Abriss der Aral-Tankstelle in Selm: Christa Mischke war 1971 die einzige Frau am Bau

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Die Veränderungen an der südlichen Kreisstraße unter anderem mit dem Abriss der Aral-Tankstelle sind sichtbar. Eine Frau guckt sich die Baustelle unter ganz besonderen Aspekten an.

Selm

, 31.01.2020, 11:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Von der Aral-Tankstelle an der Kreisstraße in Selm ist nicht mehr viel übrig. Die Zapfsäulen stehen nicht mehr. Die Tanks sind mittlerweile aus der Erde geholt. Die dadurch entstandene Grube wird nach und nach mit Sand aufgefüllt, der Boden wird mit einer Rüttelmaschine verdichtet und dadurch stabilisiert. Noch steht das Verkaufs- und Kassengebäude. Ebenso die Waschstraße. Bald schon ist das alles dem Erdboden gleich gemacht. Also wird der Zustand fast so sein wie vor nahezu 50 Jahren. 1971, als eine 18-jährige Frau ihr Praktikum auf der Baustelle absolvierte, die eingerichtet wurde, um die Aral-Tankstelle aufzubauen.

Diese junge Frau - Christa Mischke - erinnert sich noch genau daran, wie das damals war: „Ich habe mein Maurer-Praktikum als Bauzeichner-Lehrling auf der Baustelle absolviert und den einen oder anderen Stein dort vermauert.“ Dass die Aral-Tankstelle in Selm verschwinde, löse bei ihr doch einige sentimentale Gefühle aus. Darüber wollten wir mehr wissen und haben uns mit der heute 66-Jährigen auf der Baustelle getroffen.

Christa Mischke prüft den Putz: Darunter muss gemauert sein, sagt sie.

Christa Mischke prüft den Putz: Darunter muss gemauert sein, sagt sie. © Arndt Brede

Donnerstag, 30. Januar, 13.45 Uhr an der Kreisstraße: Christa Mischke betrachtet die umzäunte Baustelle ganz genau. Was dort vor 50 Jahren war und wie sie zum Praktikum gekommen ist, daran erinnert sie sich nur zu genau: „Ich war damals im Architekturbüro Bördeling. Damals hatte Herr Bördeling mit dem Bauunternehmer Kontakt und sie haben vereinbart, dass ich hier mal vier Wochen Praktikum machen sollte.“ Und dann stand die junge Frau 1971 also auf der Baustelle. Auf einem Gelände, zu dem sie eine ganz besondere Beziehung hatte: „Hier hat mal die alte Notkirche gestanden, und in dieser Notkirche bin ich konfirmiert worden.“ Diese Kirche habe aber zum Zeitpunkt ihres Praktikums auf der Baustelle nicht mehr gestanden.

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„Ich habe unzählige Schubkarren mit Erde gefahren“, sagt sie. Sie habe mit ihren männlichen Kollegen in der Reihe gestanden und habe mit Kelle und Mörtel und Kalksandstein Stein auf Stein gemauert. „Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich dabei geholfen, das Fundament dieses Gebäudes zu mauern“, erzählt sie und zeigt auf das noch stehende Verkaufs- und Kassengebäude.

Diesen Artikel haben die Ruhr Nachrichten 1971 über die einzige Frau auf der Baustelle der Aral-Tankstelle veröffentlicht.

Diesen Artikel haben die Ruhr Nachrichten 1971 über die einzige Frau auf der Baustelle der Aral-Tankstelle veröffentlicht. © Repro Arndt Brede

Der junge Lehrling war zu der Zeit die einzige Frau auf der Baustelle. In den vier Wochen habe sie sich gut eingearbeitet: „Die Baustelle ist in Ordnung“, hat sie im August 1971 den Ruhr Nachrichten gegenüber verraten, die einen Artikel über sie geschrieben haben. Das Urteil der Bauarbeiter über Christa Mischke damals: „Christa ist ein prima Kumpel.“

Goldene Armbanduhr auf der Baustelle getragen

Im karierten Hemd mit kurzen Haaren sei sie damals gar nicht groß aufgefallen, sagt sie. „Ich habe ja eher wie ein Junge ausgesehen“, erinnert sie sich schmunzelnd. „Die Maurer haben erst an meiner zierlichen goldenen Armbanduhr erkannt, dass ich ein Mädchen war.“ Eine goldene Armbanduhr auf der Baustelle? Hütet man so etwas als junge Frau nicht wie einen Schatz? „Eine Uhr ist für mich lediglich ein Zeitmessgerät“, sagt Christa Mischke und lacht.

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Geschont haben die Bauarbeiter das Mädchen nicht. Und klar: „Ich musste dann auch Bier, Brötchen und Fleischwurst holen.“ Christa Mischke hat in vielen Bereichen mitgehalten wie ihre männlichen Kollegen. Nur nicht in einem Bereich: „In der Baubude habe ich noch immer drei Bierflaschen stehen“, hat sie dem RN-Reporter im August 1971 verraten. Alkohol auf dem Bau? „Heute nicht mehr denkbar“, sagt sie.

Dennoch gehören diese Anekdoten zu den Erinnerungen, die es ihr schwer machen, keine Wehmut angesichts des Abrisses der Aral-Tankstelle zu empfinden: „Ich bin mit Besuchern gern hier entlang gefahren und habe ihnen davon erzählt, wie das damals war.“

Es ist aber auch die Tatsache des Abrisses an sich, die sie wehmütig sein lässt: „Dass etwas aufgebaut wurde und dann wird das innerhalb der eigenen Lebenszeit wieder abgerissen, das hat mich schon irritiert.“ Bei anderen Objekten, für die sie später als Architektin verantwortlich gezeichnet hat, geht es ihr ähnlich. So zum Beispiel beim Hotel Knipping, das mittlerweile zu einem Wohnhaus umgebaut wurde.

Die Tanks sind mittlerweile aus der Erde geholt. Nun wird die Grube nach und nach mit Sand aufgefüllt. Der Boden wird mit einer Rüttelmaschine verdichtet und so stabilisiert.

Die Tanks sind mittlerweile aus der Erde geholt. Nun wird die Grube nach und nach mit Sand aufgefüllt. Der Boden wird mit einer Rüttelmaschine verdichtet und so stabilisiert. © Arndt Brede

Christa Mischke hat sich nach dem Architektur-Studium und einer Anstellung im Büro Krüskemper in Selm selbstständig gemacht. Im vergangenen Jahr ist sie in den Ruhestand gegangen. An der Kreisstraße wird sie auch weiterhin entlang fahren. Mit dem Unterschied, dass sie dann bloß noch Erinnerungen an vier Wochen ihres Lebens hat, die für sie beruflich wichtig waren. Steinerne Zeugen der Aral-Tankstelle sind bald verschwunden und weichen demnächst einem Einzelhandelsstandort.

Rewe und Aldi sowie ein Bäcker sollen sich dort ansiedeln. Ein paar Hundert Meter weiter soll es dann wieder eine Tankstelle geben. Nicht Aral, sondern HEM. Und einen Saug-Wasch-und-Ladepark auch. Und ein Fastfoodrestaurant von Burger King.

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