Weihnachten ohne Familie und dann noch im Knast

JVA Ergste

Weihnachten allein zu sein, ist schon traurig genug. Aber Weihnachten ohne Familie und hinter Gittern feiern zu müssen, das ist noch viel bitterer. Thomas H. weiß das, er sitzt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Ergste ein. Für Mord. Dieses Weihnachten ist sein sechstes Jahr im Knast. Eine sehr emotionale Zeit ohne Familie und Freunde.

ERGSTE

, 24.12.2016, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Weihnachten in der JVA. Ein Häftling erzählt wie das so für ihn ist.
Er wollte einen Mini Weihnachtsbaum haben der aber warscheinlich erst nach dem Fest kommt. Der Baum auf dem Foto ist von einem Mithäftling fürs Foto geliehen.

Weihnachten in der JVA. Ein Häftling erzählt wie das so für ihn ist. Er wollte einen Mini Weihnachtsbaum haben der aber warscheinlich erst nach dem Fest kommt. Der Baum auf dem Foto ist von einem Mithäftling fürs Foto geliehen.

Weiß, klein und steril sind die Besucherräume in der JVA Ergste. Und sie bleiben leer an Weihnachten. Denn über die Feiertage gibt es keinen Besuch für die Häftlinge. Klingt hart, ist aber praktisch, das wissen die Häftlinge. „Das ist ok, schließlich sollen die Mitarbeiter der JVA ihr Weihnachten genießen können“, sagt Thomas ruhig, er hat gelernt zurückzustecken, auch an Weihnachten.

345 Insassen verbringen Weihnachten im Knast

„200 Mitarbeiter hat das Team der Justizvollzugsanstalt im Stadtteil Ergste“, sagt JVA-Leiterin Gabriele Harms. Harms ist bereits seit 1999 für das Gefängnis zuständig. Mit ihren Mitarbeitern kümmert sie sich um den Betrieb der JVA, in der es Platz für 351 Häftlinge gibt.

Nicht jeder der Häftlinge ist in Langzeithaft, es gibt auch Männer, die nur eine kurze Zeit in Haft verbringen. Deswegen ändert sich die Zahl der Insassen ständig, am 12. Dezember waren es 345, nur Männer. Einer davon ist Thomas H., der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

Ein  Weihnachtsbäumchen auf 8,5 Quadratmeter

Früher hat Thomas mit seiner Familie in einem Einfamilienhaus im nördlichen Münsterland gewohnt. Neben dem Kirchgang gehörte für ihn ein langer Spaziergang mit dem Hund zum Weihnachtstag. Weihnachten war für ihn außerdem immer ein großes Familienfest. Alle kamen, das Haus war voll. Das ist nun alles nicht mehr so. Seine 8,5-Quadratmeter-Zelle ist abgesehen von ihm selbst leer, an Weihnachten wohl gefühlt noch leerer als sonst – trotz der Adventsdeko, mit der er den Raum geschmückt hat. Trotz des kleinen Bäumchens, das er aufstellen durfte. Trotz der Lieder, die er auf seiner Gitarre gerade an Weihnachten gerne spielt.

Besuch erst zwischen Weihnachten und Neujahr

Seine Mutter, seine Cousine aus Berlin und eine Freundin kommen zwischen der Weinachtsfeiertage und Neujahr zu Besuch. Thomas wird sie in einem der weißen, kargen Besucherräume treffen und beim Gespräch sicher lange am halbvergitterten Fenster stehen, das macht er fast immer so. Von seiner Zelle aus ist die Sicht schlecht, er genießt jeden Moment, den er nach draußen sehen kann.

Erlaubt sind nach Gesetz pro Monat zwei Besuchsstunden, das sei das Minimum, sagt Gabriele Harms. Es kämen mehr Stunden zusammen, wenn man Familie hat, erklärt die Leiterin. In der Ergster JVA sind die Besuchsstunden in eineinhalb- oder zwei-Stunden-Blöcke aufgeteilt.

 „Weihnachten möchte ich mit meiner Familie verbringen, nicht mit den Insassen“

Am Morgen des 24. Dezember gibt es in der Ergster JVA ein Weihnachtsfrühstück, bei dem auch die Mitarbeiter und Sozialarbeiter dabei sind. Thomas H. wird nicht dabei sein, ist er nie. „Weihnachten möchte ich mit meiner Familie verbringen, nicht mit den Insassen.“ Das mache jeder hier anders, sagt er und das sei eben seine Art, Weihnachten zu feiern.

Seine Familie hat er bei sich, auf Fotos. Dass er seine Freunde und seine Familie nicht sehen kann, belastet Thomas. „Das ist nochmal anders als nur an einem Geburtstag, Geburtstag ist egal. Aber Weihnachten, das ist ganz schön anstrengend. Da kommt alles wieder hoch, so viele Erinnerungen.“ Vor allem in den ersten beiden Jahren seiner Haft sei Weihnachten für ihn sehr emotional gewesen, sagt Thomas; er wirkt gefast, doch man merkt, dass es ihm auch heute nicht leicht fällt, allein zu sein. „Was hier fehlt, ist menschliche Wärme. Keiner nimmt einen mal in den Arm.“

Gottesdienst möchte er nicht missen

Andere Häftlinge verbringen Weihnachten nicht allein in ihrer Zelle, sondern nehmen teil am Frühstück, am Karten- oder Dartturnier. Eine Tradition, die Thomas beibehalten hat, ist der Gottesdienst, der katholische findet an Heiligabend immer um 14 Uhr statt. Danach ist Schluss mit dem Feiern und der Geselligkeit, um 16 Uhr gehen die Türen zu. Dann ist wieder jeder für sich.

Geld für die Nichte und selbstgebastelte Adventskalender

Geschenke gibt es eigentlich nicht. Mit ein paar Mithäftlingen tauscht Thomas Geschenke aus, das sei aber eher „Klüngelkram“, wie er sagt. Außerdem schickt er seiner Schwester Geld, mit dem sie ihrer Tochter, seinem Patenkind, ein Geschenk kaufen soll. Er schreibt jede Menge Weihnachtskarten und verschickt selbstgebastelte Adventskalender an Freunde. Für sich selbst hat er keine großen Wünsche, der einzige, seine Familie und Freunde zu sehen, ist nicht drin. Er weiß, daran trägt er selbst die Schuld.

AC/DC-CD im „Überraschungspaket“ 

Eine Freude bleibt: An Weihnachten bekommen viele Häftlinge ein Paket. Auch Thomas freut sich auf das Päckchen, das die Insassen der JVA „Überraschungspaket“ nennen. So eines können die Männer zweimal im Jahr bekommen, zum Geburtstag und zu einem Feiertag. Drin sind dann meist Dinge, die sie sich vorher gewünscht haben, es gibt eine Liste, von der sie sich drei Gegenstände aussuchen können, die ihnen Freunde und Verwandte dann schicken. Lebensmittel sind nicht erlaubt. Thomas hat sich wieder eine Tasse gewünscht. Auch im letzten Jahr hat er eine bekommen – und eine AC/DC-CD, schließlich höre er fast alles „außer Hip Hop und Musicals“.

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