Wie Menschen aus der Region den Nazis trotzten

110. Geburtstag von Bonhoeffer

Heute wäre Dietrich Bonhoeffer 110 Jahre alt geworden. Ein Mann, nach dem allerorts Schulen, Kindergärten und Straßen benannt sind, weil er den Nationalsozialisten bis zum Tode Widerstand geleistet hat. Und wie Bonhoeffer kämpften auch viele mutige Menschen aus der Region gegen Unmenschlichkeit und Terror.

NRW/SCHWERTE

, 04.02.2016, 05:55 Uhr / Lesedauer: 4 min
Von Galen klagte die Verbrechen der Nationalsozialisten öffentlich an. Heute ist der mutige Widerstandskämpfer weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt.

Von Galen klagte die Verbrechen der Nationalsozialisten öffentlich an. Heute ist der mutige Widerstandskämpfer weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt.

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 im polnischen Breslau geboren. Er gehörte zum Kreis derer, die das Attentat am 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler vorbereitet haben. Das Attentat scheiterte. Hitler überlebte. Und auch wenn das Deutsche Reich schon in Trümmern lag, der Zweite Weltkrieg nur noch einen Monat dauern sollte - der Führer nahm noch Rache an seinen entschiedensten Gegnern.

Als der Tod kam, war Bonhoeffer vorbereitet: "Das ist das Ende - für mich der Anfang", sagte er einem britischen Mitgefangenen. Am 9. April 1945 wurde der Theologe und Widerstandskämpfer im Konzentrationslager Flossenbürg im Oberpfälzer Wald hingerichtet. Heute tragen in Deutschland Dutzende Kirchengemeinden, Schulen oder Straßen Bonhoeffers Namen.

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Diese Menschen haben den Nazis Widerstand geleistet

Diese Menschen haben den Nazis Widerstand geleistet. Sie haben zu ihrer Meinung gestanden - auch wenn das für sie große Gefahr bedeutete.
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Sein Lebensweg vom evangelischen Pastor zum Verschwörer gegen Hitler ist Allgemeingut. In Silvester- oder Neujahrsgottesdiensten erklingt das Lied "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Bonhoeffer schrieb die zuversichtlichen Worte Ende 1944 als Gefangener der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). 

Dortmunds "Eiserne Johanna"

Auch in Dortmund gab es zahlreiche Widerstandskämpfer, darunter auch Frauen: wie Johanna Melzer (1904-1960), die "Eiserne Johanna". Sie stammte - das lässt sich in dem Buch"Widerstand und Verfolgung in Dortmund" nachlesen - aus einer traditionell sozialistischen Bergmannsfamilie. Mit 18 Jahren schloss sie sich dann der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD) an. Ab 1933 war sie - vorwiegend in Dortmund, aber auch in Osnabrück, Bielefeld und Hagen - illegal tätig, weswegen sie zeitweise in "Schutzhaft" kam. Doch das konnte sie nicht einschüchtern: Nach ihrer Entlassung nahm sie sofort wieder den Kampf gegen den Faschismus auf.

Die Gestapo fahndete lange nach Johanna Melzer, und oftmals konnte sie den Häschern der Nazis entwischen. Am 26. August 1943 jedoch wurde sie in Hagen verhaftet und auf die Steinwache nach Dortmund gebracht. Sie wurde zur "Eisernen Johanna", weil sie trotz Misshandlungen nichts preisgab, was man aus ihr herauspressen wollte. Das Gericht verurteilte sie zu 15 Jahren Zuchthaus. Am 4. Mai 1945 wurde sie von den Alliierten aus der Haft befreit.

Heute ist die Steinwache (Steinstraße 50) eine Mahn- und Gedenkstätte. Seit Oktober 1992 können Besucher dort mehr über die Widerstandkämpfer der Stadt Dortmund erfahren. 

Der Kampf des Aplerbecker Admirals Canaris

Und dann ist da noch Wilhelm Franz Canaris, 1887 in Dortmund-Aplerbeck geboren. Der Admiral war von 1935 bis 1944 Leiter der Abwehr, des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht. Ab 1938 unterstützte er zahlreiche konservative Widerstandskämpfer und war an Umsturzplänen beteiligt.

Bei Untersuchungen der Geheimen Staatspolizei wurde Canaris’ Tagebuch gefunden - und damit sein Kontakt zum Widerstand bekannt. Er wurde verhaftet und im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg zum Tode verurteilt und gehängt.

