Janny van der Kooi spinnt das Fell ihrer Angora-Kaninchen zu Wolle. Daraus häkelt sie traumhafte Mützen. Ein Hobby mit echtem Mehrwert, das ein Umdenken in der Gesellschaft widerspiegelt.

Wandhofen

, 23.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Geduldig sitzt das flauschige, graumelierte Fellknäuel auf dem Tischchen und wartet. Der Wintergarten am Haus von Janny van der Kooi in Wandhofen ist die Frisierstube für ihre zehn Angora-Kaninchen. Alles liegt bereit: elektrischer Haarschneider, Schere, Bürste, Filzkamm und eine große Plastikbox für die Wolle.

Vier bis fünf Mal im Jahr wird geschoren

Vier bis fünf Mal im Jahr müssen Angora-Kaninchen geschoren werden. Denn die Züchtung kann die Wolle nicht selbst abwerfen. „Wird das Fell zu lang, stellen die Tiere das Fressen ein, um zu verhindern, dass es weiter wächst“, erklärt Janny van der Kooi. Da Kaninchen einen Stopfmagen haben, der stets gefüllt sein muss, muss man rechtzeitig scheren, sonst erkranken die Tiere.

Schwerterin fertigt aus der Wolle ihrer Angora-Kaninchen flauschig-warme Mützen

Die Angora-Kaninchen können sich nicht selbst von ihrer üppigen Wolle befreien, deshalb müssen sie vier Mal im Jahr geschoren werden. © Theobald-Block

Janny van der Kooi streichelt den Rammler liebevoll und greift zum Rasierer. Doch das Tier möchte erstmal kuscheln, stellt sich auf die Hinterbeine und lehnt sich mit den Vorderpfoten an sein Frauchen. Kurz knuddeln, dann geht’s los, der Rasierer surrt leise. Sanft greift die Schwerterin in das vier bis fünf Zentimeter lange Fell und setzt an. Der Rammler findet derweil das Kabel des Rasierers spannender und versucht, daran zu zupfen.

Die Tiere wiegen bis zu 4 Kilogramm

Ein bis zwei Stunden dauert die Schur eines Tieres - je nachdem, wie gut es mitmacht. Denn manchmal kitzelt es. Und wenn der Bauch dran ist, müssen die Tiere auf dem Rücken im Schoß liegen und still halten. Da braucht Janny van der Kooi dann schonmal die Unterstützung ihres Mannes, um die zwischen 3,3 und 3,7 Kilogramm schweren Tiere festzuhalten. „Auf die Schnelle geht das nicht“, sagt die Niederländerin. Schließlich hat so ein Tier empfindliche Stellen. „Vor allem an den Zitzen der Weibchen und zwischen den Beinen der Männchen muss man sehr aufpassen.“

Schwerterin fertigt aus der Wolle ihrer Angora-Kaninchen flauschig-warme Mützen

© Theobald, Annette

Da die Schur zeitaufwendig ist, kommt immer nur ein Tier dran. Schließlich hat Janny van der Kooi zehn Tiere: Rammler Gandalf, seine zwei Weibchen Tante Lotte und Olga und ihre sieben, längst ausgewachsenen, Kinder. Mehr sollen es auch nicht werden. „Ich schlachte nicht, bei uns wird jedes Tier alt“, sagt Janny van der Kooi. So wie die zwei alten Hennen, die schon lange keine Eier mehr legen. „Abnehmer finde ich nicht für die Tiere, da Angora-Kaninchen selten gehalten werden.“ Und für mehr Tiere ist bei artgerechter Haltung mit viel Freilauf im Garten, wie sie Janny van der Kooi wichtig ist, eben kein Platz.

