Michael S. hat eine 72-Jährige in Ergste umgebracht – selbst der Verteidiger zweifelt nicht daran. Der Staatsanwalt forderte am Mittwoch Lebenslang. Der Verteidiger antwortete bemerkenswert.

Ergste

, 30.10.2019, 17:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine „menschenverachtende Gesinnung“, eine „besondere Schwere der Tat“, eine „besonders schwere Brandstiftung“, um zu vertuschen, dass er eine 72-Jährige umgebracht hatte - Staatsanwalt Michael Burggräf fand deutliche Worte in seinem Plädoyer am Ende des Mord-Prozesses von Ergste.

Michael S. (50) wird vorgeworfen, die Frau in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar 2019 aus sexuellen Motiven umgebracht zu haben. Anschließend soll er versucht haben, den Körper sowie das ganze Haus anzustecken.

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Michael S. sagte doch nicht aus – die Plädoyers folgen

Entgegen eines vorherigen Versprechens wollte Michael S., der 1990 schon eine Frau umgebracht hatte und danach bis drei Monate vor der Ergster Tat in Gefängnissen saß, nun doch nichts mehr zur Nacht sagen, in der die 72-Jährige starb.

Deshalb ging es an Prozesstag Nummer elf nun doch schnell zu den Plädoyers: Staatsanwalt Burggräf führte die Indizien zusammen und entwickelte das wahrscheinlichste Szenario: Irgendwann am Abend muss Michael S. mit der Frau ins Haus gegangen sein.

Was passierte am Abend des 9. Januar in Ergste?

Spontan? Unwahrscheinlich. Als gezielte Verabredung? Ebenfalls unwahrscheinlich. Wahrscheinlich habe man sich eher vor dem Haus getroffen und „das Geschehen hat sich ins Haus verlagert“, wie Burggräf sachlich formulierte.

Was drinnen passiert sei? Da wurde er deutlicher. Bei allem, was man über den Angeklagten und seine Vorgeschichte kenne, was die Auswertung der Computerdaten ergeben habe und was aus psychologischer Sicht und von Zeugen bekannt geworden sei, gebe es nur einen Schluss: Michael S. habe aus sexuellen Motiven gehandelt. Er habe „zumindest versucht, die Geschädigte sexuell zu nötigen“.

Staatsanwalt: Michael S. handelte zielgerichtet und überlegt

An vielen Stellen im Haus fand man Michael S.‘ DNA - unter anderem am Körper der Toten, zudem an der Unterhose, die neben der Frau lag. Ein Hämatom im Gesicht, Stiche auf den Oberkörper – es sei zwar nicht klar, an welchem Teil der Gewalteinwirkung die Frau konkret gestorben sei. Aber es sei klar: Damit habe Michael S. seine Tat vertuschen wollen.

Mehr noch: Im Obergeschoss schaltete er das Bügeleisen ein, den Körper hüllte er in Decken, die er in Brand steckte. Dass noch Unterhose und Strumpfhose herumlagen und dass er Vieles ohne Handschuhe anfasste – all das habe ihn nicht gestört. Denn, so Staatsanwalt Burggräf: „Es spielte keine Rolle. Der Brand sollte alles vernichten.“

Ganz zielgerichtet habe Michael S. gehandelt. Und durch diese Klarheit lasse sich auch erklären, warum er wenige Tage vor der Tat bei einer anderen älteren Frau noch eine Zurückweisung akzeptiert habe. Da kannte ihn die Tochter. Da wäre er schnell als Täter in Frage gekommen.

Eine Verbindung von Michael S. und der 72-Jährigen hätte aber niemand herstellen können – zumindest nicht ohne Weiteres und ohne DNA-Analyse.

„Deshalb ist er als gefährlich für die Allgemeinheit einzustufen“

Burggräf schlussfolgerte: Genau deshalb – und da Michael S. nie wirklich therapiert worden sei – „ist er als gefährlich für die Allgemeinheit einzustufen“.

Ein Antrag auf lebenslängliche Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung also. Würde der Richter dem folgen, wäre es so gut wie ausgeschlossen, dass Michael S. noch einmal freikäme. Was würde der Verteidiger darauf erwidern?

Verteidiger stellt keinen eigenen Antrag, sondern erklärt

Martin Düerkop sprach ruhig und bedächtig: „Manchmal beschränkt sich die Aufgabe eines Verteidigers am Ende eines Verfahrens darin zu versuchen, die Tat zu erklären.“

Einen eigenen Antrag auf ein milderes Urteil stellte er nicht. Was Schuldfähigkeit, was Gefahr für die Allgemeinheit angehe – er stimme nicht direkt zu, aber er stelle auch nicht groß in Frage, was der Staatsanwalt gefolgert hatte.

Intellektuell entwickelt, aber sozial überhaupt nicht

Stattdessen ließ Düerkop noch einmal das erschreckende Leben von Michael S. passieren: Obdachlosenunterkunft, von vielen Leuten im Laufe des Lebens missbraucht, auch sexuell, früh kriminell, Heime, Jugendhaft, der Mord von 1990, dann Gefängnisse, in denen man ihm erst nicht habe Bildung und Therapie gewähren wollen – und später habe es dann sinngemäß geheißen, nun sei es für Sozialtherapie auch zu spät.

Intellektuell möge sich Michael S. in der JVA Schwerte weiter entwickelt haben, sozial aber nicht. „Er stabilisiert sich weiter. Da mag aber auch viel Fassade gewesen sein“, so Düerkop.

Verteidiger: „Durch seine Hände ist die Frau gestorben“

„Fest steht: Dieser Angeklagte war im Haus, und durch seine Hände ist die Frau gestorben.“ Auch das ein bemerkenswerter Satz für einen Verteidiger, der gegenüber den Richtern und Schöffen um den Vorsitzenden Marcus Teich nur sinngemäß andeutete: Entscheiden Sie, ob die Ausführungen der Staatsanwaltschaft in allen Punkten wahrscheinlich sind oder ob es vielleicht doch andere Schlussfolgerungen geben könnte.

Aber eine geringere Strafe? Die forderte er nicht.

Ganz am Ende: Fast doch noch ein Geständnis

Und was sagte Michael S. selbst ganz am Ende des Prozesses? „Nur ein Satz: Ich bitte um Vergebung.“ Das war nicht das Geständnis, das viele für diesen Prozesstag erwartet hatten, aber es war ziemlich nah dran.

Urteil

So geht der Prozess weiter

Zwölfter und letzter Prozesstag: Mittwoch, 6. November, 11 Uhr, Saal 201, Landgericht Hagen. Dann wird das Urteil gesprochen.
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