Englisch pauken in den Sommerferien? Manche Schulen bieten gerade Aufholprogramme an. Können die coronabedingte Ausfälle auffangen? © Martina Niehaus
Nachhilfe

Pauken in den Ferien: Kann man so Corona-Lücken schließen?

Der pandemiebedingte Unterricht - im Homeschooling oder Wechselunterricht, zuletzt in der Schule - ist mit Beginn der Ferien vorbei. Haben die Kinder Zeit zum Erholen? Oder müssen sie pauken?

Die Sommerferien beginnen – für manche Schüler bedeutet das nicht nur Erholung. Denn in vielen Familien ist Lernen angesagt. Macht das Sinn – nach rund eineinhalb Jahren Pandemie?

Es kommt darauf an – sagt der Schwerter Schulleiter Heiko Klanke. Er leitet das Friedrich-Bährens-Gymnasium, das in der letzten Ferienwoche eine Woche Nachhol-Unterricht anbietet – und zwar im Rahmen des Programms „Extra-Zeit zum Lernen in NRW“ des Schulministeriums (siehe Anhang).

Viele Eltern sind offenbar interessiert

Das Interesse der Eltern scheint da zu sein. „Vor sechs Wochen haben wir eine Abfrage gemacht, da haben sich bereits rund 50 Personen gemeldet“, erzählt Klanke.

Er glaubt durchaus, dass gerade Schüler, bei denen sich während des Distanzunterrichts Lücken gebildet haben, auf diese Weise profitieren können. „Unser Distanzunterricht ist eigentlich gut gelaufen.“ Aber so hätten die Kinder die Möglichkeit, eventuell entstandene Defizite zu verbessern.

Heiko Klanke vom Friedrich-Bährens-Gymnasium bietet ein Nachhilfe-Paket in den Sommerferien an.
Heiko Klanke vom Friedrich-Bährens-Gymnasium bietet ein Nachhilfe-Paket in den Sommerferien an. © Heiko Mühlbauer © Heiko Mühlbauer

Der Schulleiter wüsste auch von anderen Schwerter Schulen, die mitmachten. „Die Stadt hat die Mittel beim Land beantragt. Sobald die Anträge bewilligt sind, können sich noch mehr Eltern bei uns melden“, verkündet Heiko Klanke.

Damit die Kinder sich erstmal erholen können, habe sich die Schule bewusst für die sechste Woche entschieden. An vier Vormittagen sind Lehrer, Eltern und Oberstufenschüler anwesend. Und ausschlafen dürfen die Kinder auch – Beginn ist erst um 10 Uhr.

Lernen in Kombination mit Spaß

In der Gesamtschule Gänsewinkel startet das „Ferienprogramm“ bereits in der ersten Woche. Das Programm dauert länger – von 9 bis 15 Uhr – doch werden die Lernstunden dabei mit Spaß und Action kombiniert.

Die Aktion findet in Zusammenarbeit mit dem VSI (dem Verein für soziale Integrationshilfen) statt. Tanz und Graffiti-AGs, Taekwondo und Fußball, Jonglieren und Teamfinding sind für alle Kinder der 5. bis 8. Jahrgänge angesagt. Fachkräfte des SchwerterNetzes und des VSI, der die Aktion koordiniert, führen das Programm gemeinsam mit Lehrern, Lehramtsanwärtern und Oberstufenschülern durch.

An der Gesamtschule Gänsewinkel gib es einen Mix aus Spaß und Lernen.
An der Gesamtschule Gänsewinkel gib es einen Mix aus Spaß und Lernen. © Berin Kurtbas © Berin Kurtbas

Eine von ihnen ist Berin Kurtbas. Die 18-Jährige, die regelmäßig Nachhilfe gibt, freut sich bereits auf das Programm. „Es geht auf keinen Fall nur ums Lernen, es soll auch Spaß dabei sein“, betont sie. Ungefähr bis 12 Uhr solle gelernt werden. „Aber wir sind da ganz offen. Wenn jemand vorher keine Lust mehr hat, zwingen wir auch niemanden.“

Auch ihre zwölfjährige Schwester mache bei dem Ferienprogramm mit, erzählt die Schülerin. „In der Pandemie ist viel wertvolle Lernzeit verlorengegangen“, sagt Berin Kurtbas. Doch fast wichtiger sei es, den Spaß am Schulleben – mit AGs und Aktionen – wiederzufinden.

Berin Kurtbas gibt Nachhilfe. Sie freut sich bereits auf das Ferienprogramm ihrer Schule.
Berin Kurtbas gibt Nachhilfe. Sie freut sich bereits auf das Ferienprogramm ihrer Schule. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Wie soll man eineinhalb Jahre in einer Woche aufholen?