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Schwerterin spinnt Kaninchen-Wolle

Angora-Kaninchen sind eine Rarität

Dafür hat Hans-Dieter Degwer, Vorsitzender des Rassekaninchen-Zuchtvereins W390 Schwerte, in dem auch die Angora-Halterin Mitglied ist, Verständnis. Schade findet er es aber trotzdem: „Angoras sind heutzutage wirklich selten und somit eine echte Bereicherung für unsere Ausstellungen.“ Sie stehen auf der Liste der bedrohten Haustierrassen. Janny van der Kooi ist die einzige Angora-Halterin im Verein. Sogar auf Bundesschauen sieht man Angoras selten, so Degwer. Ihre Haltung ist anspruchsvoll und Geld lässt sich damit schon längst nicht mehr machen. „Vor 25 Jahren bekamen die Züchter in Deutschland noch rund 150 D-Mark für das Kilo Wolle. Heutzutage kommt die Angora-Wolle aus China.“

Weil die Angoras so selten sind, musste Janny van der Kooi lange nach ihren Tieren suchen. „Da es nur wenige Bestände gibt, ist die Gefahr von Inzucht groß“, sagt sie. Ihr Rammler stammt aus Mainz, die beiden Häsinnen von einem Züchter aus Waltrop. „Der zeigte mir auch, wie man schert, obwohl er selbst die Wolle nie genutzt sondern einfach entsorgt hat“.

Der Kaninchen-Nachwuchs wechselt die Fellfarbe

Nach und nach flattern federleichte Haarbüschel des schwarzen Angora-Kaninchens in den Plastikbehälter. Die Rasse heißt zwar schwarze Angora, doch das Fell ist graumeliert. Schwarz ist es nur in den ersten Lebenswochen. „Mit acht Wochen werden sie das erste Mal geschoren, danach wächst das Fell grau“, sagt Janny van der Kooi.

Der Rammler hat es schließlich geschafft und darf zurück in seinen Stall. Ein bis zwei Zentimeter Fell-Länge sind ihm geblieben. „Genug, damit er auch im Winter nicht friert“, so die Kaninchen-Liebhaberin.

Im Jahr produziert ein schwarzes Angora etwa ein Kilogramm feinste Wolle. Und die war der Grund weshalb sich Janny van der Kooi vor zwei Jahren überhaupt die Tiere anschaffte. Naturverbunden war die Wandhofenerin schon immer. In dem Häuschen mit kleinem Garten leben neben dem Paar ein Collie-Mischling, ein Kater, die zehn Kaninchen, zwei Hennen und ein Teil ihrer 20 Bienenvölker. „Wir Imker waren damals zu Gast bei den Kaninchenzüchtern. So entwickelte sich die Idee“, erinnert sich Janny van der Kooi. Ihr war wichtig, die Kaninchen auch irgendwie nutzen zu können. Da verspeisen für sie nicht in Frage kam, blieben die Angoras als Fell-Lieferant.

Schwerterin fertigt aus der Wolle ihrer Angora-Kaninchen flauschig-warme Mützen

Das Spinnen der Wolle ist eine Arbeit, die Janny van der Kooi gerne im Winter macht. Im Frühling und Sommer hat sie dazu keinen Zeit.

Trend geht zum eigenen Woll-Liferanten

Ein Trend, den auch Sabine Ruck aus Witten in ihrem Geschäft „Geheimtipp Wolle“ beobachtet, wo sie Workshops rund um das Thema Wolle anbietet - vom Filzen über das Spinnen bis hin zum Weben und Stricken. „Es lernen in jüngster Zeit zwar nicht mehr Menschen das Spinnen, aber immer mehr möchten die Wolle ihrer eigenen Tiere verarbeiten“, sagt die Designerin, die Fair-Trade-Wolle verkauft und Woll-Produkte selbst herstellt.

