Im Mord-Prozess von Ergste ist es am Donnerstag um DNA-Spuren gegangen. Die Sachverständige erklärte, wie wahrscheinlich es ist, dass neben dem 72-jährigen Opfer auch Michael S. im Haus war.

Ergste

, 25.07.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dritter Prozesstag im Landgericht Hagen, eine ganze Reihe von Polizisten sagten aus: Welche Spuren es nach dem Mord im Haus des Opfers zu finden gab, nachdem die 72-Jährige am Morgen des 9. Januar gefunden wurde. Wie es aussah in der Wohnung von Michael S., nachdem er am 13. Januar festgenommen wurde. Welche digitalen Spuren bei Google, Facebook und in den Computerdaten allgemein hinterlassen wurden. Und was im Tagebuch der Toten stand.

Über allem steht weiterhin die Frage: Beging Michael S. nach 28 Jahren im Gefängnis und wenigen Monaten in Freiheit wieder einen Mord? Kannte er das Opfer überhaupt? Kurz nach der Festnahme hatte er das bestritten. In der Verhandlung sagt er gar nichts mehr zu den Vorwürfen.

Es ist ein Puzzle, das die Richter und Schöffen um den Vorsitzenden Marcus Teich zusammenfügen müssen. Viele Zeugen hatten an den ersten beiden Prozesstagen schon ausgesagt: Nachbarn der Toten sowie diejenigen, die als erste am Tatort waren - dann auch viele Menschen aus dem Umfeld von Michael S., die ihm wieder helfen wollten, draußen außerhalb der JVA-Mauern Fuß zu fassen.

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Bekannte: „Ich kam mir eher vor wie seine Mutter“

Das misslang offenbar - wie am Donnerstag eine weitere Bekannte erklärte. Im Zeugenstand erinnerte sie sich daran, wie sie Michael S. einst kennenlernte. Er sei noch JVA-Inhaftierter gewesen, aber in der Garten-Außenkolonne eingesetzt gewesen. „Hallo, ich bin der Michael“, habe er gesagt, freundlich gewirkt, sie auch zum Theaterstück in die JVA eingeladen.

Als er entlassen war, brachte sie ihm Lampen, Decken, gerne noch mehr. War das eine Beziehung? „Nein, ich kam mir eher vor wie seine Mutter.“

Nur wenige Wochen sei er tatsächlich euphorisch gewesen und dankbar über seinen Job bei einem Gartenbaubetrieb. „Aber ab November war er völlig neben der Spur.“

Die Selbstdarstellung bei Facebook, das unentschuldigte Nicht-zur-Arbeit-Gehen, der offensichtliche Alkohol- und Drogen-Einfluss - er hätte sich stark verändert in dieser Zeit.

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Hilfe von einer Psychologin? Michael S. lehnte harsch ab

Die Frau machte sich Sorgen, redete bei einer zufälligen Begegnung mit einer Psychologin darüber und ging am Sonntag, 6. Januar, ein letztes Mal zu ihm. „Ich kann dir gerne ihre Telefonnummer geben“, habe sie gesagt, doch Michael S. habe harsch abgelehnt.

„Mir war die Situation sehr unheimlich“, sagt die Frau.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Januar passierte der Mord in Ergste.

DNA-Spuren auf iPhone, Türklinke und Unterhose

Und Michael S. muss vorher in der Wohnung der Toten gewesen sein. Die Sachverständige, die die DNA-Spuren untersuchte, sagte am Donnerstag: „Man kann ohne jeden Zweifel davon ausgehen.“

Nicht nur an der Türklinke, im Türrahmen, auf dem iPhone der Toten und auf dem Bügeleisen, das im Obergeschoss eingeschaltet auf einer dicken Bettdecke gelegen hatte, fand sich DNA von Michael S., sondern auch auf der Unterhose der Toten.

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Mord-Opfer trug eine schwarze Hose, aber keine Unterhose

Die trug sie ebensowenig am Leib wie eine Strumpfhose. Lediglich mit einer schwarzen Hose war ihr Unterkörper bekleidet, als Polizisten ihn halb verbrannt fanden. Die Kleidung am Oberkörper war hochgeschoben. Identifiziert wurde die Leiche vor allem über die Zähne.

All das waren Details, die verschiedene Polizisten am Donnerstag als Zeugen erläuterten. Überhaupt: Viele Einzelheiten ließen sich Richter, Staatsanwalt und Verteidiger zeigen - viele auch an den Fotos in den Akten, sodass sie für die Zuschauer nicht erkennbar waren: Wo lag welches Messer, welches abgebrochene Messerteil? Wo kann ein Kampf stattgefunden haben? Wie sah es in der Wohnung von Michael S. aus, nachdem man ihn festgenommen hatte?

Mord-Prozess von Ergste: DNA-Spuren von Michael S. auf der Unterhose der Toten

Michael S. beim Prozessauftakt. Er schweigt weiterhin zu den Vorwürfen. © Björn Althoff

Alkohol, Drogen, eine Taschenuhr und ein kaputtes Hemd

Auffällig in der Wohnung des 50-Jährigen - abgesehen von vielen Alkoholflaschen und Drogen: Wäsche in der Waschmaschine, farblich wild durcheinander, sogar mit Schuhen. Ein Hemd sei kaputt gewesen - vermutlich nachdem es mit Schmirgelpapier behandelt worden sei. Auch rötliche Verfärbungen habe es gegeben, hieß es von den Polizisten.

Und: In Michael S.‘ Wohnung habe man eine Taschenuhr gefunden, die offenbar von der Toten stamme.

Rund um die Tatzeit gab es keine Facebook-Aktivität - im Gegensatz zu den Tagen und Nächten zuvor und danach.

Mord-Prozess von Ergste: DNA-Spuren von Michael S. auf der Unterhose der Toten

Diesen Begriff googelte der Täter. © Björn Althoff

Vom Computer wurde nach „Porno Oma“ gesucht

Dafür gab es eine digitale Spur vom Computer der 72-Jährigen, der nicht mit einem Passwort geschützt war. In der Mordnacht gab es eine Suchanfrage nach „Porno Oma“ und das Anklicken des ersten Video-Treffers.

Auch ein ganz analoges Beweismittel sichteten die Polizisten: das Tagebuch der Toten. Am 6. Januar gab es demnach einen Eintrag mit einem Hinweis auf ein „Blind Date“, mit dem die Frau telefoniert habe.

Am 8. Januar gab es ein letztes Festnetz-Gespräch: ab 18.40 Uhr, 26 Minuten lang, offenbar mit einer Freundin. Und die letzte Handy-Aktivität etwa zeitgleich: um 19.11 Uhr.

Was ab da geschah? Wie die DNA-Spuren ins Haus der Toten kamen? Michael S. schweigt weiter dazu.

Vierter Verhandlungstag

Weiter geht es am 31. Juli

Prozesstag Nummer vier ist Mittwoch, 31. Juli - und ein recht kurzer. Nur wenige Zeugen sind laut Liste geladen: vor allem Polizisten, die sich um den Tatort und die Befragung der Nachbarschaft gekümmert haben. An den weiteren Prozesstagen - 13., 14. und 29. August - folgen dann die Auftritte von Gutachtern, Plädoyers und das Urteil.
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