An der Kochstraße in Selm leuchtet die Kinderstube der Kräuter

mlzVolmary GmbH

Die Sonne scheint bis 19 Uhr. Es ist 25 Grad warm, und ab und an fällt sanfter Regen: ideale Bedingungen für mediterrane Kräuter mitten im verschneiten Selm. Das verwundert auch die Politik.

Selm

, 04.02.2019, 11:54 Uhr / Lesedauer: 2 min

Raimund Schnecking lächelt und öffnet die Glastür: „Wir haben nichts zu verbergen“, sagt er. Hereinspaziert in ein Unternehmen, das seit Ende Dezember in Selm für Gesprächsstoff sorgt, zuletzt auch im Planungsausschuss der Stadt.

Draußen ist es wintergrau. Schneeflocken tanzen durch die Luft. Drinnen ist es feuchtwarm, gelbes Licht strahlt sanft von der Decke. In der Luft liegt ein Hauch von Basilikum, Rosmarin und Minze. Ein 1,2 Hektar großes Stück Südeuropa unter Glas befindet sich an der Kochstraße. Bereits seit August 2017 hat das aus Münster stammende Unternehmen Volmary dort einen Standort und produziert Beet- und Balkonpflanzen für ganz Europa. Im Licht der Öffentlichkeit stand es aber noch nicht. Das hat sich Ende des Jahres geändert. Denn da hat Volmary das Licht eingeschaltet.

Beschwerden wegen Lichtverschmutzung

Von „vielen Beschwerden über die Lichtimmissionen, auch Lichtverschmutzung genannt“ hatte die Fraktion der Grünen am Donnerstagabend im Planungsausschuss der Stadt berichtet. „Warum ist das so? Lässt sich das ändern?“ Das sind nur zwei von mehreren Fragen, die die Stadtverwaltung klären sollte. Kurzfristig sei das nicht möglich, sagte Baudezernent Stefan Schwager. Die Politik vertagte darauf das Thema vorerst.

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Zu Besuch bei der Volmary GmbH in Selm

Der noch neue Standort an der Kochstraße in Selm gelte als Gemüsestandort im Unternehmen, sagt Raimund Schnecking von der Volmary GmbH. Kräuter und Süßkartoffeln gedeihen unter der neuen Lichtanlage, aber auch Petunien und Gänseblümchen.
03.02.2019
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Noch sind die Pflanztöpfchen leer.© Foto Sylvia vom Hofe
Eine besondere Gänseblümchenart blüht schon jetzt.© Foto Sylvia vom Hofe
Rosmarin gedeiht unter der Selmer Kunstsonne bestens.© Foto Sylvia vom Hofe
Das Sonnenaroma hat einen Namen: Basilikum.© Foto Sylvia vom Hofe
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen behutsam die Stecklinge in die Erde bringen.© Foto Sylvia vom Hofe
Immer größer wird die Auswahl an Kräutern, hier an Pfefferminz. Die Pflanzen aus Selm werden nach ganz Europa verkauft.© Foto Sylvia vom Hofe
So sieht wilde Rauke aus: gezähmt in kleinen Pflanztöpfchen. Bei Grazia handelt es sich um winterharte Rucola.© Foto Sylvia vom Hofe
Da ist Handarbeit gefragt.© Foto Sylvia vom Hofe
Junges Schnittlauch: Die Samenhülle steckt noch oben auf der Pflanze.© Foto Sylvia vom Hofe
Anja gefält die Arbeit. Sie kommt jeden Tag mit dem Auto aus Dortmund.© Foto Sylvia vom Hofe
Die Stecklinge aus Kenia und der Türkei warten darauf, gesteckt zu werden.© Foto Sylvia vom Hofe
© Foto Sylvia vom Hofe
Raimund Schnecking ist Diplomingenieur im Gartenbau und arbeitet im Marketing der Volmary GmbH.© Foto Sylvia vom Hofe
Ein Blick unter das Dach. Die Fensterelemente lassen sich verschatten.© Foto Sylvia vom Hofe
Erfolg stellt sich unter den günstigen Umständen schnell ein: die ersten Wurzeln.© Foto Sylvia vom Hofe
Noch sind die Pflanztöpfchen leer.© Foto Sylvia vom Hofe
Unter der Kunstsonne im Gewächshaus sollen die Pflanzen jetzt Wurzeln bekommen.© Foto Sylvia vom Hofe
Jede Menge Petunien.© Foto Sylvia vom Hofe
Jetzt können die Stecklinge loslegen.© Foto Sylvia vom Hofe

Schmale Betonwege führen schachbrettartig durch die sonnige Sommerlandschaft. Rechts und links daneben liegt feiner Schotter, auf dem Metalltische stehen: alle bedeckt mit Pflanzentabletts in unterschiedlichen Grüntönen. Um sie herum führen weiße Wasserleitungen. Und von oben strahlen zig Lampen in einem warmen Gelb.

Investition am Standort Selm

„Wir fühlen uns am Standort Selm wohl und haben hier investiert“, sagt Schnecking mit einem Blick nach oben. Die Beleuchtung „verlängert den Tag“. Sie erklärt abends den hellen Streif am Horizont. Ein Problem will Schnecking darin aber nicht erkennen. Statt bis 17 Uhr bleibe es bis 19 Uhr taghell. „Länger nicht, und das auch nur jetzt im Winter.“

„Selm ist in unserer Unternehmensgruppe der Gemüsestandort“, sagt Schnecking. Auch wenn einige der zurzeit 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter auch Saisonkräfte, gerade Petunien pflanzen: „Kräuter und Süßkartoffeln bilden hier einen Schwerpunkt.“ Die aus Kenia und der Türkei ohne Wurzeln und Erde gelieferten Stecklinge würden in Selm zu Pflanzen, die das Unternehmen dann zumeist an Gartenbaubetriebe verkaufe. Gerade herrsche Hauptsaison. „Ob Balkon- oder Gartenbesitzer: Im April wollen die Endverbraucher Pflanzen einkaufen.“ Die Beleuchtung bedeute zwar einen erheblichen Energieverbrauch, räumt der Gartenbaufachmann ein. Aber an anderer Stelle würden Emissionen gespart.

Der ökologische Fußabdruck

„Natürlich könnten wir auch in der Türkei und Kenia Jungpflanzen ziehen.“ Der Transport nach Deutschland sei dann aber ungleich aufwendiger und der ökologische Fußabdruck entsprechend größer. Klimaschutz ist dem 1925 gegründeten Unternehmen, das 2017 die insolvente Selmer Jungpflanzen Grünewald GmbH mitsamt der Belegschaft übernommen hatte, nach eigenen Angaben wichtig. Die international tätige Volmary GmbH mit 325 Beschäftigten in Deutschland und 2000 weltweit investiert in ein forstwirtschaftliches Klimaschutzprojekt und erwirbt daraus Emissionsminderungszertifikate, die dem jährlichen CO2-Ausstoß des Unternehmens entsprechen.

„Rückstandsfrei“, aber keine Bio-Qualität

Es sind allerdings nicht Bio-Kräuter, die unter den großen Gewächshäusern in Selm gedeihen. Dafür dürfte das Unternehmen keine mineralischen Dünger nutzen, sondern nur organischen, so Schnecking. „Aber unsere Kräuter und Gemüsepflanzen sind rückstandsfrei“, sagt er.

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