Gibt es eine Verbindung zwischen dem mutmaßlichen Täter und dem Mordopfer? Kannten sich Michael S. und die im Januar in Ergste ermordete 72-Jährige? Am vierten Prozesstag ging es auch darum.

Schwerte

, 31.07.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Was passierte in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 2019 im Haus an der Gillstraße in Schwerte-Ergste? Und vor allem: Warum? Die Richter und Schöffen wollen es im Laufe von sechs Prozesstagen geklärt wissen.

24 Zeugen sagten an den ersten drei Prozesstagen aus. An Tag Nummer 4 sind eine Polizistin, Sachverständige und eine ehrenamtlich Engagierte im Zeugenstand gewesen. Da hatte es entgegen der Ankündigung zuvor Änderungen gegeben.

Es ging um DNA-Spuren, um die Wohnung des mutmaßlichen Täters und um die Frage, ob diejenigen, die vorher mit Michael S. Kontakt hatten, Veränderungen oder gar Warnsignale hätten wahrnehmen können.

Der Fall hatte weit über Schwertes Grenzen hinaus für Aufsehen gesorgt:

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11:28 Uhr - Kurz noch der Ausblick, dann ist der Prozesstag vorbei

Ein Gutachter ist von seiner Schweigepflicht entbunden. Und auch die Liste der Zeugen für die nächsten Prozesstage ist nun abgesprochen. Somit deutet sich an: Am 13. und 14. August, wenn der Prozess weitergeht, geht es erneut um die Frage: Wie hat das direkte Umfeld Michael S. in der Zeit wahrgenommen, bevor der Mord passierte, der ihm zur Last gelegt wird.

Wir sind dann wieder vor Ort und berichten aktuell.

11:15 Uhr - Wer wird an den nächsten Prozesstagen geladen? Kurze Besprechung

Die Öffentlichkeit muss raus. Richter, Staatsanwalt und Verteidiger besprechen sich kurz, wie es an den nächsten Prozesstagen aussehen soll, welche Zeugen kommen und welche nicht benötigt werden.

11:11 Uhr - Kannte Michael S. denn nun das Opfer?

Auch zu dieser Frage kann die ehrenamtlich Engagierte eine Antwort geben: „Ich habe den Namen nie gehört.“

Sie wisse wohl, dass sich Michael S. rund um die JVA mit Anwohnern, vor allem mit Frauen, unterhalten habe. Mit einer Frau zum Beispiel sei es um eine Harley gegangen. Sie kenne allerdings keine Namen und wisse auch nicht, ob das mehr als lockere Gespräche gewesen seien. Ihre Vermutung: eher nicht.

11:07 Uhr - War die Taschenuhr gestohlen oder gehörte sie Michael S.?

Nach der Festnahme fanden die Polizisten bei Michael S. eine Taschenuhr. Die Vermutung von Polizei und Staatsanwaltschaft, die so auch an anderen Prozesstagen geäußert wurde: Die habe er bei der 72-Jährigen gestohlen.

„Ich habe den Prozess ja im Live-Ticker verfolgt und bin an anderen Tagen auch hier gewesen“, sagt die ehrenamtlich Engagierte, die sich um Michael S. gekümmert hatte. Aber die Sache mit der Taschenuhr könne nicht sein: „Er besaß selbst drei Taschenuhren.“ Das könnten andere Ehrenamtliche auch bestätigen.

Die Richter nehmen den mitgebrachten Zettel der Frau zu den Akten und zur Kenntnis.

10:56 Uhr - Was die Ehrenamtliche sagt, die Michael S. seit 2005 kennt

Wie ist Michael S. in den Jahren vor der Entlassung aus der JVA Schwerte gewesen und wie in der Zeit danach? Eine ehrenamtlich Engagierte, die sein Leben ab 2005 begleitet hatte, erinnert sich:

Zu Beginn sei Michael S. misstrauisch gewesen, dann aber aufgetaut. Habe mit ihr offen und ehrlich über den Sexualmord von 1990 gesprochen - und das inhaltlich korrekt, sie kenne ja auch das Urteil von damals.

„Ich habe nie eine Situation erlebt, die bei mir eine rote Lampe hätte angehen lassen.“ Nie sei etwas passiert in der JVA, nie habe er sie um Geld gebeten.

Nach der Entlassung aus der Haft habe sich Michael S. aber nicht mehr so wohl gefühlt. Das Leben draußen sei komplizierter, „schlechter“. Miete, Behördengänge, das Geld, das alles eben - er sei nicht mehr so gut zurechtgekommen. Das habe er bei einem Besuch kurz vor Weihnachten 2018 auch selbst so erzählt.

10:27 Uhr - Biologin vom Landeskriminalamt: DNA-Spuren von Michael S.

