Im Wahllokal "Heimatverein Selm" hat der AfD-Kandidat für das Bundestagsmandat den größten Stimmenanteil bekommen in Selm. © Sylvia vom Hofe
Bundestagswahl 2021

AfD bleibt stark in Selm und schlägt CDU sogar in einem Bezirk

Im Wahlbezirk Gymnasium hat die AfD die CDU als zweitstärkste Partei verdrängt. Auch stadtweit haben die Rechtsaußen trotz Verlusten besser abgeschnitten als im Kreis- und Landesdurchschnitt.

Hubert Seier ist kompromisslos: „Wer die AfD wählt, wählt Nazis“, sagt der Vorsitzende der UWG Selm immer. Während er als Wahlhelfer am Sonntag die Stimmzettel auszählt, ahnt er schon, dass das viele in seinem Bezirk nicht schreckt. Seit der Auszählung ist es Gewissheit. Selm gehört zu den Städten, in denen der Stimmenanteil für die rechtspopulistische Partei überdurchschnittlich hoch ist. Im Stimmbezirk „Heimatverein“ besonders.

Hubert Seier macht es betroffen, als er nach der Auszählung auf fast 17 Prozent für die AfD kommt. Für ihn steht fest: „Wir haben hier nicht 17 Prozent Nazis.“ Dafür kenne er seine Nachbarinnen und Nachbarn zu gut. Aber das ist keine Antwort auf die Frage, warum es dann zu dem Rechtsruck gekommen ist: eine Frage, die sich auch Vertreter anderer Parteien stellen.

Hennig kommt im Bezirk „Heimatverein“ auf fast 17 Prozent

Mit dem Slogan „Unser Land, unsere Heimat“ hatte es die AfD 2017 erstmals in den Bundestag geschafft. Da werden sie – wenn auch leicht geschwächt – im neuen Bundestag ebenfalls vertreten sei. Dass ausgerechnet im Stimmbezirk „Heimatverein“ Robert Hennig mit 16,69 Prozent der Erststimmen sein bestes Selmer Ergebnis erzielt hat, lässt sich nicht mit dem Namen des Wahllokals erklären. Was ist es dann? „Wenn wir das wüssten“, sagt CDU-Fraktionsvorsitzender Herbert Mengelkamp. Er sei schlicht „erschrocken“ über dieses gute Abschneiden der AfD. Das gleiche Wort benutzt auch Ralf Piekenbrock (Familienpartei).

Im Wahlbezirks „Städtisches Gymnasium“ hat es der Rechtsaußen-Kandidat sogar geschafft, sich in der Wählergunst an Arndt Hilwig (CDU) auf Platz zwei vorbei zu drängen. Dass es noch extremer geht, zeigt der Blick auf Thüringen. In dem Bundesland hat die AfD bei dieser Bundestagswahl mit 24 Prozent sogar die CDU von Platz 1 verdrängt. „Manchmal“; sagt Mengelkamp, der am Sonntagabend ebenfalls als Wahlhelfer Stimmzettel ausgezählt hat, „wurde bei uns AfD in seltsamen Kombinationen gewählt“: etwa Erststimme AfD, Zweitstimme Die Linke. „Wie kann das zusammengehen?“ Er würde am liebsten fragen und mit den Leuten diskutieren. „Aber dem stellt sich ja niemand.“

Bürgermeister Thomas Orlowski ist besorgt

Bürgermeister Thomas Orlowski (SPD) kennt das Problem: „Wir müssen ins Gespräch kommen mit den Menschen“, sagt er. Aber das sei einfacher gesagt als getan. Denn niemand tritt in Selm öffentlich auf für die AfD. Nicht einmal der Spitzenkandidat Hennig, der es als Teilnehmer der Diskussionsveranstaltung der Ruhr Nachrichten nur bis zur Tür des Bürgerhauses Selm geschafft hatte. Hinein kam er nicht, weil er die 3-G-Regel – Einlass nur für Geimpfte, Genesene, Getestete – nicht akzeptierte.

Bundesweit ist die AfD auf 10,3 Prozent der Zweitstimmen gekommen. In NRW auf 7,2 Prozent. Selm liegt mit 9,6 Prozent knapp hinter Lünen (10,2), dem Spitzenreiter im Wahlkreis Hamm-Unna II. Dass die AfD in Selm stadtweit nicht mehr auf Platz drei der beliebtesten Parteien liegt, sondern auf Platz fünf zurückgefallen ist, hinter den Grünen (11,35) und der FDP (10, 23) ist da vielen kein Trost.

Keine typischen Muster und Strukturen

Der Blick auf die Sozialstruktur der AfD-Hochburgen in Selm hilft Hubert Seier bei der Suche nach Antworten nicht weiter. Das Wahllokal Heimatverein liege zwar an der Kreisstraße, in einem der acht heruntergekommenen Häuser, die 2022 abgerissen werden. „Aber das ist nur ein kleiner Teil.“ Ebenso würden das Neubaugebiet Kreutzkamp West und das Baugebiet Brede dazugehören: schmucke Eigenheime, genauso wie Reihenhäuser – alles andere als ein homogenes Bild.

Achselzuckend hinnehmen, dass es eben so ist, dass sich eine Partei rechts von der CDU in Selm etabliert hat, genauso wie im Bundestag. Das will keiner der Politiker, die am Sonntagabend nach der Auszählung im Bürgerhaus zusammenstehen. Eine Strategie haben dagegen sie aber auch noch nicht.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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