Wer ist Michael S. und warum kam er nach 28 Jahren in Haft wieder in Freiheit, nur um gleich wieder eine Frau zu töten? Diese Fragen versucht das Gericht im Mordprozess aufzuarbeiten.

Ergste

, 13.08.2019, 16:28 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Gruppe mit den T-Shirts, auf denen das Opfer zu sehen ist, reiste auch am 5. Prozesstag nach Hagen an. Es ist eines der wenigen Zeichen, dass die Geschichte so einer schrecklichen Tat nicht nur die des Täters ist. Doch um den ging es zum Abschluss der Beweisaufnahme ausschließlich.

Was für ein Mensch ist das, der eine Frau angreift, sich an ihr vergehen will und sie dann tötet? Der 28 Jahre lang dafür hinter Gittern sitzt, nur um höchstwahrscheinlich drei Monate später wieder eine Frau zu töten. Zeugen zeigen kleine Ausschnitte des Lebens des Täters. Dabei wird eines klar: Auch sie wurden von Michael S. belogen. Wie vermutlich auch Psychologen und Ermittler.

Schwerter Psychologe im Mordprozess: Ich wusste, er würde in Freiheit Schiffbruch erleiden

Auf T-Shirts haben Freunde das Bild des Opfers drucken lassen, damit auch die 72-jährige im Prozess ein Gesicht bekommt. © Björn Althoff

Angeklagter gibt sich zurückhaltend und blass

Im Gericht gibt sich der Angeklagte zurückhaltend. Blass von der Untersuchungshaft sitzt er auf der Anklagebank und weicht allen Blicken aus. Keine Gefühlsregung, egal was gerade ansteht. Dabei wirkt er durchaus schuldbewusst. Kein Augenkontakt mit den Zeuginnen, einer Nachbarin und einer Freundin, die er in einer Gaststätte kennengelernt hatte.

Beide berichten, dass er ihnen erzählt hatte, er habe seinen übergriffigen Vater getötet und dafür im Gefängnis gesessen. In die Geschichte eingewoben hatte er einen sexuellen Missbrauch durch einen Priester. Ähnliches hatte er der Psychologin im Gefängnis aufgetischt. Der erklärte er, er habe die Frau damals getötet, weil sie die selben Worte benutzt habe, wie der Pfarrer, der ihn einst sexuell missbraucht habe.

Gutachten bescheinigte ihm bescheidene Intelligenz

Sehr viel Fantasie für einen Menschen, dem 1991 noch eine sehr bescheidene Intelligenz bescheinigt wurde: Einen Intelligenzquotienten von 78 hatte der Gutachter im ersten Mordprozess 1991 ermittelt.

Kein Wunder, denn Michael S. besuchte die Grund- und auch die Förderschule nur selten. Da der Angeklagte nichts sagt, wurde sein Lebensweg durch das Verlesen des Urteils von 1991 in das Verfahren eingebracht. Mit seinem gewalttätigen Vater, der Mutter und fünf Geschwistern wuchs er in einer Obdachlosensiedlung bei Aachen auf. Bereits der Vater schickte die Kinder auf Diebestour, so lange sie strafunmündig waren. Seit 1983 wird Michael S. regelmäßig wegen Diebstahls oder Raub zu Jugendstrafen verurteilt. 1990, kurz vor dem ersten Mord, war er aus einer längeren Jugendhaftstrafe entlassen worden.

Im Prozess später sagte er aus, er habe damals viel Drogen genommen. Kurz vor der Tat sogar LSD. Die Richter glaubten ihm das nicht. Auch nicht, dass er die Frau aus Wut getötet habe. Die zerrissene Kleidung sprach da eine andere Sprache. Zumal er kurz darauf wieder eine Frau überfiel, ihr die Bluse zerriss und sie zu sexuellen Handlungen nötigte.

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Angeklagter erklärte, er sei von Kripo zusammengeschlagen worden

Im Laufe des Verfahrens 1991 sagte er auch, er sei von der Kripo zusammengeschlagen und für das Geständnis unter Drogen gesetzt worden. Bei den Richtern stößt das auf wenig Verständnis. Der Gutachter bescheinigt ihm eine schwere Persönlichkeitsstörung: Aggressiv, leicht gekränkt mit narzisstischen Tendenzen. Er neige dazu, seine Bedürfnisse rücksichtslos und schnell zu befriedigen. Der Psychologe erkennt soziopathische und dissoziale Charakterzüge. Das alles schränke aber seine Schuldfähigkeit nicht ein. Das Urteil: lebenslänglich.

Warum kam er jetzt wieder in Freiheit?

Warum nach 28 Jahren hinter Gittern, die Gutachter zur Auffassung kamen, dass Michael S. jetzt in die Freiheit entlassen werden konnte, war noch kein Thema. Klar wurde aber, dass die Psychologen, die in den letzten Jahren in der JVA-Ergste und in der Freiheit mit ihm zu tun hatten, starke Zweifel daran hegten, dass er mit der Freiheit klar kommen würde. Auch wenn wohl niemand von einer Straftat diesen Ausmaßes ausging. „Es war klar, dass er mit der Freiheit nicht umgehen konnte, dass er Schiffbruch erleiden würde“, erklärte ein Schwerter Psychologe, der ihn im Übergang betreuen sollte. Dafür habe man unter anderem ihn an die Seite des Entlassenen gestellt. Am Ende kam es aber nur zu einem Termin im Dezember. Der zweite sollte am 17. Januar stattfinden, da saß Michael S. wieder hinter Gittern.

Warum erst nach über zwei Monaten in Freiheit der erste Termin zustande kam? Urlaub, Absprache- und Organisationsproblem.

Anstaltspsychologin: Ich habe Risiken gesehen

Auch die Anstaltpsychologin sah Risiken bei der Haftentlassung. Kurzfristig sei wohl alles gut: keine Drogen, Arbeit und ein soziales Umfeld. Aber wenn die erste Euphorie vorbei sei, habe sie Risiken gesehen. „Ich dachte an Drogen, nicht das etwas Schlimmes passiert.“

Zumindest was die Drogen betrifft, behielt sie recht. Rund 1,5 Gramm Amphetamin und 1,18 Gramm Marihuana fand die Polizei in seiner Wohnung. Und im Internet, auf Facebook, präsentierte sich S. als Kiffer mit Joint. Auch eine Zeugin erzählte, dass der Angeklagte bei ihr auf dem Sofa einen Joint geraucht habe. Allerdings ohne, dass eine Wirkung erkennbar gewesen sei.

Fragen kreisen auch nach wie vor um die Sexualität des Angeklagten. Offensichtlich interessierte er sich für ältere Frauen. Eine 43 Jahre alte Zeugin sagte: „Wir haben nur gekuschelt, ich habe gedacht, der ist vielleicht schwul.“

Der Prozess um den Mord in Ergste steuert auf sein Ende zu. Der nächste Prozesstag, der Mittwoch, wurde gestrichen. Am 29. August soll der psychiatrische Gutachter zu Wort kommen, bevor am 30. August Plädoyers und Urteil erwartet werden.

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