Wieso musste eine 72-Jährige aus Ergste sterben? Hat der verurteilte Mörder Michael S. im Januar einen weiteren Mord begangen - und falls ja: wieso? So lief Tag 2 der Verhandlung.

Ergste

, 19.07.2019, 05:05 Uhr / Lesedauer: 6 min

Was ist geschehen in der Nacht auf den 9. Januar 2019 in diesem Haus an der Gillstraße in Schwerte-Ergste? Das Landgericht Hagen will der Antwort näherkommen - auch am zweiten Tag der Verhandlung gegen Michael S.

Der 50-Jährige, der nach Mord, Raub und sexuellen Taten insgesamt 28 Jahre hinter Gittern verbracht hatte, soll in dieser Nacht eine 72-Jährige ermordet haben. Nur wenige Monate nach seiner Entlassung aus der JVA in Ergste, die keine 100 Meter vom Tatort entfernt lag.

Wenige Tage nach dem Mord filmte sich Michael S. gerade live auf Facebook, als Polizisten seine Wohnung stürmten.

Der 50-Jährige schweigt zu den Vorwürfen - zumindest war das der Stand bis Tag 1 der Verhandlung am Landgericht.

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Für Freitag, 19. Juli, 9 Uhr hat der Vorsitzende Richter Marcus Teich den zweiten Verhandlungstag angesetzt. Acht Zeugen sind geladen. Vor allem das Umfeld des mutmaßlichen Täters wird beleuchtet.

Wir haben an dieser Stelle aus dem Gerichtssaal berichtet. Hier finden Sie den Inhalt des Live-Tickers nachträglich in chronologische Reihenfolge gebracht.

9:08 Uhr - Hälfte der Zuschauerplätze belegt

Angeklagter, Verteidiger und Staatsanwalt sind da. Die Richter müssten auch gleich kommen in den Schwurgerichtssaal. 25 Plätze im Zuschauerraum sind besetzt. Unter anderem mit den Freunden des Opfers, die wieder die T-Shirts tragen, auf denen die 72-Jährige zu sehen ist.

9:15 Uhr - Wie lief die Vernehmung bei der Polizei ab?

Erster Zeuge des Tages: der Polizist, der Michael S. nach der Festnahme verhörte. „Er war abwartend, abgezockt. So hörte sich das für mich an“, sagt der Kriminalbeamte aus Dortmund.

Wie man denn auf ihn komme, habe der Angeklagte gefragt. Und ansonsten gesagt: Er kenne die 72-Jährige nicht, nicht einmal der Vorname sage ihm etwas.

Der Tag, an dem die Tat geschah, sei relativ normal verlaufen: Er sei aufgestanden, viel zu spät, sei zu spät auf der Arbeit gewesen, dann weggeschickt worden. Später habe er sich mit einer Freundin im Café getroffen, Drogen genommen, der Fernseher sei gelaufen, aber nur nebenbei. Er habe geputzt und sei gegen 23.30 Uhr ins Bett gegangen.

Am nächsten Morgen um kurz vor 4 Uhr sei er aufgestanden, habe den Müll rausgebracht, sei dann von einem Kollegen zur Arbeit mitgenommen worden.

Und zur vermeintlichen Tatzeit, wo sei er da konkret gewesen? Da habe Michael S. abgeblockt, sagt der Mann von der Kripo.

9:25 Uhr - Wie hatte sich Michael S. nach der JVA-Entlassung auf der Arbeit gemacht?

Noch in seiner Zeit in der JVA Schwerte hatte Michael S. ein Praktikum bei einem Schwerter Gartenbetrieb gemacht.

Da war der Chef noch begeistert: „Er hat richtig mit angepackt, war top, war zuverlässig.“ Nach der Entlassung im Oktober 2018, als er ihn fest angestellt hatte, habe sich das geändert: Michael S. habe sich krank gemeldet, sei nicht erreichbar gewesen, mal samstags nicht gekommen, ab und an habe er sogar auf der Baustelle „eine Stunde hinter dem Bagger geschlafen“.

Von anderen Mitarbeitern erfuhr der Chef, dass Michael S. Drogen nahm. Er wollte ihn rauswerfen. Dann passierten die Tat und die Festnahme.

