Pflegekinder

Pflegekind Olivia (7): „Mama, ich will keinen Alkohol im Kopf haben“

Olivia leidet am Fetalen Alkoholsyndrom – ihre Mutter hat in der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Für Olivias Pflegefamilie ist jeder Tag eine Herausforderung. Doch es gibt auch Freudentränen.
Olivia (7) spielt in ihrem Zimmer. Sie wächst bei einer Pflegefamilie auf. Weil ihre Mutter während der Schwangerschaft Alkohol trank, leidet sie am FAS - dem Fetalen Alkoholsyndrom. © privat

Manchmal hat die siebenjährige Olivia richtig gute Tage. Dann hilft sie ihrer Pflegemutter Kerstin Weiland beim Kuchenbacken. Oder sie deckt den Tisch. „Mama, ich hab dich so lieb“, sagt sie dann.

Doch es gibt auch schlechte Tage. Wenn die Schule anruft, weil Olivia wieder einen ihrer Wutanfälle hat. Wenn sie lügt oder ihrem Pflegebruder Maximilian Sachen aus dem Zimmer klaut. Oder wenn sie die Katze in den Gartenteich wirft. Kerstin Weiland fragt Olivia, warum sie das tut. „Weil ich das so wollte“, sagt sie dann.

Kümmern um Kinder, die sonst keinen Platz finden

„In solchen Situationen muss man schon eine gewisse Gelassenheit entwickeln“, weiß Janna Schepers. Sie begleitet Familie Weiland mit allen Fragen und Sorgen seit eineinhalb Jahren. Die 31-Jährige arbeitet beim Unternehmen Caring ISP aus Schwerte. Das „Caring Institut für Soziale Praxis“ (ISP) ist ein anerkannter Träger des Landesjugendamtes Westfalen-Lippe.

Janna Schepers (31) vom Unternehmen Caring ISP in Schwerte. Sie kümmert sich unter anderem um Kinder und Jugendliche, die in Pflegefamilien leben.
Janna Schepers (31) vom Unternehmen Caring ISP in Schwerte: Sie kümmert sich unter anderem um Kinder und Jugendliche, die in Pflegefamilien leben. © Martina Niehaus

„Die Jugendämter sind praktisch unsere Auftraggeber. Wir verstehen uns als ergänzende Hilfe.“ Das Team von Caring ISP bietet pädagogische Maßnahmen an – für Kinder, die Abstand von ihren Ursprungsfamilien brauchen. Schepers: „Wir kümmern uns vor allem um solche Kinder, die keinen Platz in der klassischen Pflegefamilie finden.“

Alkohol, Drogen, Verwahrlosung

Olivia ist ein solches Kind. Als sie drei Jahre alt ist, werden sie und ihre vier Geschwister aus ihrer Ursprungsfamilie herausgenommen. Die Eltern konsumieren Drogen und Alkohol, die Kinder sind verwahrlost. Olivia kommt in eine Bereitschaftsfamilie. Eineinhalb Jahre lebt sie dort, bis sich endlich eine dauerhafte Pflegefamilie findet.

Das sind Kerstin und Markus Weiland mit ihren Kindern. Sie ist 41, er ist 50 Jahre alt. Seit zehn Jahren sind sie zusammen. Kerstin Weiland hat einen 13-jährigen Sohn und eine 19-jährige Tochter aus einer vorherigen Beziehung. Ihr Mann hat einen Sohn, der schon 21 Jahre alt ist. „Wir sind eine Patchworkfamilie“, erklärt Kerstin Weiland und lacht. Beide können sich vorstellen, noch einmal ein jüngeres Kind großzuziehen.

„Mein Sohn hat sich gefreut, ein großer Bruder zu sein“

Über Bekannte hören sie von Caring ISP aus Schwerte. „Wir hatten direkt ein gutes Gefühl. Die sind dort mega lieb, wie eine Familie“, erinnert sich Kerstin Weiland. Als Leiterin einer Großtagespflege hat sie Erfahrung mit der Betreuung von Kindern – doch in Schwerte wird die Familie mit Schulungen vorbereitet. „Eine Familie muss wissen, wie man mit bestimmten Situationen umgeht“, erklärt Janna Schepers.

