Schwerterin fand Galionsfigur - Rätsel ist gelöst

Hölzerne Meerjungfrau

Woher stammt die Galionsfigur, die auf einmal in Spiekeroog am Strand lag? Ist die hölzerne Meerjungfrau vielleicht sogar Jahrhunderte alt? Darüber rätselte ein Ehepaar aus Schwerte rund zwei Wochen lang. Dann klingelte spätabends das Telefon bei Monika und Volker Elm. In der Leitung war ein Mann aus Hamburg. Er kenne den rechtmäßigen Besitzer.

SCHWERTE

, 14.11.2017, 15:36 Uhr / Lesedauer: 3 min
Vier der neun Galionsfiguren, die den Bug der russischen Fregatte Shtandart schmückten, gingen auf schwerer See zwischen Helgoland und Terschelling verloren. Eine der Seejungfrauen wurde von Monika Elm am Strand der Nordseeinsel Spiekeroog gefunden.

Vier der neun Galionsfiguren, die den Bug der russischen Fregatte Shtandart schmückten, gingen auf schwerer See zwischen Helgoland und Terschelling verloren. Eine der Seejungfrauen wurde von Monika Elm am Strand der Nordseeinsel Spiekeroog gefunden. © Foto: Valery Vasilevsky

Das Geheimnis um die Galionsfigur, die Monika Elm am Strand der Insel Spiekeroog entdeckt hat, ist gelüftet. Als Zierde der russischen Fregatte Shtandart segelte die kleine Meerjungfrau über die Nordsee. Bei schwerer See war sie am 25. Oktober – erst vier Tage vor dem Fund – auf der Fahrt von Helgoland nach Terschelling von den Planken des Dreimasters gerissen worden, der ein Nachbau des Zaren-Flaggschiffs von 1703 ist.

Per Mail hatte Kapitän Vladimir Martus danach „SOS“ an seine „rechte Hand“ gefunkt – an den Hamburger Skipper Sven-Erik Nüßler. Er startete seine Suche im Internet und stieß auf unsere Berichterstattung. Auf die Spur von Monika Elm. Bei der dann am Sonntagabend gegen 22.30 Uhr noch das Telefon klingelte.

Unabhängig davon meldete sich am Montagmittag per E-Mail auch der Leser Paul Lenz in der Redaktion, der ebenfalls auf die Shtandart verwies, deren Löwenkopf-Bug beidseitig von jeweils vier Meerjungfrauen geschmückt wurde. Das gesamte Quartett auf der Steuerbordseite ging bei dem Sturm über Bord.

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Fund landet jetzt wohl doch nicht im Museum

„Da klafft jetzt eine Lücke, eigentlich müsste die Figur da wieder hin“, sagt Monika Elm, die ursprünglich geplant hatte, ihren Fund dem Spiekerooger Inselmuseum zu überlassen: „Im Mai sind wir wieder an der See. Vielleicht können wir uns da treffen, dann kriegt der Kapitän die Meerjungfrau zurück.“

Kapitän Martus hat das Schiff mit Freiwilligen in jahrelanger Arbeit selbst gebaut. „Er hat das Modell in einem Petersburger Museum gefunden und war inspiriert von den Bauplänen“, erzählt Nüßler. Die waren eigenhändig entworfen von Zar Peter I., der die Shtandart 1703 als erstes Kriegsschiff seiner russischen Ostseeflotte vom Stapel laufen ließ.

Mit ihren 28 Kanonen sollte sie die neu angelegte Festung Sankt Petersburg schützen – was zwei Jahre später bei einem schwedischen Angriff auch erfolgreich geschah. 1719 wurde die Fregatte zum Museumsschiff, das aber in einem Hafen so sehr vor sich hinrottete, dass es später auseinanderbrach.

Per Erlass wurde zum Andenken an den Zaren zwar sofort ein Neubau gefordert, der jedoch erst ab 1994 unter der Regie von Kapitän Martus zustande kam. „Sie haben sich zu Dritt an die Arbeit gemacht, am Ende waren es 60 Freiwillige“ erzählt Nüßler. Während das Oberdeck mit den 33-Meter-Masten, dem Steuerrad und sogar den Sechspfünder-Kanonen originalgetreu entstand, wurde unter Deck im ehemaligen Laderaum die heute erforderliche Technik eingebaut – zum Beispiel Dieselmotoren und Stromgenerator.

Jugendliche aus vielen Ländern lernen auf der Shtandart

Nachdem das 35 Meter lange Schiff im Jahr 2000 auf See gegangen war, sollte es ursprünglich nach Deutschland umgeflaggt werden. Zu diesem Zweck wurde eigens der Betreiberverein „Fregatte Standart e.V.“ gegründet, für den Nüßler sich engagiert. Das Vorhaben, unter schwarz-rot-goldener Fahne zu segeln, habe sich jedoch wegen zu hoher Steuerzahlungen zerschlagen. Die hätten das Vereins-Budget gesprengt.

Als internationales Jugendprojekt kreuzt die Fregatte mit bis zu 40 Bordgästen auf Nord- und Ostsee. „Die Teilnehmer kommen bis aus Australien“, berichtet Nüßler. Sie lernen unter anderem Teamarbeit, aber auch Führungsqualifikationen. Bordsprachen sind Russisch und Englisch. „Das Schiff fährt öfter durch den Nord-Ostsee-Kanal und macht Stopp auf Helgoland“, sagt Nüßler. Im Winter sei es im Mittelmeer unterwegs, im Sommer in Nordeuropa: „Jeder kann mitfahren.“ Häufig gingen auch Filmteams mit an Bord. So habe das Schiff beispielsweise als Kulisse für die Serien Terra X und Sesamstraße sowie für den Film Peter Pan gedient.

Derzeit ist der Segler nicht ganz so fotogen ohne seinen aufwendigen Bugschmuck. Damit er wenigstens symmetrisch aussieht, hat der Kapitän auch die Meerjungfrauen auf der linken Backbordseite abschrauben und aufs Deck legen lassen. Nüßler hofft, dass die drei noch fehlenden Figuren auch noch wieder auftauchen. Es handelt sich um ganz besondere Stücke. Die Gesichtzüge sind beim Schnitzen Personen nachempfunden worden, die freiwillig beim Bau des Schiffes mitgeholfen haben.

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