Interessant auch: Der Gartenbauer behauptet, von Seiten der JVA habe man ihm nicht die Wahrheit gesagt über den Grund, warum Michael S. im Gefängnis gesessen habe. „Es hieß immer, er hätte jemanden im Affekt abgestochen.“

Tatsächlich verbrachte Michael S. insgesamt 28 Jahre hinter Gittern, weil er 1990 eine Frau missbraucht und ermordet, eine weitere belästigt und beraubt hatte.

„Wir haben versucht zu helfen“, sagt der Ex-Chef: „Wir fanden ihn sympathisch und nett.“ Hätte Michael S. einen Führerschein gemacht, das Kettensägen gelernt - er hätte gerne auch mehr arbeiten und mehr verdienen können. Aber das Engagement sei nicht da gewesen.

Ach so, der Gartenbauer stellt auch klar: „Die Verstorbene war nicht unsere Kundin.“

Und am Tag, an dem die Tat geschah, habe Michael S. nervös gewirkt und stark gestottert.

Mord-Prozess gegen Michael S. - So lief Tag 2 am Landgericht Hagen

Die JVA in Schwerte-Ergste. © Björn Althoff

9:42 Uhr - Ab sofort mit eingeschalteten Mikrofonen

Kurios am Rande: Eine Zuschauerin bittet den Vorsitzenden Richter, dass man die Mikrofone anstellen könnte. Man würde die Zeugenaussagen so schlecht verstehen.

Nach kurzen technischen Problemen klappt das. Und alle sind zufrieden.

9:45 Uhr - So gute Bedingungen nach der Entlassung hat kaum jemand

Die Bewährungshelferin stellt klar: So gute Bedingungen nach der Haft-Entlassung hat kaum jemand. So eine gute Vorbereitung, wie sie die JVA Schwerte für Michael S. organisiert hatte, habe sie in 30 Jahren so gut wie nie erlebt: eine schöne Wohnung, eine Arbeitsstelle, die ihm gefallen habe, viele Vorleistungen also.

Vier Mal sei sie - bei angekündigten Terminen - in Michael S.‘ Wohnung gewesen. Alles sei aufgeräumt gewesen, in gutem Zustand, sauber, ohne Anhaltspunkte für Alkohol oder Drogen. „Er war sehr ruhig, zurückhaltend, unauffällig, nie aggressiv.“

Von den Problemen auf der Arbeit sei sie überrascht gewesen. „Er hätte doch dort wirklich eine Zukunft gehabt.“ Erst nach der Festnahme habe sie dann auf den Facebook-Videos von Michael S. wahrgenommen, dass er wohl eine Art Doppelleben geführt habe.

Hätte sie gedacht, dass draußen alles glatt laufe für Michael S., wo er doch auf Bewährung draußen war: „Ladendiebstahl, Schwarzfahren, vielleicht nach einem Kneipenbesuch eine Körperverletzung – so etwas hätte ich mir vorstellen können. Also dass die Bewährungszeit nicht problemlos läuft. Aber so eine schwere Straftat...“

10:07 Uhr - Ehrenamtlicher: „Ein Aufschneider ohne Ende“

„Er ist ein Aufschneider ohne Ende und ein Weltmeister, der sich an keine Regeln hält.“ Das sagt ein Schwerter, der sich ehrenamtlich um die Inhaftierten der JVA kümmert.

Er und seine Frau besitzen ein Appartement, in dem sie regelmäßig Menschen aufnehmen, die am Ende ihrer Haftzeit mal ein Wochenende außerhalb des Gefängnisses verbringen dürfen.

Auch Michael S. war da, kam freitags, ging sonntags zurück in die JVA nach Ergste, frühstückte mit dem Ehepaar, war ansonsten aber irgendwo anders unterwegs. Ab September 2017 sei das zunächst in monatlichen Abständen passiert, so der Zeuge. Dann habe Michael S. erzählt, ja, er habe seinen Ausweis verloren und könne nicht kommen.

Und im Mai 2018 schließlich sei Michael S. an einem Freitag gekommen - und erst am Sonntag sei aufgefallen, dass er seit Freitagabend schon weg sei. Der Ehrenamtliche rief den Gefängnispfarrer Dirk Harms an, der sich aus dem Urlaub heraus kümmerte. Schließlich habe die JVA es irgendwie geschafft, Michael S. zu erreichen.

Das sei dann aber auch das Ende der Wochenend-Übernachtungen draußen gewesen.

Am 2. Oktober, also gut vier Monate später, wurde Michael S. entlassen.

