Sorgt Corona für mehr Gewalt an Kindern? Das sagt das Jugendamt

mlzKontaktverbot-Folgen

Werden mehr Kinder geschlagen? Gibt es mehr Gewalt in Familien? Das Schwerter Jugendamt beantwortet Fragen zur Corona-Zeit. Daraus wird deutlich: Es ist vielschichtig und kompliziert.

Schwerte

, 18.05.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Alle zuhause, nur selten darf jemand raus – welche Folgen die Corona-Beschränkungen in den Familien haben, ist noch nicht klar. Oder zumindest noch nicht mit Zahlen bewiesen.

Was hingegen auf der Hand liegt: In Familien, in denen Streit zu Handgreiflichkeiten und Gewalt führt, konnte man sich in den vergangenen Wochen weniger leicht aus dem Weg gehen.

Wie groß ist dieses Problem? Kann man das überhaupt schon sagen zu diesem frühen Zeitpunkt? Eine Anfrage beim Jugendamt der Stadt Schwerte.

? Wie ist die Corona-Zeit für Familien?

„Kinder, Jugendliche und Eltern sind von den drastischen Einschränkungen besonders betroffen“, so die offizielle Antwort aus dem Jugendamt. Kitas und Schulen dicht, dazu die Kontaktbeschränkungen, die bedeuten, dass Oma auch nicht einspringen kann – das habe natürlich Auswirkungen. Im Jugendamt bemüht man sich, zunächst das Positive zu sehen: „Die Corona-Lage schweißt Familien zusammen, Eltern und Kinder verbringen mehr Zeit miteinander. Sie entwickeln neue und kreative Ideen, wie mit der Bewältigung des Alltags und den damit verbundenen Herausforderungen umzugehen ist.“

? Das klingt extrem positiv. Aber wenn die Eltern in Kurzarbeit sind, wenn Arbeitslosigkeit droht, wenn das Geld knapp wird oder die Zukunft ungewisser denn je?

Naiv ist man im Jugendamt auch nicht. Ganz im Gegenteil: Man kennt viele Fälle, hat Erfahrungen aus Jahren, oft Jahrzehnten. Und man weiß um die Kraft der beruhigenden, betont sachlichen Sprache: „Eine große Belastungsprobe“ sei das für viele Familien. „Diese Zeit ist geprägt durch Unsicherheiten.“ Gerade in Krisenzeiten sei es wichtig, „dass die Kinder- und Jugendhilfe konstant und verlässlich an der Seite von Familien steht, Eltern unterstützt und Kinder schützt“.

? Wie kann sie das, wenn sie 1,50 Meter Abstand halten musste? Wenn sie zeitweise gar nicht in die Wohnungen durfte, um nachzuschauen? Wenn die Unterbrechung der Infektionskette plötzlich noch über dem Wohl der einzelnen kleinen und großen Menschen stand?

„Neue Wege“ sei man gegangen, heißt es, auch in der Kinder- und Jugendhilfe: „Gespräche finden (auch) im Freien statt, Video-Chats, Telefonate, E-Mails und Telefonkonferenzen kommen vermehrt zum Einsatz.“ Trotz all dieser Maßnahmen, „um die Infektionsgefahr so gering wie möglich zu halten“, führe „am ‚Face-to-Face-Kontakt‘ mit Kindern und Eltern kein Weg vorbei. Das Wohl der Kinder hat für das Jugendamt auch unter widrigen Umständen allerhöchste Priorität.“

? Ja, aber: Gibt es denn jetzt in Schwerte mehr Gewalt-Meldungen als vor Corona oder nicht?

Dazu heißt es: „Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht feststellbar, dass die Anzahl an Gefährdungsmeldungen im Jugendamt Schwerte deutlich angestiegen ist, dass Streit und Gewalt in den Familien enorm zugenommen haben.“

? Also ist die Vermutung falsch? Haben Schwertes Familien Corona problemlos gemeistert?

Nun ja. Das Jugendamt erklärt auch, „vermehrt“ würden sich die eigenen Fachkräfte melden oder auch die Familien selbst. Und „mitteilen, dass sie unter den gegebenen Umständen deutlich an ihre Grenzen kommen und Unterstützung benötigen“. Genau da trete dann das in Kraft, was man als Jugendamt ohnehin als Ansatz verfolge, was auch schon vor Corona so gewesen sei: „Diesen Familien wird schnellstmöglich die im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe erforderliche Hilfe zuteil, damit Überforderungssituationen nicht eskalieren.“ In anderen Worten: Menschen, die überfordert sind, üben oft körperliche, sprachliche, seelische Gewalt aus. Wer das verhindern will, muss die Überforderung eindämmen.

? Moment: Dass in der Familie was nicht stimmt, fällt doch oft nicht dem Jugendamt auf oder weil sich die Betroffenen von sich aus melden. Sondern es gibt Hinweise von Lehrern, Erziehern, Nachbarn oder der Oma...

Das stimmt, und das unterstreicht auch das Jugendamt, wenn auch in einem komplizierten Satz: „Kitas und Schulen geben derzeit aufgrund der Schließungen eher selten Hinweise, so dass erst zu einem späteren Zeitpunkt deutlich wird, wie es den Familien, den Kindern und Jugendlichen in der Zwischenzeit ergangen ist.“
Im Sinne des Kinderschutzes sei es „gerade deshalb wichtig, dass alle, die den Verdacht haben, Kinder leiden oder Eltern sind überfordert, sich beim Jugendamt melden.“ Man sei „auch weiterhin voll erreichbar“ und gehe jedem Hinweis nach.

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