Und was sagen die Eltern? Franz-Josef Kahlen ist ehemaliger Vorsitzender der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW. Als Vater von drei Kindern, zwei davon sind schulpflichtig, sagt er: „Es wird eine Reihe von Schülern geben, die das brauchen.“

Einen Versuch sei es wert – aber die Bedingungen seien in allen Städten unterschiedlich. „Den Aufwand stelle ich mir auch sehr hoch vor. Was haben die Kinder gemacht, wo gab es Probleme? Das muss man bei der Nachhilfe erstmal klären.“

Kahlen schätzt durchaus, dass Schulen und Kommunen sich kümmerten und solche Angebote auf die Beine stellten. Vonseiten der Landeselternschaft sei Nachhilfeunterricht für coronabedingte Ausfälle schon längst gefordert worden. Doch seine Einschätzung zum aktuellen Angebot klingt eher pessimistisch: „Man kann 16 Monate Pandemie nicht in ein oder zwei Wochen nachholen.“

Schülerhilfe: „Große Wissenslücken haben sich aufgetan.“

Diese Aussage bestätigt sich, wenn man bei der Schülerhilfe nachfragt, einem Anbieter von Bildungs- und Nachhilfeangeboten in Deutschland und Österreich.

„Bei den Schülern haben sich große Wissenslücken aufgetan, weil aufgrund des Homeschoolings im Durchschnitt nur zwei Stunden pro Tag gelernt wurden“, erklärt eine Sprecherin der Schülerhilfe auf Anfrage. „Wir gehen davon aus, dass bei 25 bis 50 Prozent aller Schülerinnen und Schüler substantielle Lernrückstände bestehen, die durch gezielte Nachhilfe aufgeholt werden sollen.“

Wer im Homeschooling viel verpasst hat, kann jetzt an vielen Schulen Nachhilfeangebote in Anspruch nehmen. Doch was bringt das?
Wer im Homeschooling viel verpasst hat, kann jetzt an vielen Schulen Nachhilfeangebote in Anspruch nehmen. Doch was bringt das? © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Auch während des Lockdowns habe es Online-Nachhilfeunterricht gegeben, erklärt die Sprecherin. „Dennoch ist der Präsenzunterricht beliebter. Seit der Präsenzunterricht an den öffentlichen Schulen wieder möglich ist und die Corona-Einschränkungen entfallen sind, verspüren wir eine verstärkte Nachfrage.“ Daher rate man Eltern, sich frühzeitig einen Nachhilfeplatz zu sichern.

Sommerkurse sollen Lücken schließen

Besonders gefragt seien aktuell Sommerkurse zur Vorbereitung auf das neue Schuljahr. Auch in Schwerte gebe es solche Kurse: „Im Sommerkurs der Schülerhilfe Schwerte können Wissenslücken geschlossen werden, um den Anschluss an das neue Schuljahr nicht zu verpassen.“

Schülern mit leichten Lernrückständen könne man, so die Sprecherin, im Rahmen eines Sommerkurses helfen, diese komplett aufzuarbeiten. „Wenn der Schüler aber bereits auf eine 5 oder schlechter abgerutscht ist, dauert es mindestens sechs Monate, um den Lernstoff nachzuholen.“

Diese Nachhilfeangebote kosten natürlich Geld. Doch mit dem Programm Bildung und Teilhabe könnten Empfänger von Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Kindergeldzuschlag und Wohngeld kostenlose Nachhilfe erhalten.

Das Programm: Extra-Zeit zum Lernen in NRW

  • Das Schulministerium unterstützt die Arbeit in den Schulen zur Schließung pandemiebedingter Lernlücken mit dem Programm „Extra-Zeit zum Lernen in NRW“ durch außerschulische Maßnahmen und Ferienprogramme.
  • Für den Zeitraum März 2021 bis Sommer 2022 hat die Landesregierung 36 Millionen Euro an Fördermitteln für das Programm Extra-Zeit zur Verfügung gestellt.
  • Das Land werde die Gesamtfördersumme auf bis zu 60 Millionen Euro bedarfsgerecht erhöhen, gibt das Ministerium auf seiner Homepage bekannt.
  • Es handelt sich dabei um freiwillige außerschulische Angebote, die vor Ort von Trägern geplant und durchgeführt werden. Als weitere antragsberechtigte Träger sind dabei die Universitäten hinzugekommen, die ebenfalls zur Aufarbeitung der Pandemiefolgen im Bildungsbereich beitragen und Förderanträge stellen können.
  • Die Schülerhilfe unterrichtet derzeit in Schwerte 80 Schüler. Im Dortmunder Raum sei man mit 10 Standorten vertreten. Bundesweit unterrichten die Nachhilfelehrer an rund 1.000 Standorten jährlich bis zu 125.000 Schülerinnen und Schüler.
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Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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