Arbeitskreis Menschen für Menschen hört nach 30 Jahren auf

mlzSelmer Arbeitskreis

Seit 30 Jahren sammeln Selmer Geld, um bedürftige Menschen in Äthiopien zu unterstützen. Mit lokalen Aktionen. Nun hören sie auf. In den Erinnerungen taucht auch der Name Sissi auf.

Selm

, 17.02.2019, 18:40 Uhr / Lesedauer: 4 min

Dass es den Arbeitskreis „Menschen für Menschen“ überhaupt gibt, ist, was Selm betrifft, zwei Männern zu verdanken: Da ist der Schauspieler Karlheinz Böhm zu nennen. Er wettete 1981 in der ZDF-Show „Wetten, dass ...?“, er werde es nicht schaffen, dass „jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Schweizer Franken oder sieben österreichische Schilling für Menschen in der Sahelzone spendet“.

Zwar gewann er die Wette, denn es gelang tatsächlich nicht, dennoch kamen 1,2 Millionen D-Mark zusammen. Der Grundstein für die Organisation Menschen für Menschen war gelegt.

Arbeitskreis Menschen für Menschen hört nach 30 Jahren auf

Nach diesem Benefizkonzert im September 1988 startete das Engagement für Äthiopien in Selm durch. © Menschen für Menschen

Mit einem Benefizkonzert hat es angefangen

Der zweite Mann, der zu nennen ist, ist Hans W. Schumacher. Er trommelte 1988 eine Arbeitsgruppe aus Selmern zusammen. Ziel: Sie sollten ihn bei der Organisation eines Benefizkonzerts und eines Wandertages unterstützen. Anlässe: Schumachers 15-Jähriges als Kreis-Chorleiter und sein 15-Jähriges als Chorleiter.

Der Erlös der Aktionen, so war es Schumachers Wunsch, solle der Stiftung „Menschen für Menschen“ zufließen. Der Äthiopienhilfe also, die Karlheinz Böhm im Nachklang des Erfolges der „Wetten, dass...?“-Aktion gegründet hatte.

Arbeitskreis Menschen für Menschen hört nach 30 Jahren auf

Karlheinz Böhm ist häufig in Selm gewesen, um, wie hier mit Hans W. Schumacher, Spenden für seine Stiftung entgegenzunehmen. © Menschen für Menschen

Das Ergebnis der Bemühungen der Arbeitsgruppe war durchaus für Selm spektakulär. Innerhalb von nur zwölf Wochen schaffte es dieses Arbeitsteam, unterstützt von den Selmer Vereinen, Geschäftsleuten und Bürgern, ein Konzert mit mehr als 200 Mitwirkenden vor rund 1400 Zuschauern in der Dreifach-Turnhalle auf die Beine zu stellen. „Das Ziel war ja ursprünglich, Karlheinz Böhm 30.000 Mark mitzugeben“, erinnert sich Christel Nies aus dem Arbeitskreis.

60.000 statt 30.000 Mark

10.000 Mark? Der Gründer der Stiftung, Karlheinz Böhm, kam nach Selm und konnte am 9. September 1988 einen Scheck über 60.000 DM in Empfang neh­men. Parallel zu den Konzertvorbereitungen war von der Arbeitsgruppe ein Selmer Volks-Wandertag organisiert wor­den, der mit einem unerwartet großen Erfolg zu dem oben genannten Ergebnis beitrug. Genau so wie weitere Vereinsaktionen und Spenden.

Pfadfinder waren auch aktiv

Der Einsatz vor allem auch der Bevölkerung ermutigte Hans W. Schumacher, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Ein Teil der Arbeitsgruppe folgte ihm. Cato Kieslich, eine derjenigen, die von Anfang an mitgemacht haben, erinnert sich, welche Motivation hinter dem Engagement gestanden hat: „Wir hätten seinerzeit auch jeden anderen Vorschlag von Hans W. Schumacher unterstützt.

