Trotz abgesenkter Bordsteine: Hier haben Rollstuhlfahrer in Schwerte Probleme

mlzBürgersteige in der Innenstadt

Mit dem Rollstuhl kommt man über jeden abgesenkten Bordstein in der Schwerter Innenstadt? Mitnichten, wie Peter Franzl beweisen kann. Er zeigte den Politikern, wo genau die Probleme liegen.

Schwerte

, 22.01.2019, 13:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Rollstuhl ruckelt, als er gegen die gerade mal hauchdünne Bordsteinkante stößt. Abrupt bleibt er auf dem Rinnstein an der Runde-Ecke-Kreuzung stehen. Extra für Gehbehinderte abgesenkt sind hier - wie an vielen Einmündungsbereichen in Schwerte - die Bürgersteige.

Fast bis auf Fahrbahn-Niveau. Aber eben nur fast. Denn selbst ein oder anderthalb Zentimeter Höhenunterschied reichen schon, um für die nur Untertassen-großen Räder des Elektro-Scooters zum unüberwindbaren Hindernis zu werden. Ein Problem, mit dem Peter Franzl (73) überall auf seinen Wegen durch die Stadt zu kämpfen hat.

Besonders krass sei es an der Hörder Straße, erzählt der Mann, der als Folge eines Schwimmunfalls seit 40 Jahren querschnittsgelähmt ist. In Höhe des früheren Blumengeschäftes vor dem Evangelischen Friedhof müsse er auf die Fahrbahn ausweichen - und das auch noch entgegen der Autoschlange, die unaufhörlich auf der Bundesstraße herunterquillt.

Parken auf Behindertenparkplatz? „Dem sollte man 200 Euro abnehmen“

Aufmerksam hören Politiker der SPD und der Linken zu. Sie begleiten Franzl auf dieser Stadtführung der besonderen Art von der Rathaus- bis zur Ostenstraße in der Altstadt. Es ist eine Route über Nebenstraßen und stille Gassen, die noch die gangbarste Verbindung für die täglichen Wege des Rollstuhlfahrers bilden.

„Wir sind Herrn Franzl dankbar, dass er uns Nicht-Betroffenen klar macht, was die Probleme für Menschen mit eingegeschränkter Bewegung bedeuten“, sagt SPD-Fraktionsvorsitzende Angelika Schröder. Ihr Fraktionskollege Karl-Edwin Sürig schimpft gleich beim Start am Rathaus noch wie ein Rohrspatz über ein anderes, das jeder sieht.

Auf einem Behindertenparkplatz hat er einen roten Nissan ohne den nötigen Berechtigungsausweis entdeckt. „Das ist eine Frechheit“, sagt Sürig: „Dem sollte man nicht 20, sondern gleich 200 Euro abnehmen.“

Vom Behindertenparkplatz in den Laden - das klappt nicht

Frei ist dagegen der Behindertenparkplatz in der Mitte der Haselackstraße, schräg gegenüber des früheren Radiogeschäfts Gendrong. Eigentlich eine ideale, sehr zentrale Stelle, wenn Franzl Einkäufe in der City zu erledigen hat. Eigentlich. Denn einfach den Rollstuhl auszuladen und loszufahren, ist nicht möglich, weil sich auch hier der Bordstein mit dem Hilfsmittel nicht erklimmen lässt.

Übrigens sind solche Stellen auch eine große Herausforderung für die immer zahlreicher werdenden Rollator-Benutzer. Nicht jeder von ihnen ist noch so beweglich wie SPD-Ratsherr Karl-Friedrich Pautz, der das Hindernis mit der - eigens für die Tour ausgeliehenen - Gehhilfe rückwärts nimmt. So habe er das im Kurs gelernt, sagt er.

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Blinde brauchen eine Tastkante von sechs Zentimetern

Wie die Bürgersteig-Übergänge besser zu gestalten sind, zeigt die Kreuzung Kuh-/Goethestraße, die Franzl problemlos passieren kann, wenn er ein in einem kleinen Bogen seitwärts zur Rollstuhl-Rampe ausschwenkt. Dass direkt daneben beim Umbau ein flacher Bordstein geblieben ist, hat seinen Sinn.

„Das ist wichtig für Sehbehinderte“, erklärt Sebastian Sommerfeld aus der städtischen Stadtplanung, der den Rundgang mit seinem Schreibblock begleitet: „Sie brauchen eine Tastkante von sechs Zentimetern.“ Sonst kann der weiße Stock keine Signale geben.

Neu geplante Bordsteine werden „auf Null“ abgesenkt

Eifrig dokumentiert Sommerfeld die Mängel, auf die Franzl unterwegs immer wieder hinweisen muss. Bei allen zukünftigen Maßnahmen zur Barrierefreiheit sei eine „Nullabsenkung“ der Bürgersteige angestrebt, sagt er. Die Stadt orientiere sich bei den Straßenbauarbeiten am Leitfaden „Im Detail“, den ein Ingenieurbüro unter Einhaltung der einschlägigen DIN-Normen aufgestellt habe.

Ein Extrembeispiel, wie man Rollstuhlfahrern das Leben noch schwerer machen kann, zeigt Franzl ganz zum Schluss an der Hellpothstraße. Vor der Einmündung in die Ostenstraße ist der einzige Bürgersteig nicht nur superschmal, sondern auch recht abschüssig zur Seite in Richtung Fahrbahn geneigt: „Ich habe hier Angst, dass ich umkippe und muss das Körpergewicht verlagern.“

Darum hat Franzl alle Problemstellen dokumentiert

Alle Problemstellen hat Franzl fotografiert und in einer dicken Dokumentation aufgelistet. „Damit ist er auf die Arbeitsgruppe Inklusion zugegangen, die vom Rat beschlossen worden ist“, berichtet Linke-Ratsfrau Mechthild Kayser. Vertreter aller Ratsfraktionen und aus Sozialverbänden kommen dort zusammen und haben vor zwei Jahren auch schon einmal einen Rundgang in der Rolle von Rollstuhl- und Rollatorfahrern sowie Blinden gemacht.

„Wir haben beispielsweise dafür gesorgt, dass an der Rohrmeisterei die Behindertenparkplätze wieder eingerichtet werden,“ sagt Mechthild Kayser.

Mit seiner Mängelliste hat sich Franzl jetzt auf Hinweis von Angelika Schröder an den Beschwerdeausschuss gewandt. Das Gremium wird der auf seiner Sitzung am Mittwoch, 6. Februar, im Rathaus zum Thema machen. Für Reparaturmaßnahmen zur Barrierefreiheit in der Stadt stehen laut Mechthild Kayser jährlich rund 100.000 Euro im städtischen Haushalt zur Verfügung.

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