Als 30 Grad noch die Ausnahme war: So hat sich der Sommer in 100 Jahren in Selm entwickelt

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Hitze in Deutschland: Auch in Selm klettern die Temperaturen in die Nähe der 40 Grad. Wie sah das Sommerwetter der vergangenen 100 Jahren aus? Wie hat sich das Wetter in Selm entwickelt?

Selm

, 26.07.2019 / Lesedauer: 4 min

40 ist das neue 30: Das gilt im Jahr 2019 nicht nur fürs Lebensalter, sondern auch für Sommertemperaturen. Während noch vor 20 Jahren Temperaturen über 30 Grad relativ exklusiv für einen Selmer Sommertag waren, gehören sie heute zur wochenlangen Normalität - exklusiv wird es erst, wenn die 40 Grad geknackt werden.

Wie genau hat sich das Wetter in den vergangenen 100 Jahren in Selm entwickelt? Wir erzählen die Entwicklung des Selmer Sommerwetters der vergangenen 100 Jahre, indem wir auf wichtige Stadtereignisse und die Wetteraufzeichnungen für diese Daten blicken.

1919: Der Sommer 1919 ist auch in Selm der erste Sommer nach dem großen Krieg. Nach dem verlorenen Krieg, in einer nicht einfachen Zeit, einer - aus heutiger Sicht - Epochenschwelle. Wie genau das Wetter damals war, lässt sich nicht aufs Grad genau sagen - so weit reichen die lokalen Wetteraufzeichnungen nicht zurück. Der Sommer 1919 war - blickt man auf Gesamtdeutschland - aber eher kühl: der Juli besonders mit einem Mittelwert von 13,9 Grad. Das besagen Daten, die der Deutsche Wetterdienst zur Verfügung stellt.

1926: Die Zeche Hermann schließt im Jahr 1926, der Großteil der Bevölkerung wird arbeitslos. Den bis dahin wohl heißesten Arbeitsplatz in Selm gibt es damit nicht mehr. „Die Zeche Hermann war zur damaligen Zeit die tiefste Zeche im Ruhrgebiet. Dadurch hatte der Betrieb aber auch starke Probleme mit Wassereinbrüchen und den hohen Temperaturen, die diese Tiefe mit sich bringt“, erklärt der Selmer Bergbau-Experte Sebastian Kleinwächter. Über Tage sind die Bergleute über Tage wohl nicht: Einen Mittelwert von rund 15,8 Grad hatte der Sommer damals.

1930: Die 30er-Jahre sind angesichts der aktuellen Hitzeperiode ein wichtiges Jahrzehnt für Selm: 1930 eröffnet nämlich zum einen das Selmer Freibad an der Badestraße, 1934 wird außerdem mit dem Ausheben des Ternscher Sees begonnen: beides Plätze, die bei extremer Hitze oder auch heute noch viele Menschen anziehen. Der Juli im Jahr des Freibadbaus hatte einen Mittelwert von 16 Grad, der zum Baustart des Ternscher Sees einen von 18 Grad.

Die Zahl der erwartbaren Hitzetage steigt

1945: Die 40er-Jahre sind - auch in Selm - bestimmt durch den Zweiten Weltkrieg. Kurz vor Ende desselben gibt es noch einen Luftangriff auf die Muna in Bork - 78 Menschen kommen ums Leben, 100 werden verletzt. Der Sommer und damit die beginnende Nachkriegszeit waren geprägt von Erleichterung, Not, Unsicherheit und Wiederaufbau: Und das alles bei Sommermittelwerten von 16,9 Grad.

1951: Wo 1945 noch die Bomben fielen, siedelt sich 1951 die Polizei auf dem Gelände der Muna an. Wieder ist es ein durchschnittlicher Sommer - der Mittelwert liegt laut Deutschem Wetterdienst bei 16,3 Grad.

1969: Im Jahr 1969 erhält die evangelische Gemeinde in Selm endlich ihre Kirche - das Gebäude hat in diesem Jahr seinen 50 Geburtstag gefeiert. Mit Datenmaterial, das die „New York Times“ ausgewertet hat, kann man ab dem 1960 nachschauen, wie viele heiße Tage über mindestens 32 Grad in den entsprechenden Jahren zu erwarten waren. 1969 war das kein einziger. Der Sommermittelwert liegt bei 18.6 Grad.

1977: Erst seit dem Jahr 1977 ist Selm offiziell eine Stadt. Im ersten „Summer in the City“ waren laut Times-Zahlen keine Tage über 32 Grad zu erwarten, bei 16,6 Grad liegt der Temperaturmittelwert des Sommers.

1985: 1985 sieht das schon ein bisschen anders aus: Mit einem Hitzetag über 32 Grad konnte Selm da rechnen. In diesem Jahr hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe das Cappenberger Schloss gemietet.

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1994: Ein Jahr nachdem Rudi Carrell sich mit „Wann wird es mal wieder richtig Sommer“ durch die Hitparaden sang, öffnet das Freibad nach einer dreijährigen Sanierung wieder. Immer noch ist es so, dass ein Tag im Jahr über 32 Grad erwartbar war. Der Juli in diesem Jahr ist mit einem bundesweiten Mittelwert 21,4 Grad deutlich wärmer als in den Jahren zuvor.

Deutscher Wetterdienst hat Hitzewarnung herausgegeben

2008: Selm feiert in diesem Jahr den Jahrestag der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes: 1150 Jahre ist das in diesem Jahr her. Jetzt sind die erwartbaren Hitzetage schon zwei - die Tendenz steigt also - , der Tempertur-Mittelwert für Juli liegt bei 17,7 Grad.

2019: Die Sommer der 2010er-Jahre sind immer wärmer geworden. Während die neue Mitte in Selm entsteht, liegt der Mittelwert 2018 bei 20,9 Grad, 2019 werden mit dem gerade zurückliegenden Juni und den Hitzetagen der aktuellen Woche auch wieder Rekorde geschrieben. „Wie der Gesamtsommer 2019 wird, ist nicht seriös vorherzusagen“, sagt Thomas Kesseler-Lauterkorn vom Deutschen Wetterdienst in Essen. Fest stehe allerdings: „Im ersten Halbjahr gab es kaum mehr Niederschlag als im besonders trockenen Jahr 2018. Wenn es auch im Rest des Jahres so bleibt, landen wir womöglich in einem richtigen Trockenheitsproblem.“ Am Mittwoch (24. Juli 2019) hat der Deutsche Wetterdienst eine Hitzewarnung herausgegeben, die bis Donnerstagabend (25. Juli) für ganz Deutschland gilt.

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