Auch Böhm hat immer wieder propagiert, dass Äthiopien nur ein Beispiel von vielen unterstützenswerten Engagements sei. Auch er ist nur per ,Zufall‘ auf Äthiopien gekommen, weil er dort sein Spendengeld ohne politische oder religiöse Einflussnahme einsetzen konnte.“ Sein Credo sei gewesen: „Die Hauptsache ist: Wir tun überhaupt etwas.“

Arbeitskreis Menschen für Menschen hört nach 30 Jahren auf

Der Selmer Arbeitskreis hat die Äthiopienhilfe von Karlheinz Böhm in der Region publik gemacht. © Antje Pflips

„Mir selbst war diese Stiftung bereits dadurch ein Begriff weil die Selmer Pfadfinder bereits im Januar 1988 den Erlös ihrer jährlichen Tannenbaumaktion nicht für die eigene Jugendarbeit sondern für die Stiftung Menschen für Menschen gespendet haben.“ Cato Kieslich ist als Gründungsmitglied seit 42 Jahren bei den Pfadfindern dabei.

Gut organisierte Rad-Wandertage

„Etwas tun“: Damit ist noch untertrieben beschrieben, was der Selmer Arbeitskreis „Menschen für Menschen“, der sich 1988 gründete, dem Engagement der ersten Stunde folgen ließ. Cato Kieslich erinnert sich daran. Wichtig seien „unsere wirklich beispielhaft gut organisierten Rad-Wandertage, die alljährlich auch für die Selmer Bevölkerung immer ein Highlight und immer mit einem beachtlichen Spendenerlös verbunden waren“ gewesen.

Diesen Erlös der Wandertage habe der Arbeitskreis den langjährigen Mitgliedern Anne und Manfred Fritsch zu verdanken gehabt. Das Ehepaar und die weiteren damaligen Mitglieder Margret und Peter Göhler, Erika und Werner Denz, Christel Jansen, Cato und Herbert Kieslich, Ingrid und Klaus Slapke sowie Wilma Schneider ließen nicht in ihrem Engagement nach. Und auch nicht Hans W. Schumacher und seine damalige Frau Brigitte.

Regionaler Ansprechpartner

Bereits zwei Jahre nach der Gründung des Arbeitskreises wird Hans W. Schumacher von der Münchener Stif­tungszentrale zum regionalen Ansprechpartner für Nordrhein-Westfalen ernannt. Schumacher gründet und betreut neue Arbeitskreise in Nordkirchen, Nottuln, Dortmund, Bergkamen, Ottmarsbocholt und Lünen.

Arbeitskreis Menschen für Menschen hört nach 30 Jahren auf

Hans W. Schumacher, hier mit der Böhm-Witwe Almaz Böhm, hat ins Buch über Karlheinz Böhm eigene Erinnerungen einfließen lassen. © Menschen für Menschen

Er begleitet Karlheinz Böhm auf seinen Vortrags­reisen in Nordrhein-Westfalen, organisiert eigene Vortragsveranstaltungen, Dia-Abende, Fotoausstellungen, vor allem auch in den Einzugsgebieten der neu gegründeten Arbeitskreise. Seine in der Stiftungsarbeit inzwischen bewährten „alten Hasen“ des Selmer Arbeitskreises leisten dabei wertvolle Schützenhilfe. So beschreibt es Cato Kieslich. Nicht selten habe Böhm in seinem Haus übernachtet, sagt Schumacher. Beide sind enge Freunde geworden.

Konzerte, Galas, zum Teil vor den Augen Karlheinz Böhms in Selm und Lünen erbringen weitere hohe Summen. 1994 wird Hans W. Schumacher, unter anderem auch wegen seines Engagements für die Stiftung, das Bundesverdienst­kreuz verliehen.

BVB-Gastspiel in Selm

Ein Jahr später erlebt Selm eine Veranstaltung, deren Zustandekommen Cato Kieslich „eine logistische und organisatorische Meisterleistung“ gewesen sei: das Benefiz-Fußballspiel am 11. Februar 1995 zwischen dem Bundesligisten Borussia Dortmund und der russischen Mannschaft von Tsernomoretz-Novorosissk aus der ersten russischen Liga. 6000 Zuschauer verfolgen die Partie im Selmer Stadion. Der BVB reist mit Trainer Ottmar Hitzfeld und Stars wie Matthias Sammer an. Der Erlös des Spiels liegt bei 105.000 DM.

