Tag 3 im Mord-Prozess von Ergste: Michael S. (50) soll eine 72-Jährige ermordet haben, schweigt weiterhin zu den Vorwürfen. Am Donnerstag ging es um DNA-Spuren - und um digitale Spuren.

Ergste

, 25.07.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Wer war das Opfer? Wie wurde die Leiche gefunden? Wer ist der mutmaßliche Täter? Und wie hat er sich in den wenigen Monaten nach seiner Entlassung aus der JVA Schwerte und der Verhaftung nach dem Mord an einer 72-Jährigen in Ergste verhalten?

Diese Fragen sind schon beantwortet worden an den ersten beiden Verhandlungstagen am Landgericht Hagen gegen Michael S.

Für den dritten von sieben Verhandlungstagen hatte das Gericht um den Vorsitzenden Richter Marcus Teich neun Zeugen geladen. Und vor allem ging es um dann um die Frage: Welche Spuren hat die Polizei im Haus der Toten und rund um den Angeklagten und verurteilten Mörder gesichert?

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Wichtige Erkenntnisse von Prozesstag 3:

  • Einige DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden, stammen nicht nur vom Opfer, sondern auch vom Angeklagten.
  • Wenige Tage vor ihrem Tod schrieb die 72-Jährige von einem bevorstehenden Blind Date.
  • Nach der vermuteten Tatzeit wurde vom Rechner der Frau aus nach „Porno Oma“ gesucht.
  • Das Opfer trug keine Unterwäsche mehr.
  • Der Angeklagte war in der Nacht, in der die Tat geschah, untypischerweise nicht bei Facebook aktiv.
  • Zwischen Mord und Festnahme versuchte er offenbar, etwas aus einem Hemd zu bekommen - unter anderem mit Schmirgelpapier.

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Hier können Sie unseren Live-Ticker aus dem Gerichtssaal nachlesen. Der besseren Lesbarkeit wegen haben wir ihn nach Ende des Verhandlungstages in chronologische Reihenfolge gebracht.

8:55 Uhr - Rund 20 Zuschauer wollen in den Saal

Auch an Tag 3 ist das Interesse so groß wie an den anderen Tagen. Rund 20 Menschen wollen in den Zuschauerbereich. Aber bisher dürfen erst Richter, Verteidiger, Staatsanwalt und andere Prozessbeteiligte in den Saal.

9:10 Uhr - Gleich beginnt der Verhandlungstag aber

MIttlerweile sind alle im Saal - bis auf die drei Richter, die zwei Schöffen und die Zeugen.

9:25 Uhr - Wie sah es am Tatort aus?

Erster Zeuge des Tages: ein Polizist von der Spurensicherung, der das Haus der ermordeten 72-Jährigen nach der Tat untersuchte.

Auch er berichtet von Brandspuren im Wohnzimmer, von Messerklingen, die unter der Leiche gelegen hätten - und davon, dass die Kleidung am Oberkörper der Toten zwar stark verbrannt, aber offenbar hochgeschoben war.

Zusammen mit Richtern, Schöffen, Verteidiger und Staatsanwalt schaut der Polizist auf Fotos und erklärt: Wo war der Eingang zum Wohnzimmer? Wo lagen Klingen? Wie sah es wo genau aus?

9:32 Uhr - Ein Blind Date? Und wo war die Unterhose?

Jetzt sagt eine Polizistin aus, die viele Spuren ausgewertet hat und viel mit ermittelnden Kollegen aus mehreren Abteilungen sprach.

Das Opfer sei letzten Endes über einen Abgleich von Zähnen und Protese identifiziert worden.

Die 72-Jährige habe zwar eine schwarze Hose und Schuhe getragen, aber Slip und Strumpfhose hätten über einem Hocker im Wohnzimmer gelegen.

Und aus Tagebuch-Einträgen würden mehrere Dinge hervorgehen: Am 6. Januar - also keine drei Tage vor der Tat - habe die 72-Jährige demnach mit einem Blind Date telefoniert. Schon vorher sei sie offenbar auf Partnersuche gewesen. Darauf würden zumindest andere Einträge hindeuten.

