Nachbarn des Mordopfers in Ergste sind in Sorge: Wie sicher ist die JVA?

mlzMord in Ergste

Die Angst geht um in Ergste. Nach dem schrecklichen Mord an einer Nachbarin durch einen Ex-Gefangenen sorgen sich die Anwohner um die Sicherheit der JVA. Und fordern mehr Information.

Ergste

, 02.02.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vom Wohnzimmer aus kann man ins eigentlich idyllische Feld blicken. Die Nachbarn haben sich am Tisch versammelt und diskutieren aufgeregt. Seit drei Wochen herrscht Ausnahmezustand in der Gillstraße, seit der schreckliche Mord an einer Nachbarin passierte. Der Tatverdächtige, ein ehemaliger Strafgefangener. Seitdem wirken die hohen Mauern der JVA am Ende der Straße bedrohlich. Eigentlich hatten die Menschen hier gelernt, damit zu leben - doch nun fragen sich viele: „Wie sicher sind wir hier eigentlich noch?“

Das Opfer galt als vorsichtig

Hier am Tisch kannten alle das Opfer. Eine 72 Jahre alte Frau, die seit Jahrzehnten in ihrem Haus lebte. Die letzten fast zwei Jahre, nach dem Tod ihres Lebensgefährten wohnte sie allein.

Zuetzt haben sich die Nachbarn bei der Trauerfeier und der Urnenbeisetzung des Mordopfers getroffen. Und dabei auch festgestellt, dass sie sich plötzlich alle unsicher fühlen. Sie sind sich sicher: Die 72-Jährige habe den Mann abends nicht einfach ins Haus gelassen. Dazu sei die Frau viel zu vorsichtig gewesen.

Den mutmaßlichen Täter kannten fast alle Nachbarn

Den mutmaßlichen Täter haben die meisten von ihnen auch schon gesehen. „Der ging hier überall rum“, erzählt eine Nachbarin, während er seiner Außenarbeitstätigkeiten rund um die JVA nachging. Der Mann habe auch immer gegrüßt und von sich aus Passanten angesprochen. Bei einigen Anwohnern habe man ihn auch mal im Garten gesehen, wie er kleine Handlangerdienste verrichtet habe.

Nachbarn des Mordopfers in Ergste sind in Sorge: Wie sicher ist die JVA?

Der dringend Tatverdächtige Ex-Häftling arbeitete auch im Gartenbau. © Mühlbauer

Der 50-Jährige, der mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt, hatte wohl in der Außenarbeitsgruppe der JVA gearbeitet. Und später auch ein Praktikum bei einem Gartenbaubetrieb gemacht.

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„Der war sicherlich mit den Gegebenheiten der Anwohner vertraut“, sagt eine andere Nachbarin und beschreibt auch die Unsicherheit, die sie seit dem Tag begleitet: „Ich hätte neulich beinahe dem Kartoffelmann nicht die Tür geöffnet.“

„Gefangene arbeiteten vor der Anstalt ohne Bewachung“

Wenn es klingelt, fühlen sich viele neuerdings verunsichert. Vor allem davor, dass bei gutem Wetter wieder Außenarbeitgruppen von Häftlingen unterwegs sind. „Früher waren da immer Bedienstete dabei“, sagt ein Nachbar, der bereits seit 1984 hier in der Nähe der JVA wohnt. Zuletzt habe er gar keine Justizbediensten mehr gesehen.

„Die haben da vor der Anstalt in der Sonne gesessen oder Liegestütze gemacht. Wir wissen ja gar nicht, was das für welche sind“, sagt ein Nachbar. Erst seit der Tat wäre ihm bewusst geworden, dass es sich auch um Möder und Sexualstraftäter handeln könne.

Nachbarn des Mordopfers in Ergste sind in Sorge: Wie sicher ist die JVA?

So nah reicht die Siedlung in Ergste an die JVA heran (oben). Links unten im Bild sieht man die Hafthäuser, rechts Verwaltungstrakt, Sportplatz und die Räume der Firmen, die hier produzieren lassen. © Neubauer

„Wir fragen uns, ob das jetzt Konsequenzen hat“, formulieren sie. „Was ist mit unserer Sicherheit? Wer garantiert dafür?“ In der Siedlung leben auch ältere Menschen und Kinder. Schließlich sehe es für die Nachbarn so aus, als ober der Täter gezielt hier zugeschlagen habe.

Anstaltsleiterin betont, es gebe keine Außenarbeitsgruppe mehr

Anstaltsleiterin Gabriele Harms betont auf Nachfrage der Redaktion, dass sie die Sorgen der Nachbarn ernst nehme. Seit Sommer gebe es keine Außenarbeitsgruppe mehr. „Wir haben die Pflege des Grüns rund um die Anstalt an eine Firma vergeben“, berichtet sie.

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Letztlich habe das aber nicht mit Sicherheitsbedenken zu tun, sondern sei dem Umstand geschuldet, dass die in Frage kommenden Gefangenen nach aktueller Lage eher in den offenen Vollzug kommen. Das heißt, sie arbeiten bei Arbeitgebern außerhalb des Gefängnisses und kommen nur abends in die Anstalt zurück.

Außenarbeiter wurden nur stichprobenartig kontrolliert.

Für beide Fälle gelte aber, dass es sich um Gefangene handele, die man speziell ausgesucht habe. „Das hängt immer von der jeweiligen Person ab“, so Harms. Es würden Gutachter eingeschaltet und Vollzugskonferenzen befinden darüber.

Recht hatten die Nachbarn damit, dass die Außenarbeitsgruppe nur in unregelmäßigen Zeitabständen von Bediensteten kontrolliert wurde.

Anstalt sieht aktuell keine Notwendigkeit zu Veränderungen

Dass der Ex-Häftling, der im Oktober entlassen wurde, in das Umfeld der JVA zurückkehrte und hier wahrscheinlich einen Mord beging, sei nach derzeitigem Stand kein Anlass, etwas im Bereich Sicherheit oder anderen Abläufen in der JVA zu ändern. „Ich sehe nach dem bisherigen Stand dazu keine Notwendigkeit“, betont Harms. Einem Gespräch mit den Nachbarn würde sie aber selbstverständlich zustimmen.

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Ob das die Nachbarn beruhigt? Man mache sich nach so einer Tat seine Gedanken, lassen die Anwesenden durchblicken, vor allem was die Einschätzung der Gefangenen durch Gutachter betreffe. Der Tatverdächtige soll angeblich erst nach mehrmaligen Versuchen, seine Haft zu verkürzen seine Entlassung nach einer lebenslänglichen Haftstrafe genehmigt bekommen haben.

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