Alte Schneiderei in der Selmer Altstadt macht Platz für Zehn-Parteien-Haus

mlzAbbrucharbeiten

Der Abrissbagger hatte leichtes Spiel. Nach nur eineinhalb Tagen ist von der alten Schneiderei in der Selmer Altstadt nur noch ein Haufen Schutt geblieben. Der Eigentümer hat große Pläne.

Selm

, 03.08.2018, 18:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Holz vorne, Fenster daneben, Steine rechts, Metall hinten: Wie alt das Gebäude ist, das sich seit Donnerstagmorgen in verschiedene Bauschuttfraktionen auflöst, weiß Franz Josef Surholt gar nicht. Er steht auf dem Balkon seines Hauses in der Selmer Altstadt und blickt auf die Baustelle nebenan: sein Elternhaus. „Leider gibt es keine Aufzeichnungen, aus denen sich verlässlich bestimmen ließe, wann der Grundstein gelegt worden ist“, sagt er. Aber es gab im Nachlass der Eltern ein Foto, das von der Friedenskirche aufgenommen worden war. „Darauf ist unser ehemaliges Haus zu sehen, aber noch nicht die Ludgerikirche dahinter.“ Sie war 1908 eingeweiht worden.

Mindestens 110 Jahre alt sind die Mauern, die gerade fallen. Um sie zu sanieren, hätten Franz Josef Surholt und seine beiden Geschwister eine Menge in den Altbau stecken müssen. Zu viel. „Wir haben uns entschieden zu verkaufen“ – an den Selmer Sascha Oestermann, der dort ein neues Wohn- und Geschäftshaus plant.

Ein wenig Wehmut

„Eigentlich freut es mich“, sagt Stephan Suer. Er und seine Gäste von der Traditionsgaststätte Suer blicken jeden Tag auf das Grundstück gegenüber. „Leerstand und langsamer Verfall: Das wäre schlimm gewesen“, sagt er. Jetzt könne jeder sehen, „dass es hier aufwärtsgeht“.

Alte Schneiderei in der Selmer Altstadt macht Platz für Zehn-Parteien-Haus

Donnerstagmittag hatte der Abbruchbagger bereits ganze Arbeit geleistet. Von der alten Schneiderei steht nur noch der vordere Bereich zur Straße. © Foto: Sylvia vom Hofe

Obwohl: Ein wenig Wehmut ist auch dabei. „Ich bin 57 Jahre alt“, sagt Suer. Er könne sich noch gut an das Bekleidungshaus Surholt erinnern: ein Geschäft mit Konfektionsware, aber auch Selbstgenähtem, wie der Name des Gebäudes verrät.

Eigentümer erinnert sich

„Das kenne ich auch noch“, sagt der 16 Jahre jüngere Sascha Oestermann. Noch besser ist ihm das Haus aber als Buchhandlung Möller bekannt. „Da habe ich mir immer Bücher gekauft.“ Ein Ladenlokal wird auch der von Oestermann geplante Neubau beherbergen. Der knüpft sowohl an die ursprüngliche als auch an die letzte gewerbliche Nutzung an.

„Sobald der Neubau fertig ist, werde ich dort wieder einziehen“, sagt Angelika Bendowski. Seit mehr als 40 Jahren übt die Schneiderin ihr Handwerk aus, seit 2003 in der alten Schneiderei. Anfang April war sie mit ihrem Geschäft wenige Schritte weiter gezogen ins Haus an der Ludgeristraße 62a – bis aus der der alten Schneiderei wieder ihr neues Zuhause wird.

55 bis 70 Quadratmeter Wohnfläche

Nicht nur ihres: Sascha Oestermann möchte auf dem Grundstück des abgerissenen alten Hauses: ein dreieinhalbgeschossiges Mehrfamilienhaus mit zehn Wohneinheiten und der Änderungsschneiderei errichten. Die Wohnungen mit Balkonen sollen 55 bis 70 Quadratmeter messen. „Alle werden barrierefrei sein“, sagt Oestermann: Die Badezimmer würden zum Beispiel schwellenlose Duscheinstiege haben. „Und es wird einen Aufzug geben.“ Unten soll der Neubau einen Keller haben, oben im zurückspringenden Staffelgeschoss zwei Penthousewohnungen mit Dachterrassen. „Von dort lassen sich sowohl der Kirchturm der Friedenskirche als auch der St.-Ludgerus-Kirche sehen“, sagt Oesterman.

Zur Abwechslung helle Fassade

Anders als der dunkel geklinkerte, ebenfalls von Oestermann errichtete Neubau einige Meter weiter soll der Neubau auf dem Grundstück der alten Schneiderei hell werden: „Weiß verputzt mit geklinkerten Teilflächen.“ Der Bauherr würde am liebsten in vier bis sechs Wochen beginnen. „Ich habe eine mündliche Zusage“, sagt er. Die politischen Gremien haben aber noch nicht zugestimmt. „Das war noch nicht Gegenstand der Beratung“, sagt Bürgermeister Mario Löhr.

Für kurze Zeit freier Blick

Franz Josef Surholt beobachtet vom Balkon sein erstes Zuhause, von dem schon nach wenigen Stunden nur noch die Hälfte steht. Das Abbruchunternehmen lässt die Baustelle beregnen, um den Staub zu binden: ein spannendes Schauspiel. Demnächst wird sein Blick auf eine begrünte Mauer fallen, die den künftigen Parkplatz abschirmen soll. Den inzwischen nahezu freien Blick auf die Friedenskirche wird er nicht lange genießen können.

Kleine Wohnungen sind in Selm zurzeit Mangelware. Zwei Projekte, die Abhilfe leisten sollen, sind zurzeit in der Planung: 100 neue, kleine Wohnungen wollen der Bauverein zu Lünen und die Wohnungsbaugesellschaft am Campusplatz errichten. Fertigstellungstermin: 2020. Dieses Projekt in der Aktiven Mitte, Selms neuem Zentrum, ist unstrittig. 30 Wohnungen will die Unnaer Kreis-Bau- und Siedlungsgesellschaft (kurz UKBS) auf dem Gelände der ehemaligen Lutherschule bauen. Daran scheiden sich die Geister. Zurzeit läuft eine Unterschriftensammlung zum Erhalt des mehr als 100 Jahre alten Schulgebäudes.
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