Schräpper liefen bei Sup Peiter zur Höchstform auf

Westhofener Nachbarschaft

Das gab es noch nie in der uralten Tradition von Sup Peiter: Ungeschoren konnte der Angeklagte den heißen Stuhl verlassen. Stattdessen legte der Ankläger selbst einen Zehn-Euro-Schein in die Gemeinschaftskasse. So etwas passiert nur beim Sup Peiter. Wir waren dabei und haben einige Fotos gemacht.

WESTHOFEN

, 28.02.2016, 17:19 Uhr / Lesedauer: 2 min
Schräpper liefen bei Sup Peiter zur Höchstform auf

Östliche Nachbarschaft: Als neuen Nachbarn schräppte Martin Gerst (vorn, v.l.) den Vorsitzenden des Fördervereins Ruhrtalmuseum, Joseph Bender, mit seinem Stocheisen ein. Westhofens Ortsheimatpfleger hatte ihn aus Geisecke in seinen Ortsteil gelockt.

„Ich habe Geschichte geschrieben“, jubelte Sparkassen-Vorstand Ulrich Bartscher im St.-Petrus-Heim am St.-Peter-Weg, wo die Östliche Nachbarschaft am Samstagabend ihr Sup Peiter feierte. Mit dem Versprechen, die Sparkassen-Filiale Westhofen zu erhalten, hatte er die 90 Männer auf seine Seite gezogen. Mehr noch: Turngemeinde und Heimatvereins-Archiv erhalten in den Bankräumen ein Obdach. Da konnte selbst der gestrenge Schräpper Martin Gerst nicht anders, als sich erweichen zu lassen.

Jürgen Demski dagegen musste dafür bluten, dass er bei Dreharbeiten zur Serie „Soko Wismar“ plötzlich im Bild stand – und eine Rolle als „Wasserleiche“ ablehnte. Genauso wie Klaus Märtin, dem eine vierwöchige „Flucht“ nach Schweden vorgehalten wurde. Trösten konnte sich wenigstens Demski aber mit dem Ehrentitel „George Clooney von Westhofen“.

Nachbarn feuern Schräpper an

Gestärkt mit traditionellem Pfefferpotthast und reichlich Bier, feuerten auch die rund 70 „Naobers“ (Plattdeutsch für Nachbarn) des Westeneicken ihre Schräpper an. Die Schützenkönigswürde schützte Matthias Rohde nicht davor, zum Geständnis vor den Kanonenofen im Evangelischen Gemeindehaus, Labuissièrestraße, gezerrt zu werden. Mit seinem Adjutanten Richard Berkenkopf musste er für einen „Freistellungsbescheid“ blechen, der ihnen erlaubt, in Ausübung ihrer Ämter auch die beiden anderen Nachbarschaften zu besuchen.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

