Noten messen niemanden

SCHWERTE Mit Festakt, Schulfest und anderen Veranstaltungen feiert das Ruhrtal-Gymnasium 150. Geburtstag. RN-Redakteur Heiko Mühlbauer sprach mit Schulleiterin Carla Rothe über Veränderungen in Schule und Gesellschaft und den schönsten Beruf der Welt.

von Von Heiko Mühlbauer

, 05.09.2007, 07:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Hat nach eigener Einschätzung den schönsten Job der Welt: RTG-Schulleiterin Carla Rothe.

Hat nach eigener Einschätzung den schönsten Job der Welt: RTG-Schulleiterin Carla Rothe.

Begonnen hat die Geschichte Ihrer Schule als Lehranstalt für höhere Töchter, wünschen Sie sich manchmal diese Zeit zurück?Rothe: Nein, schon alleine, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Aber die Bürde der Geschichte hängt uns heute noch manchmal nach. Und das, obwohl wir uns im vermeintlich „männlichen“ Bereich der Naturwissenschaften längst gut aufgestellt haben.Müssen Schulen heute um das demografische Auslaufmodell Schüler buhlen?Rothe: Da sind wir in Schwerte in einer komfortablen Position. Entgegen aller Berechnungen sind beide Gymnasien noch vierzügig. Das liegt auch daran, dass die Schulform Gymnasium attraktiver geworden ist, und Schüler, die früher zur Realschule gegangen sind, heute vielleicht eher zu den Gymnasien abwandern.Dennoch sind Schulen bemüht, sich zu unterscheiden.Rothe: Natürlich, das ist aber auch im eigenen Interesse. Erstens möchte man gute Angebote machen. Und wer will schon an einer Schule arbeiten, in der nichts läuft.Was hat sich in der Schule in den letzten Jahren am signifikantesten geändert?Rothe: Die Anforderungen an Schule sind gewachsen. Wenn gesellschaftlich ein Problem existiert, wird heute gleich nach der Schule gerufen. Erziehungsprobleme, falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Suchtprobleme, Konflikte im Elternhaus, Überforderung oder Unterforderung von Schülern, immer wird nach der Schule gerufen. Und das bei den selben oder schlechteren Rahmenbedingungen und mit Kollegen, die dafür nicht professionell ausgebildet worden sind.Ist das Personal der Schulen überaltert?Rothe: Nun, zumindest ist der Altersdurchschnitt der Lehrer an Gymnasien relativ hoch. Bei uns liegt er bei Mitte 50. Das liegt auch daran, dass unsere Schule früher größer war und deshalb in der Vergangenheit viele Stellen nicht ersetzt wurden. In letzter Zeit ändert sich das langsam. Bei uns stehen in diesem Jahr vier Pensionierungen an, so dass kurzfristig mit neuen Kollegen zu rechnen ist.Wie steht es mit der Motivation des Kollegiums?Rothe: Es gibt viele engagierte Leute hier, die sehr viel tun. Allerdings ist die Halbwertzeit bildungspolitischer Vorgaben immer kürzer. Und je nach Ausgang der Landtagswahl könnte sich mit der Einheitsschule noch mal alles ändern. Das motiviert nicht. Dennoch bleibt für mich Lehrer der schönste Job der Welt.Auch, wenn man Noten geben muss?Rothe: Noten werden in dieser Gesellschaft zu viel Bedeutung zugemessen. Sie gehören zum Schulbetrieb dazu. Aber wer glaubt, er könne einen Schüler in diesem Spektrum von 1 bis 6 messen, der irrt.Was würden Sie sich von Ihrem Schulträger, der Stadt, zum Geburtstag wünschen?Rothe: Angesichts der Tatsache, dass die Stadt Geldsorgen hat, wäre der Wunsch nach mehr Geld illusorisch. Ich würde mir mehr Anerkennung wünschen. Denn Schwerte kann froh darüber sein, dass es in dieser Stadt durchweg gute Schulen gibt.

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