Bei ersten Besuchen lernt Familie Weiland Olivia kennen. Da ist das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen knapp fünf Jahre alt. „Sie war sehr aufgeschlossen“, sagt Kerstin Weiland. Auch der 13-jährige Maximilian ist dabei. „Er hat sie an die Hand genommen, ganz süß. Er hat sich darauf gefreut, ein großer Bruder zu sein.“

Irgendetwas stimmt nicht

Die Bereitschaftsfamilie spricht mit der Kleinen. Kerstin Weiland erinnert sich: „Olivia kam angerannt und fragte: Möchtest du meine neue Mama sein? Ich habe mich so gefreut.“ Olivia zieht ein, gemeinsam fährt die Familie zu Ikea. „Sie hat sich ein Hochbett mit einer Kuschelecke ausgesucht.“

Doch schnell wird klar, dass irgendetwas nicht stimmt. Olivia braucht für jede Handlung genaue Anweisungen: Zieh dir bitte deine Schuhe an. Setz bitte deine Brille auf. Putz bitte deine Zähne. Jeden Tag aufs Neue. Sie lernt Dinge und vergisst sie dann wieder. Puzzeln zum Beispiel. Kerstin Weiland hatte anfangs gedacht, sie sei auf alles vorbereitet. „Aber jeden Tag kamen neue Dinge dazu.“

Kleine Karteikärtchen geben Olivias Tag Struktur. Denn die Siebenjährige braucht für viele Dinge genaue Handlungsanweisungen.
Kleine Karteikärtchen geben Olivias Tag Struktur. Denn die Siebenjährige braucht für viele Dinge genaue Handlungsanweisungen. © privat

Olivia möchte im Mittelpunkt stehen. In der Schule haut sie dazwischen, wenn andere Kinder spielen. Sie kann Radfahren, fährt aber kreuz und quer über die Straße. Vom nahegelegenen Spielplatz läuft sie weg. Mehrmals muss die Familie sie suchen. Sie lügt. Sie klaut. Sie verfällt in Tierrollen und krabbelt auf allen Vieren durchs Klassenzimmer. Kerstin Weiland vermutet eine Bindungsstörung. „Auch Autismus stand im Raum.“

Jägermeister in der Schwangerschaft

Nach vielen Untersuchungen kommt ein halbes Jahr später die Diagnose: FAS. Fetales Alkoholsyndrom. „Ihre Mutter hatte offenbar während der Schwangerschaft Jägermeister und Apfelkorn getrunken.“ Olivia hat neurologische und soziale Störungen davongetragen.

Ein Schock. „Wir waren super vorbereitet, aber damit hat kein Mensch gerechnet.“ Doch die Familie nimmt die Herausforderung an, weil sie das Kind ins Herz geschlossen hat. Kerstin Weiland gibt ihren Job auf, um sich ständig kümmern zu können. Das Team von Caring ISP steht ihr dabei zur Seite.

„Es gibt ein Bereitschaftstelefon, wenn ich Fragen habe“, sagt Kerstin Weiland. Das ist wichtig, wie Janna Schepers weiß: „Guter Kontakt ist absolut notwendig. Viele Kinder sind traumatisiert oder bringen Auffälligkeiten mit.“ Für Pflegefamilien sei das extrem.

Sanduhren und Smiley-Kalender helfen bei der Struktur

Die Familie organisiert den Alltag ihrer Pflegetochter mit kleinen Kärtchen, Sanduhren und Smiley-Kalendern. Olivia braucht Bestätigung. „Habe ich das heute toll gemacht?“, fragt sie manchmal.

Sanduhren helfen Olivia dabei, die Zeit richtig einzuteilen.
Sanduhren helfen Olivia dabei, die Zeit richtig einzuteilen. © privat

An ihre Grenzen kommt Kerstin Weiland, wenn Olivia aggressiv wird. „Ich habe gesehen, wie sie der Katze mit Absicht auf den Schwanz getreten hat. Da bekommt man schon eine Gänsehaut“, gibt die 41-Jährige zu. Die Siebenjährige merkt selbst, dass etwas nicht stimmt. „Warum werde ich immer sauer? Ich will das nicht“, sagt sie. Irgendwann erklärt Kerstin Weiland dem Mädchen, was los ist. Olivia weint. „Mama, ich will keinen Alkohol in meinem Kopf haben. Wie bekomme ich den wieder raus?“

Zum Treffen bringt der leibliche Vater ein Geschenk mit

Auch die Treffen mit Olivias leiblichen Eltern sind nicht einfach. „Die Herkunftsfamilien sind ja nicht einfach weg“, sagt Janna Schepers. „Sie haben es versucht, nach bestem Wissen und Gewissen, aber es hat eben nicht gereicht.“

Janna Schepers mit Mirco Kümper. Er ist Geschäftsführer und pädagogischer Leiter bei Caring ISP.
Janna Schepers mit Mirco Kümper: Er ist Geschäftsführer und pädagogischer Leiter bei Caring ISP. © Martina Niehaus

Ein Treffen zwischen Olivia und ihrer leiblichen Mutter hat bisher noch nicht stattgefunden. Langfristig ist es aber geplant. „So etwas ist für die Identität des Kindes sehr wichtig“, sagt Janna Schepers.