Hilfe zur Selbsthilfe

Auch in den folgenden Jahren unterstützen die Selmer Karlheinz Böhm und seine Stiftung. Tragen dazu bei, dass Schulen und Brunnen gebaut werden, dass es echte Hilfe zur Selbsthilfe gibt. Über den besinnlichen Selmer Weihnachtsmarkt schallt Jahr für Jahr laut vernehmlich Schumachers Stimme: „Hat noch jemand eine Mark?“, später „Hat noch jemand einen Euro?“ Dann füllte sich die Spendenwaage mit Münzen, aber auch mit Scheinen.

Arbeitskreis Menschen für Menschen hört nach 30 Jahren auf

Mit der Aktion "Menschen für Menschen" sammelte Hans W. Schumacher Jahr für Jahr auf den Selmer Weihnachtsmärkten Spenden für Äthiopien. © Menschen für Menschen

So erarbeitet sich der Selmer Arbeitskreis in der Münchener Stiftungszentrale einen hervorragenden Ruf. Schumacher erinnert sich: „Wir haben die Arbeit der Stiftung hier publik gemacht.“ Aus München haben wir gehört, dass der Selmer Arbeitskreis einer der beständigsten und effizientesten Arbeitskreies ist“, sagt Cato Kieslich.

Motivationsschub durch Besuch in Äthiopien

Hatten die Selmer Arbeitskreismitglieder anfangs nicht so viel von Äthiopien gewusst, höchstens, „dass es eines der ärmsten Länder ist“, wie Schumacher sagt, wächst auch das Wissen um das Land mehr und mehr. Einer der Gründe: 1996 reist Hans W. Schumacher, zusammen mit seiner Frau Brigitte und Cato Kieslich in die Projektgebiete nach Äthiopien.

Sie kehren überzeugter und motivierter denn je zurück. 1996 ist auch das Jahr, in dem Bundespräsident Roman Herzog die ersten von der Stiftung betreuten Dörfer „Biftu, Nagaya, Abdi, Ifa“ (Friede, Hoffnung, Sonne, Licht) in die Eigenständigkeit übergeben kann.

Arbeitskreis Menschen für Menschen hört nach 30 Jahren auf

Auf dem Weihnachtsmarkt 2018 ist der Selmer Arbeitskreis "Menschen für Menschen" letztmals öffentlich aktiv gewesen. © Arndt Brede

Das alles hat nun ein Ende. Seit Ende 2018 existiert der Selmer Arbeitskreis „Menschen für Menschen“ nicht mehr. Den Grund nennt Hans W. Schumacher im Gespräch mit der Redaktion: „Wir sind alle älter geworden. Wir haben das 30 Jahre gemacht und lassen es jetzt enden.“ Schon vor zwei Jahren habe sich der Arbeitskreis Gedanken darüber gemacht, ob und wie es weiter gehen könnte. „Wir haben dann aber nicht mehr um Nachwuchs geworben.“

Rund 500.000 Euro in 30 Jahren gesammelt

Was bleibt? Da sind Freundschaften, die sich aus dem Arbeitskreis entwickelt haben. Da ist aber auch die Summe von rund 500.000 Euro, die der Selmer Arbeitskreis innerhalb der vergangenen 30 Jahre gesammelt und übergeben hat.

Es bleiben bei den Arbeitskreismitgliedern auch etwas Wehmut, ganz viel Stolz und ein gutes Gefühl: „Es läuft alles harmonisch aus“, sagt Cato Kieslich. Sie gehört zu den letzten der Arbeitskreismitgliedern. Gemeinsam mit Margret Göhler, Hannelore und Manfred Martin, Christel Nies, Wilma Schneider, Hans W. Schumacher und seiner Frau Romana.

Acht Menschen, die zu denen gehören, die Karlheinz Böhms Engagement einst angesteckt hat. Was gar nicht so selbstverständlich ist. Wilma Schneider lächelt: „Ich kannte Karlheinz Böhm bis dato ja nur aus den Sissi-Filmen.“

Abschiedsfeier Es wird eine Abschiedsfeier geben. Am Sonntag, 10. März, um 11 Uhr in der Gaststätte Klähr wird es einen Empfang mit geladenen Gästen geben. Der Arbeitskreis wird sich bei Helfern und Gönnern bedanken. Auch Vertreter der Münchener Stiftungszentrale werden nach Selm kommen. Musikalisch werden das Duo „Fine Old Folk“ mit Marita Beiderbeck und Franz Ulrich sowie der Chor Liederbrücke den Empfang untermalen.
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