Designerin Sabine Ruck zeigt in ihrem Geschäft „Geheimtipp Wolle“, Ruhrstr. 24, 58452 Witten, in einer offenen Werkstatt, wie ihre Woll-Produkte entstehen. Außerdem bietet sie Workshops an. Das Geschäft ist montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.
„Wer ein bisschen Fläche hat, schafft sich drei Schafe oder Alpakas an.“ Oder eben Angora-Kaninchen, die brauchen weniger Platz. Ihre Kunden kommen aus der ganzen Region, um sich in ihrer offenen Werkstatt anzuschauen, wie das Spinnen funktioniert. Schließlich ist Spinnen ein seltenes Kunsthandwerk geworden. „Dabei ist es gar nicht so schwer. In meinem zweistündigen Workshops lernt man schnell wie es geht und hat dann schon alle Fehler ein mal gemacht“, sagt Sabine Ruck. Sie selbst habe als Autodidaktin viel länger gebraucht, um einen guten Faden aus dem Spinnrad zu zaubern.

Federleichte Mütze hält mollig warm

Janny van der Kooi hat sich das Spinnen mit ein paar telefonischen Tipps einer Spinnerin auch selbst beigebracht. Das Spinnrad hat sie von einer Cousine aus den Niederlanden übernommen. Die Wolle lässt sich sofort verspinnen.

Schwerterin fertigt aus der Wolle ihrer Angora-Kaninchen flauschig-warme Mützen

Aus der Angora-Wolle ihrer Kaninchen-Dame Lotte hat Janny van der Kooi bereits einen Loop-Schal und eine Mütze gestrickt. Nur 50 Gramm wiegt die flauschigweiche und superleichte Mütze. © Theobald-Block

Gewaschen werden muss sie zuvor nicht, es ist nicht fettig wie Schaffwolle. Und die Kaninchen selbst sind sehr reinlich. So setzt Janny von der Kooi mit ihrem Fuß das Spinnrad in Bewegung, greift etwas Fell aus der Plastikbox und verzwirbelt die Haar zwischen Zeigefinger und Daumen mit dem Faden, der von der Spindel des Spinnrades in sich verdreht wird. Später verzwirbelt sie zwei Fäden zu einem, den sie dann verstrickt zu Handschuhen, Mützen oder Loops. Erst dann wird gewaschen: Bei 30 Grad in der Maschine. Janny van der Kooi präsentiert stolz eine graue Mütze: Flauschig weich, mit 50 Gramm federleicht und superwarm. Ein echtes Unikat aus dem eigenen Garten. Ein werthaltiges, effektives Kleidungsstück.

Die Wollgilde ist bei der Messe Creativa in den Dortmunder Westfalenhallen vom 13.-17 März 2019 mit einem Stand vertreten. Der Verein zeigt eine Wollausstellung in einem Schäferwagen. Außerdem gibt es Vorführungen und Besucher können Handspindeln basteln.
Neue Wertschätzung für Wolle

Daniela Wogawa-Treise, Vorsitzende der Handspinngilde mit bundesweit über 700 Mitgliedern und selbst Angora-Kaninchen-Züchterin, freut sich, dass viele Menschen sich wieder zunehmend der Handarbeit und der Ursprünglichkeit annähern. „Die Menschen hinterfragen immer mehr, wo ihre Kleidung her kommt und ob es auch bei Funktionskleidung immer der synthetische Stoff sein muss oder Wolle nicht mindestens ebenso gut ist.“ Woller sei längst kein Abfallprodukt mehr, sonder erlebe eine neue Wertschätzung - egal von welchen Tier.

Angora-Kaninchen

Das Angorakaninchen gehört zu den ältesten Kaninchenrassen der Welt. Früher waren sie als gute Felllieferanten weit verbreitet, doch mittlerweile stehen sie auf der Liste der gefährdeten Haustierrassen. Das ersten Angorakaninchen wurd vor rund 300 Jahren aus weißen trükischen Kaninchen gezüchtet. Der Name Angora stammt aus der türkischen Provinz Angora (Ankara). In Deutschland sind sie auch unter dem Namen Seidenhase, Kaschmir-Kaninchen und Rupfhase bekannt. Sie wiegen zwischen 3,5 und 5 Kilogramm. Neben den weißen Angoras gibt es die Züchtungen auch in den Farben Schwarz, Blau, Gelb, Havannafarbig und Fehfarbig. Jedoch liefern die weißen Angora mehr Wolle als die farbigen.
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