Frau in Selm erstochen - Unverständnis nach Urteil: „Nur Totschlag. Unglaublich“

mlzAttacke mit Spaten

Nicht lebenslang, sondern weniger als zehn Jahre Haft: Viele Beobachter konnten das Urteil im Prozess um die Bluttat in Selm nicht nachvollziehen. Wir erklären das Urteil im Detail.

Selm

, 04.09.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Reaktionen nach dem Urteil für einen Selmer, der seine Frau getötet hat, waren groß. Es gab aber auch viel Unverständnis für das Urteil. „Der hat seine Frau ermordet. Es ist nur Totschlag. Unglaublich“, kommentiert zum Beispiel eine Leserin. Wir ordnen das Urteil noch einmal in Fragen und Antworten ein.

? Warum war die Tat in den Augen der Richter kein Mord, sondern „nur“ ein Totschlag?

Für eine Einstufung als Mord muss mindestens eines der im Gesetz beschriebenen Mordmerkmale vorliegen. Darunter fallen zum Beispiel Heimtücke, Habgier, sexuelle Motive oder die Absicht, eine andere Straftat zu verdecken. Im vorliegenden Fall war die Staatsanwaltschaft von Heimtücke ausgegangen. Nach Ansicht der Richter ließ sich das aber nicht zweifelsfrei nachweisen.

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? Der Täter hat seiner Frau vor der Garage aufgelauert, ihr mit einem Spaten ins Gesicht geschlagen und sie dann in der Garage erstochen. Wie soll ein so hinterhältiger Angriff nicht heimtückisch sein?

Heimtücke liegt laut Gesetz vor, wenn das Opfer zum Zeitpunkt des Angriffs arg- und wehrlos ist. Wenn es also mit keiner Attacke auf sein Leben rechnet, sondern völlig überrascht wird. Im Fall „Eichenstraße“ hat der Angeklagte die Frau aber wohl nicht - wie ursprünglich angenommen - mit dem Spaten aus voller Fahrt vom Fahrrad geschlagen. Stattdessen ließ sich seine Version nicht widerlegen, nach der er seine Ex-Frau zur Rede stellte, sie mit dem Spaten bedrohte und erst zuschlug, nachdem sie höhnisch gesagt hatte: „Du traust dich noch eh nicht. Du hast ja keinen A... in der Hose.“ Hat es sich tatsächlich so abgespielt, wäre die Frau sicherlich nicht mehr arglos gewesen, sondern hätte von der Gefahr eines Angriffs auf ihr Leben gewusst.

? Warum kann der Mann die Frau nicht doch vom Rad geschlagen haben?

Die Rechtsmedizinerin sagt, dass in diesem Fall ganz andere Sturzverletzungen zu erwarten gewesen wären. Bei der Obduktion der Leiche wurden zwar schwere Gesichtsverletzungen festgestellt, die von dem Schlag mit dem Spaten herrühren. Schürfungen, Platzwunden oder ähnliches fanden sich an den Armen und Beinen aber nicht. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass die Frau nicht fuhr, sondern stand, als sie der Spaten traf.

? Der Angeklagte ist zu neun Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Muss er die Strafe komplett verbüßen?

Sehr wahrscheinlich nicht. Er kann nach Ablauf von zwei Dritteln einen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen. Voraussetzung für eine Bewilligung ist dann aber, dass er sich während der Haftzeit vorbildlich verhalten hat.

? Gibt es eine Möglichkeit, das Urteil anzufechten?

Die Staatsanwaltschaft wird das kaum tun. Sie hat im Plädoyer selbst von einem Totschlag gesprochen. Allerdings können die Opfer-Anwälte noch Revision einlegen. In diesem Fall würden die Akten dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe zur Prüfung auf eventuelle Rechtsfehler vorgelegt.

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