Und: Das Bügeleisen, das im Obergeschoss eingeschaltet auf dem Bett lag, sei neu angeschafft gewesen. An ihrem letzten Lebenstag schrieb die 72-Jährige demnach: „Bügeleisen geliefert, einiges an Kissen zu bügeln, bügelt gut.“

9:48 Uhr - „Ab November war er völlig neben der Spur“

Noch einmal geht es um die Frage, wie sich Michael S. in seiner Zeit in der JVA Schwerte gab und wie in der Zeit nach der Entlassung. Die nächste Zeugin, eine 61-Jährige, erinnert sich: Mit dem Gartenkommando der JVA sei sie ihm häufig begegnet, wenn sie mit dem Hund unterwegs gewesen sei.

„Hallo, ich bin der Michael“, habe er geheißen. Man kam ins Gespräch. Die Frau „bangte mit ihm“, als es um die Frage ging, ob die Entlassung klappe und wann. Sie besuchte ihn „bei seinem Theaterstück in der JVA“.

Als er draußen war, brachte sie ihm Lampen, Decken, gerne noch mehr. Doch Vieles, was sie bei einem ehrenamtlichen Helfer abgegeben hatte, holte Michael S. nie ab.

Sie half ihm, aber: „Ne Beziehung? Nein! Ich kam mir eher vor wie seine Mutter.“

Sie habe ihm vorgehalten „was er für einen Scheiß bei Facebook gepostet hat, seine Videos. Er hat sich selbst dargestellt.“

Im ersten Monat draußen sei Michael S. noch „euphorisch gewesen und dankbar, einen Job zu haben. Aber ab November war er völlig neben der Spur.“

Am Sonntag vor dem Mord sei sie zum letzten Mal bei ihn gewesen. Kurz vorher hatte sie eine Psychologin getroffen. Sie könne ihm die Telefonnummer geben.

Aber das habe ihn nicht interessiert. „Und mir war die Situation sehr unheimlich.“

Am Mord-Tag selbst habe sie frühmorgens eine Nachricht erhalten: „Wenn du die Augen schließt, kann ich sehen, was du siehst auf dem Weg nach Hause.“

Ihr Antwort, sinngemäß: Musst du nicht arbeiten?

Seine Antwort: „Ich muss jetzt duschen gehen, weil ich einen Termin habe um 10.15 Uhr.“

10:07 Uhr - Wo war welches Messer? Wo spielte sich der Kampf ab?

Ein weiterer Spurensicherungs-Polizist schaut zusammen mit den Prozessbeteiligten - abgesehen vom Angeklagten natürlich - am Richtertisch auf Fotos: Wie sah es wo im Haus aus? Wo gab es Spuren eines Kampfes? Welches Messer war wo und woher kam es wohl?

Zwei interessante Aspekte: Die Haustür schloss nur nach kräftigem Ruck. Auch die Polizisten mussten manchmal mehrfach ziehen.

Nach dem Mord war die Tür ebenfalls nur angelehnt. Das ließ Nachbarn die Feuerwehr rufen.

Und: Ein Kampf habe laut der Spuren nur im Wohnzimmer stattgefunden, nicht in anderen Räumen.

10:47 Uhr - Taschenuhr der Toten war bei Michael S.

Man schaut weiter mit dem Spurensicherungs-Polizisten auf Fotos, mittlerweile auf welche aus der Wohnung von Michael S. nach der Festnahme.

Dort habe man die Taschenuhr der Toten gefunden.

11:09 Uhr - Was in der Tat-Nacht gegooglet wurde

Ein IT-Experte, der für die Polizei gearbeitet hat, erklärt, was in der Tat-Nacht am Computer geschehen sein muss.

Zwei Macbooks seien einfach zugeklappt gewesen, also im Energiesparmodus. Die Rechner seien nicht durch ein Passwort geschützt gewesen.

Es habe eine Google-Suche stattgefunden - nach „Porno-Oma“. Das erste Suchergebnis sei angeklickt worden. Für wie lange, das habe sich nicht feststellen lassen.

Gab es vorher schon einmal eine Suche nach Pornos von diesen Rechnern aus? Der Fachmann sagt: Nein.


11:24 Uhr - DNA-Spuren stammen vom Opfer und von Michael S.

Was ist im Labor herausgekommen? Von wem stammt die DNA, die am Tatort gefunden wurde? Eine Sachverständige vom Rechtsmedizinischen Institut München, das alles ausgewertet hat, geht erst viel auf Wahrscheinlichkeiten ein, auf Verfahrensweisen und auf all das, was rein theoretisch zu Fehlern führen könnte.