So war das Sup Peiter 2016

Sie hatten Riesendurst auf Bier und waren super gelaunt - die Schräpper der drei Westhofener Nachbarschaften. Am feierten sie im St.-Petrus-Heim ihre traditionelle Feier.
28.02.2016
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Niederste Nachbarschaft: Da staunte Schräpper Martin Wacholz (v.l.). Drei Pils - so viel wie kein anderer - schaffte Bürgermeister Heinrich Böckelühr, als er von Schleppter Kevin Fohr immer nährer vor den Ofen im Haus Breer geschoben wurde.© Foto: Reinhard Schmitz
Niederste Nachbarschaft: Da staunte Schräpper Martin Wacholz (v.l.). Drei Pils - so viel wie kein anderer - schaffte Bürgermeister Heinrich Böckelühr, als er von Schleppter Kevin Fohr immer nährer vor den Ofen im Haus Breer geschoben wurde.© Foto: Reinhard Schmitz
Niederste Nachbarschaft: Da staunte Schräpper Martin Wacholz (v.l.). Drei Pils - so viel wie kein anderer - schaffte Bürgermeister Heinrich Böckelühr, als er von Schleppter Kevin Fohr immer nährer vor den Ofen im Haus Breer geschoben wurde.© Foto: Reinhard Schmitz
Niederste Nachbarschaft: Weil er eine Fotovoltaik-Anlage gebaut und dazu noch Brennholz umsonst bekommen hatte, wurde Christoph Hölke (vorn, v.r.) von Schlepper Kevin Fohr auf den heißen Stuhl geholt.© Foto: Reinhard Schmitz
Niederste Nachbarschaft: Der Besuch beim Helene-Fischer-Konzert kam Schräpper Martin Wacholz (vorn) teuer zu stehen, als er von Schlepper Kevin Fohr vor den Kanonenofen geholt wurde.© Foto: Reinhard Schmitz
Niederste Nachbarschaft: Rund 50 Männer der kleinsten Westhofener Nachbarschaft feierten im Haus Breer ihren höchsten Feiertag.© Foto: Reinhard Schmitz
Niederste Nachbarschaft: Traditionell nicht in blaue Kittel, sondern in Anzüge gekleidet ist der Vorstand der Niedersten Nachbarschaft.© Foto: Reinhard Schmitz
Niederste Nachbarschaft: Weil er ein Helene-Fischer-Konzert besucht hatte, ließ (vorn, v.r.) Schräpper Thomas Lünemann seinen Schräpper-Kollegen Martin Wacholz von Schieber Kevin Fohr vor den bullernden Ofen holen.© Foto: Reinhard Schmitz
Niederste Nachbarschaft: Für den Besuch eines AC/DC-Konzerts musste sich Schräpper Frank Mörke (vorn, v.r.) von Schieber Kevin Fohr auf den heißen Stuhl setzen lassen.© Foto: Reinhard Schmitz
Östliche Nachbarschaft: Als neuen Nachbarn schräppte Martin Gerst (vorn, v.l.) den Vorsitzenden des Fördervereins Ruhrtalmuseum, Joseph Bender, mit seinem Stocheisen ein. Westhofens Ortsheimatpfleger hatte ihn aus Geisecke in seinen Ortsteil gelockt.© Foto: Reinhard Schmitz
Östliche Nachbarschaft: Ein wenig grippegeschwächt war die Männerrunde im Katholischen Gemeindehaus, wo sich rund 90 Noabers versammelten.© Foto: Reinhard Schmitz
Östliche Nachbarschaft: "Jetzt komm mal auf den Punkt", forderte Klaus Märtin keck den Schräpper Martin Gerst auf, der ihn unter anderem für eine "vierwöchige Flucht nach Schweden" anklagte.© Foto: Reinhard Schmitz
Östliche Nachbarschaft: Gut Lachen hatte Sparkassenvorstand Ulrich Bartscher. Ohne Zahlung eines Winngeldes durfte er den Platz vor dem Ofen verlassen, weil seine Westhofener Filiale dem TG Westhofen und dem Heimatvereins-Archiv ein Obdach gewährt. Schräpper Martin Gerst legte stattdessen selbst zehn Euro in die Gemeinschaftskasse.© Foto: Reinhard Schmitz
Östliche Nachbarschaft: In blaue Kittel gekleidet ist traditionell der Vorstand der Nachbarschaft.© Foto: Reinhard Schmitz
Östliche Nachbarschaft: Die Tradition ihrer Vorfahren halten die Nachbarn hoch. Teilweise sprechen sie noch Plattdeutsch. Aoastenpote bedeutet dann Ostentor, für die Lage ihrer Nachbarschaft.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Hinter dem blinkenden Schädel eines verblichenen Amtmanns sorgt Oberrichter Stephan Petruschke für Recht und Ordnung in seiner Nachbarschaft.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Rund 70 Nachbarn feierten an den langen Tischen im Evangelischen Gemeindehaus.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Gegen den Durst an dem langen Abend floss reichlich Bier.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Ähnlich wie die Sternsinger hinterließen die Ausrufer, die eine Woche vorher in den Straßen auf die Sup-Peiter-Feier aufmerksam machten, einen Aufkleber bei allen Häusern, vor denen sie gastlich empfangen wurden.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Mit Donnerstimmer verkündete Nachtwächter Andreas Adler seine martialischen Stundensprüche.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Schlepper Richard Berkenkopf entzündete das Wotansfeuer im Evangelischen Gemeindehaus.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Einen "Freistellungsbescheid" erteilte Schräpper Frank Dommermühl (v.r.) dem Westhofener Schützenkönig Matthias Rohde und seinem Adjutanten Richard Berkenkopf, weil sie in den nächsten Jahren auch die anderen Nachbarschaften besuchen müssen.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Die Schützenkönigswürde schützte Matthias Rohde nicht vor dem Sünderbänkchen vor dem Kanonenofen.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Schlepper Tim Wagemann lauert darauf, den nächsten Delinquenten vor den heißen Ofen zerren zu können.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Als "Fahnenflüchtiger" wurde Albert Poppinger angeklagt, weil er in die Nähe von Pforzheim umgezogen war.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Weil sie ihren Fensterbahnhof inzwischen komplett renoviert haben, musssten Michael Pfingsten (l.) und Rolf Hohmann den Nachbarn einen Obolus geben.© Foto: Reinhard Schmitz
Westeneicken: Weil sie ihren Fensterbahnhof inzwischen komplett renoviert haben, musssten Michael Pfingsten (v.l.) und Rolf Hohmann dem Schräpper Frank Dommermühl einen Obolus geben.© Foto: Reinhard Schmitz
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Einen Aufschlag musste Berkenkopf noch zahlen, weil er sich beim städtischen Neubürgerempfang vergnügt hatte. Irrtümlich war der Ur-Westhofener, der lediglich innerhalb seines Ortsteils umgezogen war, zu der Veranstaltung des Bürgermeisters eingeladen worden.

