„Wie ein Aussätziger“: Über das Leben mit und nach dem Coronavirus

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Thomas Meinschäfer infizierte sich schon früh mit dem Coronavirus. Er gilt längst als genesen; wirklich gesund fühlt er sich aber nicht. Über das Leben mit und nach Covid-19.

Kreis Unna

, 28.10.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Leben von Thomas Meinschäfer ist nichts mehr, wie es war. Er kämpft mit den Folgen von Covid-19: Im März infizierte der 62-Jährige sich mit dem Coronavirus. Er gilt längst als genesen. Dennoch: Gesund fühlt er sich nicht. Und nicht nur das macht ihm zu schaffen.

Meinschäfer arbeitet im Schmallenbach-Haus in Fröndenberg; in jener Pflegeeinrichtung also, in der es im Frühjahr kurz nach Ausbruch der Pandemie im Kreis Unna buchstäblich zur Corona-Katastrophe gekommen war. Mehrere Bewohner und auch Mitarbeiter starben in Verbindung mit dem Coronavirus.

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Auch Meinschäfer steckte sich dort an. Der Arnsberger arbeitet im sozialen Dienst, ist auch für die Seelsorge zuständig. Als nach einem Todesfall dann der Virus SARS-CoV-2 bei dem Verstorbenen nachgewiesen worden war, „da war mir gleich klar: Ich muss es haben“, erzählt Meinschäfer von seinem engen Kontakt zu dem Bewohner.

Todesangst und Schuldgefühle

Und in der Tat: Kurz darauf bemerkte er die ersten Symptome, die nach einiger Zeit so stark wurden, dass er stationär in einem Krankenhaus behandelt werden musste. Zu einem Zeitpunkt, als ein Arbeitskollege in Verbindung mit dem Coronavirus gestorben ist, löste das auch bei ihm Angst ums eigene Leben aus. Mehr noch: Ihn überkamen sogar Schuldgefühle, möglicherweise Überträger des Virus gewesen und damit möglicherweise den Tod anderer Menschen mit ausgelöst zu haben. „Das war sehr belastend“, erzählt Meinschäfer.

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Seit März ist viel passiert: Das Gesundheitssystem hat aufgerüstet und dazu gelernt. Damals aber, als Meinschäfer an Covid-19 erkrankte, war das anders. Es war ungleich schwieriger, sich überhaupt testen zu lassen. Noch dazu habe ihn wochenlang kein Arzt sehen wollen, „das ging alles telefonisch“, berichtet Meinschäfer. Erst mit Eröffnung der Corona-Ambulanz an einem Arnsberger Krankenhaus habe er eine Anlaufstelle gehabt. „Ich hatte Angst, nicht mehr richtig atmen zu können – da musste einfach etwas passieren.“

„Man wurde wie ein Aussätziger behandelt.“
Thomas Meinschäfer (62)

Bis dahin war Meinschäfer wochenlang auf sich alleingestellt. Zwar haben Nachbarn Lebensmittel vor die Tür gestellt. „Aber meine Erfahrung gerade in der ersten Zeit war: Man wurde wie ein Aussätziger behandelt.“ Selbst nachdem er Covid-19 überstanden hatte, haftete das Coronavirus wie ein Stigma an ihm. Bei Begegnungen in der Familie oder bei Freunden sei „viel ‚rumgedruckst“ worden. „Aber ich habe gemerkt: Es ist gerade nicht recht, dass ich da bin.“ Übel nehme er das keinem, betont der 62-Jährige. „Ich hätte mir einfach mehr Offenheit gewünscht. Es wäre leichter für mich gewesen, wenn man mir einfach gesagt hätte: ‚Ich fühle mich gerade unwohl.‘“

ZUR SACHE

SELBSTHILFEGRUPPE „CORONAVIRUS“

  • Thomas Meinschäfer möchte gemeinsam mit anderen eine Selbsthilfegruppe gründen: Das erste Treffen ist an diesem Freitag, 30. Oktober, ab 18.30 Uhr im Schmallenbach-Haus in Fröndenberg.
  • Die Gruppe richtet sich an Menschen aus dem gesamten Kreis Unna und darüber hinaus, die beruflich oder privat mit dem Coronavirus zu tun hatten und haben: etwa, weil sie selbst oder Angehörige an Covid-19 erkrankt waren, sie in der Pflege mit derlei Menschen zu tun hatten oder Angehörige in Verbindung mit dem Coronavirus verloren haben.
  • Das Treffen ist unverbindlich und verpflichtet nicht zur weiteren Teilnahme; allerdings ist eine vorherige Anmeldung notwendig bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (K.I.S.S.) unter Tel. (0 23 03) 27 28 29 oder via Mail an margret.voss@kreis-unna.de

Covid-19 und die Spätfolgen

Jetzt ist es vor allem die Ungewissheit, die ihn belastet. Welche Langzeitfolgen Covid-19 hat, ist noch unklar. Meinschäfer machen vor allem schwere Erschöpfungszustände und Konzentrationsschwierigkeiten zu schaffen. „Mein Leben hat sich komplett geändert“, sagt er. „Ich arbeite und gebe alles für meine Arbeit – aber darüber hinaus geht nichts mehr. Ich lege mich aufs Sofa, weil ich einfach nicht mehr kann, weil nichts mehr an Energie da ist.“

Selbsthilfegruppe „Coronavirus“

Er sucht gemeinsam mit anderen Betroffene einen Erfahrungsaustausch in einer neuen Selbsthilfegruppe. „Die Betroffenen können viel besser ermessen, wie man sich fühlt – im psychischen, aber auch im physischen Bereich“, sagt Meinschäfer. Das erste Treffen ist für diesen Freitag in Fröndenberg geplant – wenn sich genügend Teilnehmer finden, sollen weitere Treffen folgen.

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