Der mutmaßliche Mörder kam in Handschellen nach Schwerte. Und blieb auch nach seiner Haftentlassung in der Stadt. Eine folgenschwere Entscheidung - und in der Form bislang ein Einzelfall.

Ergste

, 25.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Er kam von Aachen nach Schwerte, verlegt von einer Haftanstalt in die nächste - verurteilt wegen Mordes und Vergewaltigung von zwei Frauen. Damals war Michael S. gerade mal 21 Jahre alt. Mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte der mittlerweile 50-Jährige hinter Gittern, und wird das vielleicht auch weiterhin tun. Denn im Januar soll er - kurz nach seiner Haftentlassung - sein drittes Opfer gefunden haben: eine Seniorin aus Ergste.

Gemordet in Aachen, dort inhaftiert, von der Justiz nach Schwerte geschickt, nach der Entlassung in Schwerte geblieben, in Schwerte gemordet: Sieht so der übliche Weg aus? Suchen Gefangene nach der Haft einen Neustart am Sitz der Vollzugsanstalt? Und leben folglich in einer Stadt mit eigener JVA auch viele ehemalige Straftäter?

Nicht unbedingt. Der Weg von Michael S. ist in fast jeder Hinsicht die Ausnahme zur Regel, so viel vorab.

„Alles, was wir tun, zielt auf Resozialisierung ab“

Wie konnte es also passieren, dass der mutmaßliche Mörder in den wenigen Wochen seines Lebens in Freiheit augenscheinlich wieder in seine alten Muster zurückfällt? Zu seinem Verhalten hinter den Gefängnismauern wollte niemand in der JVA Ergste etwas sagen. Schließlich handelt es sich um ein laufendes Gerichtsverfahren gegen S. wegen Mordes. Was man aber sagen konnte: Bereits in Haft gibt es eine ganze Bandbreite von „vollzugsöffnenden Maßnahmen“, die die Häftlinge für das Leben in Freiheit fit machen sollen.

„Alles was wir tun, zielt auf die Resozialisierung ab“, sagt Sebastian Markus von der Justizvollzugsanstalt in Ergste. Von Sportprogrammen und Meditation über Psychotherapien bis zur Vermittlung in die Drogen- und Schuldnerberatung reichen die Bemühungen, den Start draußen zu erleichtern. „Wir setzen die Gefangenen nicht einfach vor die Tür“, erklärt Markus.

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Zur Entlassungsvorbereitung gehöre auch die Suche nach einer Wohnung oder Arbeitsstelle. Insbesondere nach langer Haftzeit - wie auch im Fall von Michael S. - müsse die Betreuung besonders intensiv sein, heißt es aus der JVA. Bei einer Entlassung auf Bewährung sei immer ein Bewährungshelfer involviert oder eben die notwendigen Beratungsstellen - alles abhängig vom Einzelfall.

Herausforderung der Freiheit

Ob und wie regelmäßig bei Michael S. Nachsorge geleistet wurde, vermag Sebastian Markus nicht zu sagen. Denn: „Mit der Entlassung des Häftlings sind wir nicht mehr zuständig.“ Wie groß war für den mutmaßlichen Mörder also die Herausforderung der neu gewonnenen Freiheit? Die schwierige Phase des Übergangs von Gefangenschaft zu Freiheit halten auch Experten des Justizministeriums für entscheidend: Demnach geschehen rund 50 Prozent der Rückfälle im ersten Jahr nach der Haftentlassung. „Drehtür-Effekt“ wird diese Abfolge von Haft-Entlassung-Haft auch genannt.

Michael S. bleibt - sollte er schuldig gesprochen werden - weit unter dieser Statistik. Gerade mal 103 Tage liegen zwischen seiner Entlassung am 28. September 2018 und dem Mord am 9. Januar.

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Die Langzeitstudie zeigt, dass bundesweit fast jeder zweite Ex-Häftling wieder straffällig wird. Wegen Tötungsdelikten Verurteilte zeigen mit weniger als 20 Prozent die niedrigsten Rückfallraten - und weniger als 1 Prozent der Personen, die aufgrund eines Tötungsdelikts erfasst wurden, werden erneut mit einem Tötungsdelikt rückfällig.

Eine verschwindend geringe Quote, aber Michael S. könnte dazu gehören. Und auch seine Entscheidung, nach der Entlassung in Schwerte zu bleiben, sich hier ein neues Leben aufzubauen, ist ungewöhnlich, schon fast ein Einzelfall.

Wahl des Wohnorts liegt beim Gefangenen

„Wir haben im vergangenen Jahr 170 Häftlinge entlassen - davon sind drei in Schwerte geblieben“, beschreibt Sebastian Markus auf Anfrage. Das ist wenig, findet auch Markus. Die Wahl des Wohnorts liege immer beim Ex-Gefangenen, die jeweilige Anstalt habe darauf keinen Einfluss - es sei denn, ein Gericht legt im Rahmen der Bewährung einen Wohnort fest, weiß Marcus Strunk vom Justizministerium NRW.

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Nach den Erfahrungen des Ministeriums verlassen die meisten Strafentlassenen die Region und kehren in ihr gewohntes soziales und familiäres Umfeld von vor dem Haftantritt zurück. Nur in wenigen Fällen bleibe der Gefangene nach der Haft am Sitz der Vollzugsanstalt. Das bestätigen auch die Zahlen aus Schwerte. Das weiterhin existierende soziale Netz, in der Regel am Wohnort, helfe, dass der Täter nach Verbüßung der Strafe wieder Tritt fasse.

Im Fall von Michael S. könnte seine Verlegung aus Aachen in das rund 150 Kilometer entfernte Schwerte auch den Verlust seiner sozialen Kontakte bedeutet haben, bestätigt Sebastian Markus. Nicht alle Familien und Freunde legen über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten weite Strecken in die Besuchsräume der Gefängnisse zurück. Ein Neuanfang in einer anderen Stadt hätte für S. der richtige Weg sein können.

Es sind viele Faktoren, die zeigen, dass Michael S. nach seiner Entlassung nicht den typischen Weg gegangen ist. Derzeit sitzt der Tatverdächtige in U-Haft in Hagen. Dort schweigt er nach wie vor beharrlich, bestätigt Michael Burggräf von der zuständigen Staatsanwaltschaft. Erst in einigen Wochen könne man mit neuen Erkenntnissen rechnen.

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