Dann wird sie aber konkret: „Man kann ohne jeden Zweifel davon ausgehen“, dass sich in einigen Spuren die DNA der Toten und die DNA von Michael S. befinde.

Manche andere Spuren könnten von Michael S. stammen. Es seien aber zu wenige, als dass man es wissenschaftlich als bewiesen ansehen könnte.



11:45 Uhr - Das war‘s vom dritten Verhandlungstag - weiter geht es am 31. Juli

Der Vorsitzende Richter schließt die Beweisaufnahme für heute. Weiter gehen soll es am Mittwoch, 31. Juli, 9 Uhr.


11:48 Uhr - Doch nicht Schluss für heute - eine Polizistin sagt noch aus

Die Mitarbeiter der Justiz öffnen die Tür überraschend doch noch einmal: „Fortsetzung.“

Eine Polizistin war noch als Zeugin geladen, aber bisher nicht drangekommen.

Sie hat Michael S.‘ Facebook-Profil ausgewertet, das zum allergrößten Teil öffentlich zugänglich ist und war. An normalen Tagen habe er viel gepostet, oft Selbstportraits, Sprüche und Videos von sich selbst. Häufig habe er auch Videos geteilt.

Am Abend des 8. Januar hingegen nicht. Und am 9. Januar erst wieder ab 19.31 Uhr. Dazwischen liegt die Mord-Nacht.

11:52 Uhr - Was die Polizisten in der Wohnung von Michael S. fanden

Die Polizistin war nach der Festnahme einige Tage später auch in Michael S.‘ Wohnung. Sie erinnert sich an viele Alkoholflaschen, weißes Pulver auf dem Tisch, auch an andere Drogen.

Im Badezimmer sei ein Hemd gewesen, aus dem Stücke herausgeschnitten gewesen seien. Etwas Ähnliches hatte zuvor schon eine andere Polizistin ausgesagt: Sie hatte von Kleidung in der Waschmaschine berichtet - alle Farben durcheinander, nicht getrennt - von nassen Sneakern, ebenfalls aus der Maschine.

Mindestens ein Hemd sei mit Schmirgelpapier oder Ähnlichem behandelt worden. An Handtüchern und Kleidungsstücken sei Rötliches zu sehen gewesen. Blut etwa? Das trauen sich die Polizisten ohne Analyse nicht zu sagen. Und für die Analyse seien ja andere Kollegen zuständig gewesen.

11:56 Uhr - Wann gibt es die letzten Lebenszeichen der Toten?

Auch das hat die Polizisten, die noch immer im Zeugenstand sitzt, untersucht.

Das letzte Festnetz-Gespräch am Telefon: 18.40 Uhr, 26 Minuten lang, offenbar mit einer Freundin.

Die letzte Handy-Aktivität von vielen an dem Tag: um 19.11 Uhr.

Und dann ist da noch ein Tagebuch-Eintrag - abgeblich vom 9. Januar, 6.30 Uhr. Also zu einem Zeitpunkt, an dem die Frau schon nicht mehr lebte.

So richtig schlau wurden die Ermittler nicht darauf. Der Eintrag sei identisch mit dem Eintrag vom 7. Januar. Vielleicht habe das Band im Buch an der falschen Stelle gelegen, vielleicht habe sie deshalb am 7. Januar den Tag verwechselt.

Ein normaler Morgen: Taschen aus dem Auto geholt, etwas vorbereitet, frühmorgens schon aktiv gewesen.

Der Eintrag unter dem 9. Januar jedenfalls bricht irgendwann ab. Vielleicht also, weil dann der Fehler auffiel und die 72-Jährige den Eintrag dann unter dem 7. Januar eintrug. Vielleicht aber auch - das sei ihre erste Vermutung gewesen, sagt die Polizistin - weil die Frau dazu gedrängt worden sei, etwas zu schreiben.

12:12 Uhr - Jetzt ist der Verhandlungstag wirklich vorbei

Alle Zeugen abgehakt, viele detaillierte Erkenntnisse, viele sprechen dafür, dass der Angeklagte der Täter ist - jetzt ist Verhandlungstag Nummer drei vorbei.

Der Vorsitzende Richter Marcus Teich bittet die Zuschauer und Beteiligten um Verzeihung für das „Rein-und-raus gerade eben“. Jetzt aber schließe er die Verhandlung für heute tatsächlich.

Weiter geht‘s am Mittwoch, 31. Juli, um 9 Uhr. Wir sind dann wieder vor Ort und berichten.

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