Warum niemand für die Stadt Schwerte bauen will

Grundschule Ergste als Beispiel

Auf seine Ausschreibung für Rohbauarbeiten für die neue Grundschule Ergste erhielt der städtische Architekt, Marco Tröger, nicht ein einziges Angebot. Bei den Malerarbeiten sah es ähnlich aus. Und der Umzug der Grundschule ist kein Einzelfall. Immer häufiger stellen die Städte und Gemeinden fest, dass derzeit niemand für sie bauen will.

SCHWERTE

, 16.05.2017, 15:17 Uhr / Lesedauer: 2 min
Für Rohbauarbeiten in der Grundschule Ergste ging bei der Stadt nicht ein einziges Angebot ein.

Für Rohbauarbeiten in der Grundschule Ergste ging bei der Stadt nicht ein einziges Angebot ein.

Das Problem drängt, denn die Kommunen bauen meist mit Fördergeldern: Marco Tröger hat auf die Ausschreibung für Arbeiten am Rohbau der neuen Grundschule Ergste nicht ein einziges Angebot erhalten. Die haben Fristen. Deshalb können die Städte ihre Bauprojekte selten aufschieben. Das Ergebnis: Oft werden Investitionsprogramme von Land und Bund gar nicht ausgeschöpft.

„Dass es schwierig ist, an Angebote zu kommen, haben wir erstmals während der Flüchtlingskrise festgestellt“, erzählt Tröger. Doch auch als die meisten provisorischen Übergangsheime gebaut waren, entspannte sich die Lage nicht. Oft gingen nur ein oder manchmal auch gar kein Angebot ein, wenn die Stadt ein Gewerk ausschrieb. Die wenigen Firmen, die Angebote abgaben, waren sich ihrer Macht bewusst. „Die haben dann manchmal uns die Termine diktiert“, so Tröger. In Folge verzögerten sich die Abreiten an vielen städtischen Bauten.

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Aus Trögers Sicht liegt das Problem an der boomenden Konjunktur im Baugewerbe. Denn nicht nur die Städte haben Aufträge zu vergeben. Auch viele private Bauherrn nutzen die niedrigen Zinsen und investieren. Da ist so mancher Betrieb geneigt, lieber für Private zu bauen.

Man baue lieber ein Wohnhaus, statt einen Kindergarten

Das bestätigt auch Hans-Joachim Flender, Geschäftsführer der Baufirma Flesch. Wenn man die Auswahl habe, würde man lieber ein Wohnhaus als einen Kindergarten bauen, räumt er ein. Hinzu käme die lange Flaute auf dem Bau, die dem aktuellen Boom vorausging. „Damals haben wir unser Personal bis zur Stammbelegschaft abgeschmolzen. In der aktuellen Situation sei es aber kaum möglich, neue Leute zu bekommen. „Wer arbeitswillig und fähig ist, ist nicht mehr auf dem Markt“, so Flender.

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Ähnliches gilt für Bauingenieure und anderes Fachpersonal, ergänzt Schwertes Erster Beigeordneter, Hans-Georg Winkler. Die Stadt plant aktuell, vier neue Stellen im Bereich Zentrales Liegenschaftsmanagement zu schaffen. Das ist jene Abteilung der Stadt, die auch für die Umbauten und Sanierungen der städtischen Gebäude zuständig ist. Doch die Bewerbungen halten sich in Grenzen.

Und Schwerte ist nicht alleine mit diesem Problem: In Nordrhein-Westfalen wurden im vergangenen Jahr 105 Ingenieurstellen im Straßenbau ausgeschrieben, davon waren Ende August gerade einmal 40 besetzt. Das liegt auch daran, dass die Arbeitsplätze bei Behörden in Zeiten boomender Wirtschaft eher schlecht dotiert wirken.

Doch personell schlecht aufgestellte Bauämter, sind dann nicht in der Lage, die Bauaufträge zu koordinieren, für die man eigentlich das Geld hätte. Im Schwerter Fall bedeutet dies zum Beispiel, dass Bauaufträge nach einer Prioritätenliste abgearbeitet werden. Dringende Vorhaben, wie der Umzug der Grundschule Ergste, haben Vorrang. Und selbst da hat man den ambitionierten Zeitplan nach hinten verlegt. Statt in den Sommerferien wird jetzt im Herbst in die umgebaute ehemalige Schule an der Ruhr im Oberdorf umgezogen.

 

Dazu ein Kommentar von Redaktionsleiter Heiko Mühlbauer:

Es ist schon seltsam. Da gibt es endlich Geld von Land und Bund für Infrastrukturprobleme und es wird oft nicht abgerufen. Die Städte haben zu wenig Fachpersonal. Und wenn das vorhanden ist, dann findet man keine Handwerker. Ein Grund dafür ist das Image. Die öffentliche Hand gilt längst nicht mehr als erste Adresse, wenn es um einen Bauauftrag geht.

Knappe Budgets, enge Zeitfenster und ein immer komplizierter werdender Ausschreibungsmodus schreckt Handwerker ab. Zumal die immer schlechter an Nachwuchs kommen. Der jahrelange Kampf um Lehrstellen, ist längst in einen Kampf um Lehrlinge umgeschlagen. Da ist vermutlich ein Umdenken nötig. In Zeiten, in denen man aus dem Vollen schöpfen konnte, hat man bei vielen Berufsbildern die Anforderungen weit nach oben geschraubt, und damit die unteren Schulabschlüsse von vielen Handwerksberufen abgekoppelt.

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