Riesendurst auf Bier

Der kam allerdings auch nicht ungeschoren davon. Die rund 50 Männer der kleinsten Nachbarschaft, der Niedersten, ließen Heinrich Böckelühr vor dem Wotansfeuer ihres Ofens im Haus Breer an der Reichshofstraße schmoren. So lange, dass der große Durst nur mit drei Bier hintereinander zu stillen war. „Das hat noch keiner geschafft“, staunte Schräpper Martin Wacholz.

Ihm selbst wurde der Besuch eines Helene-Fischer-Konzerts zum Verhängnis. Ein Kontrast zum rockigen AC/DC-Abend, für den Schräpper-Kollege Frank Mörke sein Portemonnaie zücken musste. Nichts blieb den Anklägern verborgen. Nicht mal die ungenehmigten „Schräpperkurse“ auf Langeoog, mit denen Nachbar Günter Klotz zu vorgerückter Stunde im Urlaub Heimatbräuche erklärt hatte. Als nach Mitternacht aber das Feuer in den Kanonenöfen erlosch, war der Nachbarschaftsfrieden überall wieder hergestellt. 

Sup Peiter ist ein Brauch der Sachsen

  • Mit der Sup-Peiter-Feier (Plattdeutsch für „Sauf-Peter“) hält Westhofen einen Brauch der Sachsen hoch.
  • Am Wotanstag, 22. Februar, ahndeten die Ureinwohner kleine Vergehen vor Gericht.
  • Bei der Christianisierung wurde dieser Tag in „Petri Stuhlfeier“ umgetauft, an dem der Apostel Petrus zum Bischof von Antiochia eingesetzt wurde.
  • Immer am Samstag darauf halten die Westhofener Männer ihr „Nachbarschaftsgericht“.
  • Der Schräpper, Ankläger und Richter zugleich, holt die Delinquenten vor den Kanonenofen, der an das Wotansfeuer erinnert.
  • Von der Strafe, dem sogenannten Winngeld, wird die Feier finanziert.
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