Psychologe im Mord-Prozess gegen Michael S.: Scharfe Kritik an der JVA Schwerte

Tod einer 72-Jährigen

Hätte man Michael S. aus der JVA Schwerte entlassen dürfen? Im Mord-Prozess nach dem Tod einer 72-Jährigen hat ein Psychologe sein Gutachten vorgestellt. Und scharfe Kritik an der JVA geübt.

Ergste

, 29.08.2019, 16:42 Uhr / Lesedauer: 2 min
Psychologe im Mord-Prozess gegen Michael S.: Scharfe Kritik an der JVA Schwerte

Wer ist Michael S., der Mann hinter dem Ordner? Am Donnerstag gab der Gutachter seine umfangreiche Einschätzung ab. © Björn Althoff

Ist Michael S. eine Gefahr für die Allgemeinheit? Diese Frage ist eine ganz zentrale gewesen am siebten Verhandlungstag des Mord-Prozesses nach dem Tod einer 72-Jährigen aus Schwerte-Ergste.

Der Angeklagte Michael S. (51) verbrachte 28 Jahre seines Lebens hinter Gittern, davon viele in der JVA in Ergste, die keine 100 Meter vom Tatort entfernt liegt. Am 2. Oktober 2018 kam Michael S. frei - nachdem ein Gutachten das empfohlen hatte. Am 9. Januar 2019 fand man die 72-Jährige.

Vier Tage voller Tests und viele Blicke in alte Urteile

Hätte das passieren dürfen? Diese Frage schwang am Donnerstag immer mit. Das Landgericht Hagen hatte Professor Pedro Faustmann damit beauftragt, Michael S. aus psychologischer Sicht zu begutachten.

Faustmann nahm den Auftrag ernst, besuchte den Angeklagten vier Mal in der Untersuchungshaft, um ihn Tests machen zu lassen und lange Gespräche mit ihm zu führen. Und Faustmann blickte in die Arbeit seiner Vorgänger: in Urteile von Richtern, Psychologen, Bewährungshelfern und JVA-Verantwortlichen von 1990 bis 2018.

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Ohne Bildung, Freundschaften und Selbstwertgefühl

Michael S.‘ Lebensgeschichte, grob verkürzt: Schon früh von der Grund- in die Sonderschule geschickt, als Junge missbraucht, mit 10 Jahren ins Heim, später Jugendpsychiatrie, Obdachlosigkeit, zurück zu den Eltern, die ihn klauen schickten, danach auch Jugendgefängnis. Mit 21 Jahren wegen Sexual-Mordes verurteilt. Wäre er jünger als 21 gewesen, hätte man ihn als so unreif verurteilen können, wie er sich offenbar selbst gesehen hatte: nach Jugendstrafrecht.

So blieb er im Gefängnis. Überall zurückgewiesen, ohne Bildung, ohne Freundschaften und Beziehungen, auch ohne Selbstwertgefühl und paranoid, dass man ihm Böses wolle. Mit 39 Jahren habe er angeblich erstmals Sex gehabt, behauptete er selbst gegenüber dem Psychologen. Zwischendurch sei es noch zu Misshandlungen in der JVA Werl gekommen.

2004 wurde Michael S. noch ein extrem unterdurchschnittlicher IQ attestiert. Das habe sich bis heute in einigen Bereichen stark geändert, gab Pedro Faustmann die Ergebnisse seiner Tests wieder. Doch Michael S. bleibe kaltherzig, antisozial, auf eigenen Vorteil aus.

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„Nur in der Haft hat er ein Zuhause gefunden“

Faustmann weiter: „Nur in der Haft hat er so etwas wie ein Zuhause gefunden. Er braucht diesen Rahmen aber auch, um sich stabil zu halten.“ Draußen habe er keine Strukturen gefunden und sich Alkohol, Drogen und Kneipenabenden hingegeben - auch das eine Art Sehnsucht und Rückzug.

Dass Michael S. draußen nicht zurecht kommen würde - das habe man in der JVA Schwerte schon richtig erkannt und es auch so vermerkt, lobte Faustmann. Der JVA-externe Experte sei für das Gutachten dennoch zum Schluss gekommen, dass Michael S. keine Gefahr mehr sei.

Michael S. wollte Therapie statt Theater - das wurde abgelehnt

Vorwürfe machte Faustmann dem JVA-Innenleben allerdings in einem anderen Punkt. Wie er einem Brief von 2009 und den neuen Aussagen von Michael S. entnahm, habe der selbst den Wunsch nach mehr Sozialtherapie geäußert, nach mehr Bildung, nach weniger Theater. Das habe der für den Bereich Theater verantwortliche Gefängnispfarrer aber abgelehnt.

Der Vorsitzende Richter Marcus Teich hakte nach: Das Geschehen rund um die Gewalttat von damals nicht anzusprechen und gründlich aufzuarbeiten - das sei doch grundlegend wichtig, wenn eine Persönlichkeit nachreifen soll, oder? Das passe doch nicht zusammen?

Die Antwort des Psychologen: „Nein, das passt nicht. Gar nicht.“ Ein Michael S. in Freiheit sei eine „ganz erhebliche“ Gefahr.

Drei weitere Termine

Urteil fällt wohl erst im Oktober

Eigentlich hatte das Gericht die Urteilsverkündung schon für Prozesstag Nummer sieben, also für diesen, geplant gehabt. Dann hatte der Vorsitzende Richter Marcus Teich dafür einen weiteren Prozesstag - Freitag, 30. August, 9 Uhr - angesetzt. Doch da das Gutachten so spät und so umfangreich kam, ist auch dieser Zeitplan über den Haufen geworfen. Die Sitzung am 30. August entfällt. Stattdessen setzte Teich drei weitere Termine an: Freitag, 6. September; Montag, 30. September; Donnerstag, 10. Oktober, jeweils 9 Uhr.
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