Mit dem Vater trifft man sich Mitte Dezember auf einem Spielplatz. Er hat ein Geschenk dabei. Olivia fragt ihren Papa an diesem Tag, warum die Mama Alkohol getrunken hat. Darauf weiß er keine Antwort. Die Kleine ahmt daraufhin ein Pferd nach und galoppiert wiehernd über den Spielplatz. „Ihr Vater hat mitgespielt. Er hat sich große Mühe gegeben“, sagt die Pflegemutter.

Urlaub und Auszeiten sind selten

Richtige Zeit für sich als Paar hatten Kerstin und Markus Weiland lange nicht mehr. Auch die Pflegegeschwister sind manchmal genervt. Niemand möchte Olivia so wirklich beaufsichtigen, selbst die besten Freunde nicht.

Doch die Familie gibt nicht auf. Sie bekommt einen Pflegegrad genehmigt, mit dem Olivia demnächst mehr Fördermöglichkeiten zustehen. Für Ostern ist ein Urlaub geplant. „Da freuen wir uns total drauf.“

Wenn Olivia ihre Hausschuhe selbstständig anzieht, dann ist es ein guter Tag.
Wenn Olivia ihre Hausschuhe selbstständig anzieht, dann ist es ein guter Tag. © privat

Große Freude über kleine Fortschritte

Und obwohl sie weiß, dass Olivia ihr Leben lang Hilfe brauchen wird, freut sich ihre Pflegemutter über kleinste Fortschritte. „Letztens kam sie die Treppe herunter, hatte schon ihre Hausschuhe an und die Brille auf“, berichtet Kerstin Weiland. „Ich hatte Tränen in den Augen. Ich habe mich gefreut, als ob sie gerade ein Einser-Abi gemacht hätte.“

Ihre Entscheidung für Olivia würde sie jederzeit wieder so treffen. „Wir geben einem Kind, das uns braucht, Geborgenheit. Und Olivia ist ein ganz tolles Mädchen.“

Familie Weiland hat eigentlich einen anderen Nachnamen. Kerstin Weiland hätte kein Problem damit gehabt, ihren richtigen Namen zu veröffentlichen. Zu Olivias Schutz soll die Familie aber anonym bleiben.

Das Schwerter Unternehmen Caring ISP

  • Schätzungsweise leben bundesweit um die 7.000 Kinder in Pflegefamilien. Das sind fast 1 Prozent der minderjährigen Kinder. Die Tendenz ist steigend.
  • Vor 21 Jahren hat Dietmar Bachorz, der Vater von Janna Schepers, das Unternehmen gegründet. Allein habe er mit „einer Hand voll Jugendlichen“ angefangen.
  • Aktuell betreut Caring ISP mit einem 15-köpfigen Team insgesamt genau 100 Kinder und Jugendliche. Davon leben 28 Pflegekinder in 23 Pflegefamilien. Die Verteilung ergibt sich so, weil manche Pflegefamilien auch Geschwisterkinder aufnehmen.
  • Obwohl es von Vorteil ist, kommen nicht alle Familien beruflich aus dem sozialen Bereich. Die Familienkonstellationen entsprächen keinem klassischen Muster. So gebe es Patchworkfamilien oder auch ein lesbisches Paar. Janna Schepers: „Familie ist ja bunt, da gibt es keine Schablone. Das sind alles sehr spannende, tolle Leute.“
  • Es gibt noch mehr freie Träger, die auch Pflegefamilien betreuen. Das umfassende Beratungs- und Betreuungsangebot sei allerdings ein Alleinstellungsmerkmal im Rahmen der Pflegekinderhilfe.
  • Caring ISP ist noch heute ein familiengeführtes Unternehmen. Nina Schulze, die Schwester von Janna Schepers, ist gemeinsam mit Mirco Kümper in der Geschäftsführung.
  • Im Februar startet eine neue Pflegeeltern-Schulung. Es sind noch einige wenige Plätze frei.

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