Der Dachträger vom Bahnsteig 3 des Schwerter Bahnhofs wurde am Bauhof auf einen Lkw der Firma Resch verladen, um in Lünen per Sandstrahl gereinigt und neu lackiert zu werden. © Herbert Kluge
Krieg in Schwerte

Stummer Zeuge von 300 Bombenopfern: Bahnsteigpfeiler wird konserviert

Er blieb stehen, als ringsherum die Minen explodierten: Löcher von Bombensplittern in einem Träger des alten Bahnsteigdachs erinnern an das Leid des Krieges. Er soll ein Mahnmal werden.

Häuserruinen mit herausgesprengten Wänden und Dächern gibt es nur noch auf vergilbten Schwarzweiß-Fotos. Alle Bombentrichter sind längst verfüllt, auch Einschüsse an Fassaden mit neuem Verputz zugeschmiert. Wie sehr die Schwerter während des Zweiten Weltkriegs unter den andauernden Fliegerangriffen der anglo-amerikanischen Bomberstaffeln leiden mussten, daran erinnert eigentlich nichts mehr im Stadtbild.

Beim Bombenangriff auf den Bahnhof starben 300 Menschen

Als einziger stummer Zeuge der todbringenden Zerstörungen hat nahezu unbemerkt nur ein Träger des alten Bahnsteigdachs am Bahnhof Schwerte überlebt, den die Eisenbahnfreunde Schwerte bei der Modernisierung der Station vor zwei Jahren gerettet haben. Ursprünglich stand er am letzten Gleis, wo die Züge aus Dortmund einfahren. Dort wurde er von Granatsplittern und Bordkanonen durchlöchert, als am 31. Mai 1944 beim schwersten Luftangriff auf Schwerte das angrenzende Nickelwerk und der Güterbahnhof zu großen Teilen zerstört wurden. 300 Menschen starben elendig.

Mehr als 300 Menschen starben beim  Bombenangriff vom 31. Mai 1944 auf das Nickelwerk und das Bahnhofsgelände. Auch Häuser an der Bahnhofstraße wurden zerstört.
Mehr als 300 Menschen starben beim Bombenangriff vom 31. Mai 1944 auf das Nickelwerk und das Bahnhofsgelände. Auch Häuser an der Bahnhofstraße wurden zerstört. © Reinhard Schmitz (Repro) © Reinhard Schmitz (Repro)

Wie Papier hatten die Waffen den zentimeterdicken Stahl des Pfeilers durchlöchert, teilweise in der Größe eines Zwei-Euro-Stücks. Reisende, deren Blick zufällig auf die Beschädigungen fiel, hielten diese meistens für Bohrlöcher irgendwelcher längst verschwundenen Schilder oder Automaten. Zugeschweißt wurden sie nie. Auch nicht, als die Bahnsteigdächer in den 1960er-Jahren aufwendig renoviert wurden. Um das Geheimnis wussten eigentlich nur noch ein paar ältere Eisenbahner und später auch die Eisenbahnfreunde. Die markierten den am meisten durchlöcherten Pfeiler mit einem roten Farbkreuz, als die Bahnsteige jüngst mit modernen Überdachungen ausgestattet wurden. Damit sollte verhindert werden, dass er wie das restliche ausgediente Material auf den Schrott wanderte.

Fachbetrieb in Lünen entfernt den alten Mennige-Schutzanstrich

Stattdessen wurde die Dachstütze, die vor dem Abgang zur Bahnsteigtreppe gestanden hatte, vorsichtig abmontiert und im städtischen Bauhof an der Schützenstraße zwischengelagert. Ziel ist, sie zum Mahnmal gegen den Krieg werden zu lassen. Auf dem Weg dorthin wurde die Stahlkonstruktion jetzt von dem Fass-Aufbereiter Resch mit einem Lkw zu einem Fachbetrieb nach Lünen gebracht. Dort wird per Sandstrahl alte bleihaltige Mennige entfernt und ein erster neuer Anstrich aufgetragen.

Wie Butter haben die Granatsplitter und Bordkanonen beim Fliegerangriff auf das Nickelwerk am 31. Mai 1944 den massiven Stahl des Bahnsteigdach-Trägers durchschlagen.
Wie Butter haben die Granatsplitter und Bordkanonen beim Fliegerangriff auf das Nickelwerk am 31. Mai 1944 den massiven Stahl des Bahnsteigdach-Trägers durchschlagen. © Wolfgang Güttler © Wolfgang Güttler

„Den Transport nach Lünen und wieder zurück erledigt ohne Berechnung von Kosten die Firma Resch“, berichtet Herbert Kluge von den Eisenbahnfreunden. Zuvor hätten Feuerwehr und Bauhof vorbereitende Arbeiten erledigt: „Wenn die Stütze zurückkommt, werden neue Stahlteile an der Stütze montiert und ein weiterer Anstrich vorgenommen.“ Anschließend könne das Mahnmal vor dem Bahnhof aufgestellt werden.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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Reinhard Schmitz

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