"Der Löwe von Münster"

Ein Münsteraner, der als Widerstandskämpfer bis heute in den Köpfen der Menschen geblieben ist, ist Clemens August Kardinal Graf von Galen (1878-1946). Er war von 1933 bis 1946 Bischof von Münster - und setzte sich öffentlich gegen die Tötung des sogenannten "lebensunwerten Lebens" während des Dritten Reichs ein. Aufgrund seiner Predigten hat er im Volksmund den Beinamen „Der Löwe von Münster“ erhalten. Eine dieser Predigten hielt er am 3. August 1941 in St. Lamberti. Ein Auszug:

"Hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?"

1946 wurde von Galen zum Kardinal erhoben, 2005 seliggesprochen.

Widerstand in Lünen

Der Lüner Stadtarchivar Fredy Niklowitz hat dem Widerstand im Nationalsozialismus ein Kapital im Buch „Lünen 1918-1966“ gewidmet. Er schreibt: "Häufige Widerstandsformen waren z.B. das Abhören von ausländischen Rundfunksendungen, die Verweigerung des Hitlergrußes, die Verweigerung der Teilnahme an den Sammlungen des Winterhilfswerkes, die Organisation von kleinen Diskussionsrunden, die Verteilung von Flugschriften sowie Sabotageversuche in Wirtschaftsbetrieben und der Rüstungsindustrie."

Bekanntester Lüner Widerstandskämpfer dürfte Heinrich Bußmann gewesen sein. Der SPD-Politiker war Mitglied der Lüner Stadtverordnetenversammlung und des Provinziallandtages. Er wurde wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und in mehrere Konzentrationslager gesteckt. Am 20. August 1942 starb er im KZ Dachau.

Zu den Lüner Kommunisten, die in Gefängnissen oder Konzentrationslagern starben, zählen Reinhold Blankensee, Wilhelm Kaminski, Robert Köhler und Franz Sacke. Weil die Widerständler im Untergrund arbeiteten und ständig um ihr Leben fürchten mussten, versuchten sie, keine Spuren zu hinterlassen. Insofern, schreibt Niklowitz, ist die Quellenlage dünn. 

Ein Schwerter Sonderschullehrer unter den großen Kämpfern

In einem Atemzug mit den bekannten Widerstandskämpfern Bonhoeffer, Stauffenberg und der Weißen Rose kann man auch den Schwerter Friedrich Kayser nennen. Das fand der Historiker und Journalist Alfred Hintz heraus.

Kayser, am 5. März 1884 in Wandhofen als Schuhmacherssohn geboren, gehörte den Recherchen zufolge einer pazifistischen Widerstandsgruppe in Dortmund um den Pädagogen Emil Figge und Wilhelm Gersdorff an. Wie zahlreiche andere geheime regionale Zirkel wollte diese Gruppe nach einem erfolgreichen Attentat auf Adolf Hitler vor Ort die Regierungsgewalt übernehmen, erklärt Hintz.

Durch seine Weltkriegs-Erfahrungen von 1914 bis 1918 an der Ostfront war Kayser zum Pazifisten und Kriegsgegner geworden. Der Sonderschullehrer gründete die Schwerter Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft, deren Landesvorsitzender er 1929 wurde. „Hakenkreuz und Stahlhelm sind Deutschlands Untergang“, hatte er schon ein Jahr zuvor in der Ruhrstadt bei einer öffentlichen Versammlung gewarnt. 1933 lösten die Nazis die Friedensgesellschaft auf.

Kayser musste sein mutiges Engagement teuer bezahlen. Vom 30. Juni bis zum 25. August 1933 wurde er im Polizeigefängnis in Schwerte eingekerkert. 1934 wurde er aus dem Schuldienst entlassen. Die wirtschaftliche Notlage trieb seine Ehefrau mit den beiden Töchtern noch im selben Jahr in den Freitod.

Bei seinem Dortmunder Gesinnungsgenossen Gustav Kettel, der ein Geschäft für Großkücheneinrichtungen betrieb, fand Kayser eine neue Anstellung als Prokurist. Weil er mit seinen Waren überall Fabriken belieferte, konnte er relativ unbeobachtet von der Geheimen Staatspolizei herumreisen und konspirative Verbindungen halten. Dabei habe er auch direkten Kontakt zu einem der Verschwörer des missglückten Stauffenberg-Attentats vom 20. Juli 1944, dem hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner, gehabt, weiß Hintz. Am 13. März 1945 starb Kayser bei einem Bombenangriff in Dortmund.

Mit Material von dpa

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