Von wem stammten die DNA-Spuren in der Wohnung der Toten? Dazu gibt eine Sachverständige ihre Ergebnisse wieder, eine Biologin vom Landeskriminalamt.

Spuren wurden unter anderem genommen vom Unterarm der Toten, vom Rücken, vom Griff der Wohnzimmertür und der Türkante dort, von der Haustür, vom iPhone im Haus und von einer Steckdosenverlängerung im Obergeschoss.

In vielen Spuren habe sie sowohl Material der Ermordeten als auch von Michael S. gefunden, so die Sachverständige. Sowie - der Vollständigkeit halber sei das erwähnt - teilweise noch von anderen Personen, das aber in deutlich geringerer Menge.

Dass die Spuren von Michael S. stammen, könne man „aus gutachterlicher Sicht nicht bezweifeln“.

Der Richter fragt nach: Könnte eine dritte Person diese beiden DNA-Spuren verteilt haben?

Die Sachverständige schaut nach oben und überlegt lange: Nun ja, rein theoretisch könne das wohl sein, aber da müsse man ganz schon etwas konstruieren. Ein Beispiel, das sie dann gefunden hat: wenn jemand in Speichel fasst und den dann auf einem Gerät verteilt oder an einer Stelle, die später für Polizei und Gericht zur Spur werde.

„Das ist also ein nicht realitätsnahes Szenario.“

Und das müsste ja dann auch mehrfach bei verschiedenen Spuren passiert sein, überlegt der Richter.

Ja, also extrem unwahrscheinlich, lässt die Biologin durchklingen.


10:08 Uhr - Woran starb die 72-Jährige? Was sagt der Rechtsmediziner?

Es gab Schläge, Stichverletzungen, vielleicht ein Würgen, letztlich einen Brand - aber was von alledem ist die Ursache für den Tod der 72-Jährigen gewesen? Um das zu klären, hört das Gericht den Rechtsmediziner, der die Obduktion durchgeführt hatte.

Eine 100-prozentige Antwort kann er nicht geben. Allerdings erklärt er: Die Frau habe keinen Ruß mehr eingeatmet. Das würde dafür sprechen, dass sie zum Zeitpunkt, als der Brand gelegt wurde, schon tot oder zumindest bewusstlos gewesen sein muss.

Ansonsten wären allein die Brandverletzungen tödlich gewesen.

Auch ob das Opfer tatsächlich gewürgt wurde oder ob die Verletzungen nur von Schlägen her stammen - da will sich der Sachverständige nicht festlegen.



9:32 - Pause bis 10 Uhr - Man wartet auf die nächsten Zeugen

Ist der nächste Zeuge zufällig schon vor dem Saal? Nein, ist er nicht. Deshalb erklärt der Vorsitzende Richter Marcus Teich: Pause bis 10 Uhr, erst dann geht‘s weiter.



9:14 Uhr - Wie sah es in der Wohnung von Michael S. aus?

Als erste Zeugin sagt eine Polizistin aus, die bei der Wohnungsdurchsuchung von Michael S. dabei war. Zusammen mit Richtern und Anwälten schaut sie auf Fotos. Und bestätigt ansonsten im Wesentlichen das, was andere Polizisten schon gesagt haben:

Es gab Drogen in der Wohnung und leere Schnapsflaschen. Das indes war allein schon auf dem Facebook-Video zu sehen, an dessen Ende die Festnahme von Michael S. erfolgte.

Im Badezimmer gab es ein zerschnittenes Hemd, gewaschene Wäsche, frisch gewaschene Schuhe.

War es ansonsten sauber? „Das war okay“, sagt die Polizistin: „Man hat schon Schlimmeres gesehen.“

Eine „sehr spartanische Einrichtung“, zwei kaputte Brillen im Müll. Nichts, was auf den ersten Blick bemerkenswert erschien.

Ist der Zustand der Wohnung entscheidend? Immer wieder geht es darum, immer wieder fragt der Richter bei den Polizisten nach. Zur Erinnerung: Bei der Schildung des Tages nach der Festnahme hatte Michael S. auch behauptet, er habe ein bisschen geputzt.

Oder geht es auch um die Frage, in wie weit dem Ex-Häftling sein Leben in Freiheit nun tatsächlich entglitten und strukturlos war? Vielleicht gibt es später oder an weiteren Tagen eine Antwort darauf.

9:02 Uhr - Ein paar Minuten noch

Richter, Schöffen, Verteidiger und Staatsanwalt dürfen schon in den Saal. Die Zuschauer noch nicht. Es ist leerer als an den Prozesstagen zuvor. Einige Interessierte sind aber auch heute wieder im Landgericht Hagen - unter anderem einige Freunde der Ermordeten in den T-Shirts, die das Gesicht der Frau zeigen.

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