Schon wieder ein Abschied in Selms Gastroszene. Nach 38 Jahren schließt das Restaurant Adria. „Ich würde das nicht machen“, sagt Ana Cavar, „ohne gute Nachfolger“ - aus Legden.

Selm, Legden

, 31.12.2019, 10:39 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ana Cavar weiß nicht, wie es werden wird: ein Alltag ohne Arbeit, ohne kochen, zapfen und servieren - ohne ihr Restaurant Adria. Vor 38 Jahren hatte sie mit ihrem Mann die Gaststätte an der Olfener Straße 1 übernommen - die ersten fünf Jahre als Pächter, danach als Eigentümer: ein Leben für die Gastronomie. Am 27. Januar beginnt für die 62-Jährige ein neues Leben.

Die Entscheidung aufzuhören habe sie sich nicht leicht gemacht, sagt die gebürtige Kroatin. Gesundheitliche Probleme bestärkten sie aber, den Schritt zu gehen - aber nur unter einer Bedingung, wie für sie von vorne herein feststand: Voraussetzung sei es, einen passenden Nachfolger zu finden.

Ana Cavar verabschiedet sich aus dem Restaurant Adria in Selm - Nachfolger kommen aus Legden

38 Jahre hat Ana Cavar das Restaurant Adria geführt - auch dank der Unterstützung ihrer Kinder Mirko Cavar und Magdalena Buchholz. © Sylvia vom Hofe

Das Haus an der Ecke Olfener Straße/Münsterlandstraße sollte auf jeden Fall bleiben, was es immer war: ein Ort der Gastlichkeit, an dem sich sowohl Kegelklubs als Stammtische wohlfühlen, Leute, die gut essen wollen ebenso wie solche, die nur ein, zwei Bier am Tresen trinken möchten.

Eine Familie tritt in die Fußstapfen einer anderen

So jemanden zu finden, sei gar nicht so leicht gewesen, sagt Ana Cavar. Die Krombacher Brauerei und der örtliche Getränkehändler Christoph Krevert halfen dabei. Manche Interessenten hätten sich gemeldet, aber nie sei sie überzeugt gewesen - bis Fotios Rozis (55) und seine Ehefrau Katerina Kontou (50) kamen: Eltern von vier Kinder. Die beiden jüngsten, 15 und 24 Jahre alt, werden bei ihnen sein, wenn sie aus dem Gasthaus und Hotel Adria das Gasthaus und Hotel Olympia machen werden.

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„Wenn da eine Familie dahintersteht“, sagt Ana Cavar und strahlt ihre Nachfolger an, „ist das gleich etwas anderes.“ Sie kennt das aus eigener Erfahrung. „Ohne meine Kinder“ sagt sie, „hätte ich das alles nicht geschafft“. Damit meint sie nicht nur die Unterstützung im Service durch Tochter Magdalena Buchholz und bei der Buchführung durch Sohn Mirko Cavar, die beide hauptberuflich andere Wege eingeschlagen haben.

Schicksalsschlag gemeinsam gemeistert

Vor 17 Jahren war Ana Cavars Ehemann, der Vater der beiden Kinder zu früh gestorben: ein Schicksalsschlag, der Ana Cavar den Boden unter den Füßen wegriss. Zwei Monate hatte sie damals die „Adria“ geschlossen: so lange wie nie zuvor und nie danach. Ob sie je wieder öffnen würde, war damals ungewiss. Die Stammkunden seien es gewesen, die sie baten, es zu versuchen - zum Glück. Dass sie die Trauer verarbeiten konnte, da ist sich Ana Cavar sicher, habe auch mit der Arbeit zu tun und „mit den besten Kunden, die man sich wünschen kann“.

Bei dem aus Griechenland stammenden Ehepaar Rozis/Kontou hofft sie die Kunden in guten Händen. Beide hatten vor etwa eineinhalb Jahren die Waldkrone im westmünsterländischen Legden übernommen. Dort betreiben sie heute das Restaurant Olympia, das mit ihnen Ende Januar 2020 nach Selm ziehen soll - auch aus ganz praktischen Gründen, die mit der Familie zu tun haben.

Jüngster Sohn geht in Dortmund zur Schule

„Unser jüngster Sohn geht in Dortmund zur Schule“, sagt Katerina Kontou, „ins griechische Gymnasium“. Durch den Umzug lasse sich für ihn die tägliche Fahrzeit um zwei Stunden für beide Wege verkürzen.

Zwischen 1991 und 1998 war das Ehepaar erstmals nach Deutschland gekommen. Die beiden betrieben ein Restaurant in Hannover. Wegen der Ausbildung der Kinder - der älteste ist inzwischen 30 Jahre alt - gingen sie zurück nach Griechenland. Inzwischen sehen sie bessere Zukunftschancen hier für einen Familienbetrieb, in dem auch der Zweitjüngste bereits mitarbeiten wird.

„Kroatien und Griechenland - das ist ja nicht so weit voneinander entfernt“, sagt Magdalena Buchholz, Ana Carvas Tochter, die jedes Wochenende im Restaurant hilft, und lacht. Die landestypischen Küchen harmonierten auch.

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Statt „Lustiger Bosnjak“ wird es nun aber überbackenes Gyros, gemischte Grillteller, Backofengerichte und Fischspezialitäten geben. Auch das griechische Büffet unter anderem mit vielen Vorspeisen, das in Legden sehr gut ankomme, soll in Selm etabliert werden, gerne auch mit Live-Musik. Ab Mitte Februar geht es nach einer kurzen Renovierungsphase los.

Gut zwei Wochen lang Pause bis zur Eröffnung

Wie genau sich die Räume verändern werden, steht noch nicht fest. Eines aber schon: „Der Tresen wird bleiben“, sagt Christoph Krevert. Das sei keine Selbstverständlichkeit. Denn oft würden Betreiber lieber den Speiseraum vergrößern - und da sei die Theke im Weg.

Ehepaar Rozis/Kontou sind die 110 Plätze genug - etwas weniger als zurzeit in Legden. Dafür haben sie in Selm zusätzlich zwei Bundeskegelbahnen: das Zuhause zahlreicher Klubs. 50 bis 60 Termine gebe es jeden Monat auf den Bahnen, sagt Ana Cavar. Von Kegel-Flaute spüre sie nichts.

Hotelbetrieb wird fortgesetzt

Zum Gasthaus gehört ein Hotelbetrieb: drei Doppelzimmer und zwei Einzelzimmer. Auch den wollen die Nachfolger so weiterführen. In einem Punkt unterscheiden sie sich aber von Ana Karva: „Wir werden nur dienstags Ruhetag haben“, sagt Fotios Rozis. Mittwochs wird anders als jetzt geöffnet sein.

Ana Carva wird das verfolgen. „Ich bleibe in Selm“, sagt sie. Sie werde zu ihrer Tochter ziehen. Und plötzlich das genießen, was sie 38 Jahre lang nicht kannte: Freizeit und die Chance, länger als nur eine Woche lang zu verreisen.

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