounts bei einem globalen Konzern einrichtet.“

„Wie ein Kind vor dem Süßigkeitenregal“

Ein Beispiel für unreflektierte Mediennutzung ist nach Meinung des Medienpädagogen die Microsoft-App „OneNote“, mit deren Hilfe digitale Notizen gespeichert werden. „Hausaufgaben und prüfungsrelevante Inhalte liegen in einer Microsoft-Cloud. Da frage ich doch: Leute, seid ihr ernsthaft noch bei Trost?“

Wichtig sei es, dass Kinder lernten, wie man Mails schreibt, Ordner anlegt und verwaltet, kurz: wie sie den Computer, mit dem sie arbeiten, auch verstehen und kontrollieren. „Wir benehmen uns bezüglich der Digitalisierung oft wie ein Kind vorm Süßigkeitenregal, das alles in sich hineinstopfen will. Doch es ist nicht gesund, einfach alles zu nutzen, was geht.“

Daniel Schlep sieht nicht allein in Werbung und Konsumdenken das Problem. Sondern darin, dass mit der Einrichtung eines persönlichen Accounts der Datenabgriff beginnt. „Das Problem ist, später möglicherweise in keine private Krankenkasse zu kommen. Oder keinen Job zu bekommen. Möchten Eltern wirklich, dass Namen, Bewegungen, Vorlieben, Verhaltensweisen, Stärken, Schwächen von Kindern dauerhaft in Profilen gespeichert werden und zur Auswertung bereitstehen?“

Doch was ist die Lösung? Hier empfiehlt der Medienpädagoge einen Schritt, der vielen erst einmal „gegen den Strich“ gehen wird: das Upcycling. Daniel Schlep: „Vorhandene Geräte können durch das richtige Wissen und die richtigen Werkzeuge circa bis zu 20 Jahre lang zum Einsatz kommen. Dabei werden Geld, Elektroschrott und Daten gespart.“

Gebe man einem Kind einen 15 Jahre alten Computer, ausgestattet mit dem Betriebssystem Linux, könne er versprechen: „Viele Kinder werden aufblühen und sogar ihr Smartphone weglegen.“

Und wenn es doch ein neues Gerät sein soll? „Dann sollte das Produkt durchdacht ausgewählt werden, um einen langfristigen Nutzen zu bieten und echte Medienkompetenz zu fördern. Heutige Tablets erfüllen diese Punkte noch nicht.“

„Wir leben alle im digitalen Mittelalter.“

Der Experte kennt einen Lehrer aus Schwerte, der mit gutem Beispiel vorangehe. Namen und Schule nennt er bewusst nicht. „Er setzt sich für Medienkompetenz ein, geht dabei in Sachen Geldausgaben, Elektroschrottvermeidung und Datenschutz reflektiert vor, nutzt Werkzeuge aus der Freien Software – ohne Account, ohne Werbung, ohne Datenabgriff, ohne Ketten.“

Die gesamte Fachschaft habe der Lehrer an das Thema herangeführt. „Und als Sahnehäubchen hat er alte Standrechner und Notebooks organisiert und diese mit Linux und Freier Software eingerichtet. Für Schülerinnen und Schüler, die kein eigenes oder nur eingeschränkte Geräte haben.“

In unserer Umfrage hatte ein Elternteil bemängelt, die Schule des Kindes befände sich noch „im digitalen Mittelalter“. Dazu sagt Daniel Schlep, der auch Geschichte studiert hat: „Wir leben alle im digitalen Mittelalter. Damals war alles von Gott gegeben und wurde nicht in Frage gestellt. Heute heißen diese Götter Facebook, Amazon, Microsoft, Apple und Google.“

Musik- und Medienpädagoge

  • Daniel Schlep (38) stammt aus Schwerte und lebt heute in Dortmund. Er ist Musik- und Medienpädagoge und hat in der Vergangenheit bereits mit einer Vielzahl von weltbekannten Firmen an Produkten und Kampagnen speziell im Marketing und im Medienbereich gewirkt.
  • Heute liegt sein Fokus auf Wissen und nicht mehr auf Material. So ist er deutschlandweit in Magazinen, Zeitungen, Verwaltungen, Schulen, etc. aktiv, um Kompetenz, Kreativität und Kritikfähigkeit im Umgang mit Medien zu schaffen.
  • Sein Grundsatz: „Der Mensch sollte all seine Werkzeuge genau kennen – nur so kann er bewusst und frei agieren.“
  • Auf seiner Homepage und unter der E-Mailadresse info@danielschlep.de kann man ihn erreichen und mehr erfahren.
Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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