Totschlag, 14 Jahre Haft – und dann? Was bedeutet das Urteil gegen Michael S. denn nun?

mlz72-Jährige in Ergste getötet

Doch nicht Mord? Nur Totschlag? Nicht lebenslänglich, sondern 14 Jahre? Auf den ersten Blick wirkt das Urteil gegen Michael S. überraschend milde. Doch die Richter hatten gute Gründe.

Ergste

, 06.11.2019, 18:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Michael S. (50) hat in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 2019 eine 72-Jährige in ihrem Haus in Schwerte-Ergste umgebracht. Nur wenige Meter entfernt von der JVA, aus der er nur drei Monate zuvor nach insgesamt 28 Jahren Haft entlassen worden war.

Dieser Teil war unstrittig – auch schon vor Prozess-Tag Nummer 11 am Landgericht Hagen, vor dem Tag der Urteilsverkündung. Staatsanwalt Michael Burggräf war davon ausgegangen, S.‘ Verteidiger Martin Düerkop auch. Zu eindeutig waren die Spuren: Man fand Michael S.‘ DNA an vielen Stellen im Haus an der Gillstraße, sogar auf der Unterhose der Toten.

Offen war nur noch: Würden die Richter um den Vorsitzenden Marcus Teich dem Antrag der Staatsanwaltschaft – lebenslange Haft plus Sicherheitsverwahrung – folgen?

? Wie lautete das Urteil?

14 Jahre Haft plus anschließende Sicherheitsverwahrung. Das Gericht verurteilte Michael S. wegen Totschlags, nicht wegen Mordes.

? Warum nicht wegen Mordes?

Richter Teich formulierte es bewusst in einfachen Worten: „Ich muss als Gericht sagen können: So war’s und nicht anders.“ Es sei aber in vielen Details unklar, was tatsächlich in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar im Haus in Ergste passiert sei: Brachte Michael S. die Frau um, nachdem er sie sexuell genötigt hatte, um also seine Tat zu vertuschen? War es eine gewollte Kette von Ereignissen oder ergab sich eins aus dem anderen, bis die Frau am Ende tot war? Diese Vertuschungsabsicht, dieses zielgerichtete Handeln – das sei nicht zweifelsfrei zu beweisen, so Teich. Was bleibt, ist Totschlag.

? Also eine mildere Strafe?

Eine leicht mildere, ja. Bei Lebenslang wird in der Regel nach 15 Jahren geprüft, ob der Verurteilte weiter in Haft bleiben sollte. Für Totschlag in einem nicht minder schweren Fall reicht der Rahmen von 5 bis zu 15 Jahren. Michael S. bekam 14, also eine Strafe „im oberen Bereich des zur Verfügung stehenden Bereiches“, wie Teich betonte.

? Aber auch danach kommt er nicht frei, oder?

Nein, denn es schließt sich die Sicherungsverwahrung an. Denn ein Michael S. in Freiheit könnte in allerkürzester Zeit wieder ein solches Kapitalverbrechen begehen, untermauerte Teich: „Es kann jederzeit wieder passieren, es kann jeden treffen und es ist bisher beim Angeklagten auch gar nicht behandelt. Deshalb ist es nicht damit getan, ihn 14 Jahre in Haft zu stecken. Da haben schon 28 Jahre nicht gereicht.“ Die Sicherungsverwahrung sei zwingend erforderlich zum Schutz der Allgemeinheit.

? Michael S. kommt also bis an sein Lebensende nie wieder auf freien Fuß?

Davon ist auszugehen, auch wenn man das nie 100-prozentig sagen kann. Theoretisch kann es irgendwann neue psychologische Gutachten geben, die S. nicht mehr als gefährlich einstufen. Doch das klingt extrem unwahrscheinlich, zumal Gutachter in S.‘ Akte auch immer das Gerichtsurteil von 2019 finden werden. Und Richter Teich betont: Das Tatmuster von Ergste „passt wie eine Schablone auf das, was vorher schon einmal passierte“ – also 1990, als Michael S. im Alter von 21 Jahren eine 58-Jährige in Aachen umbrachte, aus sexuellen Motiven.

? Was ist denn aber nun geschehen in der Januar-Nacht in Ergste?

Hat die 72-Jährige Michael S. ins Haus gebeten? Überwältigte er sie? Waren sich beide vorher schon mal begegnet? Wann und wie kam es zu sexueller Nötigung und wie weit überhaupt? Fielen sexuelle Nötigung und die körperlichen Attacken – Schläge und Stiche – in denselbem Zeitraum? Wann und wodurch starb die Frau letzten Endes? Hatte Michael S. Alkohol oder Drogen im Blut? „Wir wissen es nicht.“ Diesen Satz sagte Richter Teich in seiner Urteilsbegründung ziemlich oft. All das hatte Einfluss auf die Entscheidung, statt von Mord von Totschlag zu sprechen und das Urteil so zu formulieren.

? Aber man kann die einzelnen Indizien doch mit dem gesunden Menschenverstand zusammenfügen, oder?

Nicht unbedingt. Der psychologische Gutachter diagnostizierte bei Michael S. viele Persönlichkeitsstörungen. Teich und seine Richter-Kollegen unterstrichen: „Man kann an das Denken und Handeln von Herrn S. keine normalen Maßstäbe anlegen.“ Dementsprechen könne man auch nicht so einfach sagen: Wenn A, dann ist B wahrscheinlich. Und das wiederum lasse keine objektiv nachvollziehbaren Schlüsse für eine Indizienkette zu.

? Ist das Urteil denn wasserdicht?

Deutlich eher als eins wegen Mordes. Staatsanwaltschaft und Verteidigung können natürlich Revision einlegen. An der Sicherungsverwahrung dürfte aber nur schwer zu rütteln sein. Und mit dem Strafmaß an sich dürften sich auch beide Seiten arrangieren können.

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