Schon seit langem fordern Psychologen mehr Kassensitze, doch nie war die Lage so dringend wie aktuell. Mit explodierenden Wartezeiten wird es Zeit für Veränderung. © picture alliance/dpa
Psychische Gesundheit und die Pandemie

Psychotherapeuten komplett überlastet: „Jetzt ist die Situation noch heftiger“

Die mentale Belastung der Pandemie-Jahre bekommen psychologische Praxen besonders zu spüren. Die Wartezeiten in Schwerte sind lang. Therapeuten, auch Eltern sind wütend. Das Problem hat System.

Die aktuelle Lage von psychotherapeutischen Praxen ist prekär. Auch in Schwerte ist das nicht anders. Dabei ist der Kreis Unna eigentlich überversorgt – zumindest laut den Orientierungszahlen der Gesetzgebenden.

„Mit 90 Therapeuten und Therapeutinnen hat der Kreis einen Versorgungsgrad von 116 Prozent“, erklärt Andreas Daniel, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Er betont jedoch auch, dass über die tatsächlich benötigten Kapazitäten schon seit langem Streit herrscht.

  • Jährlich haben etwa 27,8% der deutschen Bevölkerung mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen, das sind etwa 17,8 Millionen Menschen. Weniger als ein Fünftel dieser sucht sich Hilfe bei Leistungsanbietern wie Psychotherapeuten. Dennoch ist das System überlastet.
  • Während der vergangenen Pandemiejahre hat sich die Situation psychotherapeutischer Praxen noch einmal verschärft: Laut der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung gab es zwischen dem Januar 2020 und dem Januar 2021 in diesem Bereich eine Bedarfssteigerung von 40,8%, bei Kinder- und Jugendtherapeuten steigt diese Zahl auf 60,3%. Etwa Dreiviertel der Anfragen an Praxen erhalten so nicht einmal ein Erstgespräch.
  • Die durchschnittliche Wartezeit auf ein Erstgespräch beträgt derzeit 5,7 Wochen. Danach einen Therapieplatz zu bekommen, ist meist mit weiterer Wartezeit verbunden. In 38,3% der Fälle beläuft sich diese auf mehr als sechs Monate. Gerade einmal 10,2% der Patienten und Patientinnen erhalten einen Therapieplatz innerhalb eines Monats.

Lange Wartezeiten inakzeptabel

Spricht man mit Psychologen, wird die Unzufriedenheit deutlich: „Die Situation war vor Corona schon schlimm, aber jetzt ist sie noch heftiger“, erzählt Dr. Dirk Küchler. Der Heilpraktiker und Psychotherapeut ist „für die Patienten und Patientinnen böse“ über die aktuelle Situation. Die Länge der Wartezeiten sei schlichtweg inakzeptabel. Denn hier handele es sich um kranke Menschen.

Bis sich Erkrankte Hilfe suchen, vergehen bereits oftmals ein bis zwei Jahre, so Küchler. Er kenne kaum Kollegen, bei denen die Wartezeit aktuell weniger als ein Jahr betrage. Ab dem Beginn einer Erkrankung bis zum Behandlungsstart können so mehr als drei Jahre vergehen, das sei bei weitem zu lang.

Andere Schwerter Praxen vermitteln ein ähnliches Bild: Eine Praxis, die an dieser Stelle nicht genannt werden möchte, erzählt von einer Warteliste von etwa 200 Personen. Das bedeutet eine Wartezeit von bis zu vier Jahren.

Zwar ändere sich die Länge einer Warteliste häufig, da beispielsweise alternative Behandlungen gefunden werden können, die Tendenz sei jedoch eindeutig: Auch im „überversorgten“ Kreis Unna sei die Versorgung psychisch erkrankter Personen schwierig bis unzureichend.

Eltern zwischen verzweifelt, wütend und besorgt

Für Kinder- und Jugendtherapeuten sieht die Situation ähnlich aus: „Wir können den Anfragen überhaupt nicht nachkommen“, berichtet Iris Schulte-Pankoke. Auch bei ihr beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz mittlerweile mehr als ein Jahr.

Sie erzählt auch von Eltern, die zwischen verzweifelt, wütend und besorgt auf der Suche nach Behandlungen für ihre Kinder seien. Erste Sprechstundentermine innerhalb von sechs Wochen zu vergeben, wie normalerweise vorgeschrieben, sei eigentlich sinnlos. Denn Patienten machten sich so Hoffnungen, obwohl ein fester Therapieplatz noch in weiter Ferne liege.

Auch in der kinder- und jugendpsychologischen Gemeinschaftspraxis Felix Nathen sind die Kapazitäten überlastet. Während es im Mai 2020 noch 15 bis 20 freie Plätze gab, beträgt die Wartezeit mittlerweile mindestens 8 Monate. Und das trotz fünf halber Zulassungen mit 27 Stunden und einer ganzen Zulassung mit 54 Stunden pro Woche für die Praxis.

Die Menschen leiden während der Pandemie auch an der Machtlosigkeit im System. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Diese Zeitkontingente sieht Nathen als Teil des Problems, denn einerseits dürften sie nicht überschritten werden, wenn einmal Bedarf da ist. Andererseits können ganze Stellen kaum ausgefüllt werden. Die rechnerische Überversorgung könne also gar nicht mit der Realität übereinstimmen, da die Stellen oftmals nicht völlig ausgelastet sind.

Klar ist, es muss sich etwas ändern. „Wenn wir nicht aufpassen, schieben wir eine Bugwelle an Problemen vor uns her“, fasst Dr. Küchler die Situation zusammen. Die Menschen leiden, so Küchler, an „Ohnmacht“, die systemische Machtlosigkeit verdoppele dieses Leiden noch.

Politik und Krankenkassen müssen handeln

Auch die anonyme Schwerter Praxis fordert ein Handeln der Politik. So könnten beispielsweise zunächst einmal Übergangszulassungen vergeben werden, um dem Ansturm gerecht zu werden. Langfristig brauche es jedoch eine bessere flächendeckende Planung.

An dieser Stelle wird auch die Notwendigkeit für mehr Flexibilität betont, denn in diesem Bereich sind vor allem Frauen tätig, die aktuell größere Schwierigkeiten haben, Arbeit und Familie zu vereinen.

Auch die Einstellung der Krankenkassen müsse sich ändern: Die Notwendigkeit nach mehr Kassensitzen wird angesichts der wachsenden Wartelisten immer eindeutiger.

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