Mittlerweile hatte der Ehrenamtliche ein großes Paket für den Ex-Häftling. Eine Freundin hatte es gebracht. Doch Michael S. habe ihn immer vertröstet: Demnächst hole er es ab, habe er gesagt.

Kurz vor Weihnachten dann der Anruf: Nein, das Paket brauche er jetzt nicht, aber dringend Geld, er habe nichts zu essen. 100 Euro gab ihm der Ehrenamtliche. Zurück habe er es bis heute nicht.

10:20 Uhr - Lügengeschichten über die Zeit im Gefängnis

Wieso saß er 28 Jahre lang in unterschiedlichen Gefängnissen? Das wollten irgendwann auch die Frauen wissen, die Michael S. kennenlernte, vor allem in Kneipen.

Ein schweres Leben habe er gehabt, sei vom Vater missbraucht worden, dann schon mit zehn Jahren obdachlos geworden. Als Jugendlicher habe er einen anderen Jugendlichen erschlagen, als der sexuell zudringlich geworden wäre.

Und dann - auf einem Freigang - habe er schließlich den Vater erschlagen. So sei die Antwort gewesen, die sie erhalten habe, erzählt eine 48-Jährige.

Ein Mann mit guten Umgangsformen sei Michael S. in seiner kurzen Zeit in Freiheit gewesen. „Ein attraktiver Mann, für mich nicht, aber im Allgemeinen schon.“

Am 8. Januar - also am Tag, bevor die ermordete 72-Jährige in ihrer Wohnung gefunden wurde - habe man sich in einem Café am Schwerter Markt getroffen. Nachmittags, zwischen 14 und 15 Uhr. Später habe es nur noch Whatsapp-Kontakt gegeben.

Denn Michael S. habe aufgeregt seinen Schlüssel gesucht, der letzten Endes dann doch in seiner Wohnungstür gesteckt habe.

Mord-Prozess gegen Michael S. - So lief Tag 2 am Landgericht Hagen

Im Schwurgerichtssaal des Landgerichtes Hagen findet der Prozess statt. © Björn Althoff

11:11 Uhr – Die nächste Bekannte, die nächsten Lügen

28 Jahre im Gefängnis - wieso? Auch eine andere Bekannte fragte das. Und erhielt wieder eine andere Geschichte aufgetischt: Er sei auf einen Mann getroffen, habe ihn um Geld gebeten und ihn dann in einer Kurzschlussreaktion erschlagen.

Dass er einfach ein paar Tage nicht zur Arbeit gegangen sei, wie es Chef und Bewährungshelferin behaupteten? Nein, sie habe gehört, so die 39-Jährige, er sei gekündigt worden. Dann aber - nach zwei, drei Tagen - habe sich das geklärt und er habe wiederkommen dürfen, habe Michael S. erzählt.

Weihnachten bei der Schwester, „das war wohl nicht so toll“.

11:23 Uhr – Als sich Michael S. auf die Couch der grauhaarigen Frau legte

Sie kannten sich nur flüchtig, erklärt die grauhaarige Hausfrau, die als Letzte am heutigen Tag im Zeugenstand Platz nimmt. Die 58-Jährige ist die Mutter der 39-Jährigen, die vor ihr ausgesagt hatte.

Einige Male sei man sich vorher begegnet, ein bisschen Smalltalk, sonst nichts. Sie verkaufte Michael S. einen Fernseher, schenkte ihm einen Schreibtisch.

Dann - im Januar 2019 sei das gewesen, also wenige Tage vor der Tat - sei er vorbeigekommen. Zum Kaffeetrinken eigentlich, dann habe er sich aber auf die Couch gefläzt, gefragt, ob er beim Fernsehgucken rauchen dürfte.

Er durfte, zog einen Joint hervor und rauchte.

Kurz darauf, so beschreibt es die 58-Jährige, habe Michael S. durch die Hose an seinem Penis herumgespielt und geraunt: „Komm doch mal rüber!“

„Ich habe ihm gesagt, er soll das lassen.“

Michael S. sei dann aufgestanden, habe sich das T-Shirt gerichtet und zur Entschuldigung gesagt: Sobald er einen Joint geraucht habe, werde er sexsüchtig.

11:44 Uhr - Das war‘s für heute - am 25. Juli geht es weiter

Acht Zeugen haben ausgesagt. Pünktlich zum Mittagessen ist dieser Verhandlungstag rum.

Weiter geht es am Donnerstag, 25. Juli, wieder ab 9 Uhr. Auch dann sind wir wieder vor Ort und berichten.


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