Bauforscher Peter Barthold untersucht zurzeit die Burg Botzlar vor dem Umbau. Manche Geheimnisse bringt er dabei ans Tageslicht.

Selm

, 14.08.2018, 18:21 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Jahr 2020 soll die Burg Botzlar zu einem barrierefreien Bürgerzentrum umgebaut sein. Bevor aber die Entkernungs- und Umbauarbeiten überhaupt beginnen können, tun besondere Experten ihren Job. Archäologen werden innerhalb der nächsten Wochen das Außengelände untersuchen. Peter Barthold ist ganz aktuell in der Burg mit Sachverstand, Bohrer und Kamera unterwegs.

Peter Barthold sucht Spuren der Vergangenheit von Gebäuden.

Peter Barthold sucht Spuren der Vergangenheit von Gebäuden. © Arndt Brede


Der 60-Jährige ist Bauforscher bei der Abteilung Denkmalpflege beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Warum genau? „Um zu gucken, ob es noch Spuren der früheren Nutzung gibt. Ich bringe die Burg zum Reden“, sagt er und lächelt.

Am Dienstag hatte Barthold in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken schon einige Wände aufstemmen lassen. Anhand der Baumaterialien könne er ablesen, wann was gebaut worden sein könnte. Im ehemaligen Raum der Ratsfraktionen von UWG und Bündnis 90/Die Grünen ist das Stemmeisen auf einmal auf keinen Widerstand gestoßen. Hinter einer Mauer Richtung Norden entdeckte Barthold einen Hohlraum. Der Strahl seiner Taschenlampe brachte ans Licht, was sich dahinter verbarg: „Eine Toilette mit Wandfliesen aus den 1960er Jahren.“ Diese Entdeckung ist eher eine Spur der Umbauten, die die Burg in ihrer Geschichte nicht selten erlebt hat.

Peter Barthold bohrt Balken an den Decken an, um prüfen zu lassen, aus welcher Zeit sie stammen könnten.

Peter Barthold bohrt Balken an den Decken an, um prüfen zu lassen, aus welcher Zeit sie stammen könnten. © Arndt Brede

Suche nach Spuren


Bei seiner Suche nach Spuren einstiger Nutzung und der Frage, wie die Menschen in der Burg einst gelebt haben und wo sie wohnten und arbeiteten, stößt Peter Barthold in der Burg Botzlar immer wieder auf dieses Problem: „Die Burg scheint irgendwann mal umgebaut worden zu sein. Wann, wissen wir nicht. Da gibt es viele offene Fragen. Denn die Archivlage ist auch nicht so toll.“ Das Stadtarchiv habe recherchiert und habe nicht viel herausgefunden. „Wonach wir immer suchen, sind vor allem Pläne.“ Da es keine ganz alten Pläne – etwa von 1900 – gebe, nutze er jetzt Pläne mit Querschnitten und Ansichten, die eine Fachfirma vor zwei Jahren anhand von Vermessungen der Burg Botzlar erstellt habe. Eines könne er aber schon sagen: „Der Umbau in den 1980er Jahren war wirklich tiefgreifend.“ Heißt: Viele der Spuren der Geschichte gibt es nicht mehr.

In einer Wand des ehemaligen Fraktionsraums der UWG und der Grünen hat Peter Barthold eine Toilette entdeckt. Mit Fliesen aus der 1960er/1970er Jahren.

In einer Wand des ehemaligen Fraktionsraums der UWG und der Grünen hat Peter Barthold eine Toilette entdeckt. Mit Fliesen aus der 1960er/1970er Jahren. © Arndt Brede

Suche nach der Treppe

Warum ist es eigentlich wichtig, dass Barthold in der Burg forscht? Müssen Spuren der Historie, die der Bauforscher eventuell findet, erhalten bleiben? „Das wird sich zeigen. Wenn wir eine alte Feuerstelle oder einen Wandkamin finden würden, müsste man die in die Planungen für den Umbau mit einbeziehen. Eine Toilette, wie sie im Erdgeschoss gefunden wurde, müsse nicht erhalten werden.

Zu den bisher ungelösten Fragen gehört die, ob sich hinter einem großen Block im Untergeschoss womöglich eine Wendeltreppe befindet. Es könnte sein, sagt Barthold. Ein Hindernis, um Genaueres zu erfahren, ist die Behindertentoilette. Eigentlich müsste sie aufgestemmt werden, um zu erfahren, ob sich tatsächlich eine Wendeltreppe hinter ihr verbirgt. Bleibe sie anlässlich des Umbaus erhalten, sei es unmöglich, diese funktionierende Toilette aufzustemmen, sagt Barthold. Da müsse es Gespräche mit dem Architekten Reinhard Angelis geben, ob und wie die Toilette integriert wird, erklärt dazu Thomas Wirth, der die Projekte der Regionale 2016, zu denen der Burgumbau zählt, für die Stadt betreut. Wenn die Toilette wegkomme, sei der Zugang frei und der Bauforscher könne gucken, was es mit der Wendeltreppe auf sich hat. Im Juni während der Feier zum Abschied von der Burg in ihrer jetzigen Form hatte Architekt Angelis in Sachen Wendeltreppen gesagt: „Wenn es sie gibt, wird sie aber nicht mehr genutzt, sondern nur ausgestellt.“

Nichts geht verloren


Wenn Peter Barthold mit seiner Arbeit in der Burg Botzlar fertig ist, wird er alles, was er getan hat, auch fotografisch dokumentieren. Damit nichts an Wissen verloren geht, auch wenn der Umbau manches wieder zudeckt oder endgültig verschwinden lässt. „Dann kommt das ins LWL-Archiv.“ Sollte anlässlich des aktuell bevorstehenden Umbaus zum Bürgerzentrum eine Publikation geplant sein, könne man sich des Forschungsmaterials bedienen.

Und was beziehungsweise wer folgt auf Peter Barthold? Die Antwort hat Thomas Wirth: „Wenn der Bauantrag genehmigt ist, wird es entsprechende Ausschreibungen für den Umbau geben. Die archäologischen Leistungen haben wir schon ausgeschrieben. Die Grabungsfirmen sollen noch im Herbst kommen.“

Die Selmer Bürger können Bauforscher Peter Barthold übrigens helfen: „Wenn jemand alte Pläne der Burg oder auch Fotos, zum Beispiel von der einstigen Sanierung, hat, würde ich mich darüber freuen, sie zu bekommen.“ Ansprechpartner für die Bürger ist bei der Stadt Heinz Specht, Tel. (02592) 69293.

Geschichte einer Burg:
  • Die Wasserburg in Selm stammt laut Stadtarchiv aus dem 13. Jahrhundert. Wann die Burg gebaut worden ist, ist nicht bekannt.
  • Sie war im Besitz wechselnder Adelsfamilien.
  • Später war sie Bürgermeistersitz, gehörte der Trierer Bergwerkgesellschaft, war Schule der NS-Frauenschaft. 1982 wurde sie renoviert und als Rats- und Bürgerzentrum eingeweiht.
  • 2013 stellte die Familie Rethmann der Bürgerstiftung 750.000 Euro zum Kauf der Burg Botzlar von der Stadt zur Verfügung. Überschüsse seien in die Burg zu investieren. Eigentums- und Besitzübergang erfolgen, wenn die Burg Botzlar zu einem Bürgerzentrum umgebaut worden ist.
  • Umbau der Burg und Außen-Umgestaltung kosten 4,3 Millionen Euro. 80 Prozent – 3,4 Millionen Euro – werden gefördert.
  • Stadt und Bürgerstiftung steuern die restliche Summe bei.
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