Warum die Corona-Warn-App nicht alle warnt, die sie warnen könnte

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Nadine Varnhold aus Selm hat die Corona-App seit dem Start. Nun hatte sie erstmals eine Risiko-Warnung. Wie es für sie weiterging und warum nicht jeder Risiko-Kontakt durch die App gewarnt wird.

Selm

, 01.11.2020, 17:23 Uhr / Lesedauer: 4 min

Nadine Varnhold hat einen guten Vergleich dafür, wie es ist, wenn man einen Corona-Test gemacht hat und dann immer wieder erwartungsvoll auf sein Handy schaut, um über die Corona-Warn-App das Ergebnis zu erhalten. „Das ist wie mit einem Schwangerschaftstest - nur andersherum“, sagt die Selmerin. „Man wartet sehnsüchtig auf das Ergebnis.“ Aber anders als es bei ihrem Schwangerschaftstest war, hofft Varnhold, die bald ihr Kind erwartet, dieses Mal auf ein negatives Ergebnis.

Ausgeschlagen hat die Corona-Warn-App bei ihr an einem Sonntag. Einen Tag zuvor hatte ihr eine Bekannte Bescheid gegeben, dass sie einen positiven Corona-Test erhalten hat. Nadine Varnhold war also bereits gewarnt. Trotzdem findet sie: „Ich hätte mir schon gewünscht, dass die App zeitnaher warnt.“

Signalrote Warnung und die Instruktion, was zu tun ist

Die Nachricht, die sie durch die App erhält, ist in Signalrot gehalten. „Erhöhtes Risiko - eine Risiko-Begegnung“ steht dort. Dazu gibt die App auch Empfehlungen. Man solle möglichst zu Hause bleiben, 1,50 Meter Abstand zu anderen Menschen halten und sich bei Fragen zu Testmöglichkeiten, zu möglichen Symptomen oder zu weiteren Isolationsmöglichkeiten an folgende Stellen wenden: die Hausarztpraxis, das zuständige Gesundheitsamt oder die Nummer des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes (die 116117).

So sieht es aus, wenn die App eine Risikobegegnung meldet.

So sieht es aus, wenn die App eine Risikobegegnung meldet. © Varnhold

Alle genannten Stellen sind dafür da, Informationen zu bieten, aber gibt es eine bevorzugte Variante? „Bürger, die über die Corona-Warn-App die Meldung über ein erhöhtes Infektrisiko erhalten, sollten sich zunächst grundsätzlich telefonisch an ihren behandelnden Hausarzt wenden“, sagt Vanessa Pudlo von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe. Die Kassenärztliche Vereinigung betreibt die Nummer 116117. Der Hausarzt werde dann das weitere Vorgehen besprechen. Außerhalb der Praxisöffnungszeiten könnten sich die Bürger an den Patientenservice unter der 116117 wenden oder an das Gesundheitsamt, so Pudlo.

Auch Max Rolke vom Kreis Unna empfiehlt, zunächst den Hausarzt oder die Hausärztin zu kontaktieren. „Weil der schon viele Fragen beantworten und gegebenenfalls auch einen Test machen kann“, so Rolke. „Wer Fragen hat, kann sich gerne an das Gesundheitsamt wenden“, macht Rolke klar, allerdings sei die dafür geschaltete Hotline aktuell stark frequentiert.

Test ist mit oder ohne Symptome möglich

Auch Nadine Varnhold hat sich an ihren Hausarzt gewandt. Am Montag, also einen Tag nach der Warnung, war sie beim Arzt. Bei solch einer Risiko-Warnung durch die Corona-App können Vertragsärzte den Test direkt mit der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen, auch wenn der Patient keine Symptome hat. Allerdings bedeutet eine Warnung nicht automatisch, dass ein Test gemacht werden muss. Das RKI rät den Ärzten bei einem symptomlosen Patienten zu einem Gespräch, bei dem das Risiko bewertet wird. Dann entscheidet der Arzt, ob ein Test gemacht werden soll oder nicht.

Bei Nadine Varnhold war der Fall klar: Sie hatte Halsschmerzen, fühlte sich, als würde sie eine Grippe bekommen. Also machte ihr Arzt einen Test. Gleichzeitig erhielt sie damit auch einen QR-Code, den sie an die App weitergeben konnte. So bekommt sie ihr Testergebnis direkt aufs Handy. Das soll schneller gehen hat die 35-Jährige von ihrem Arzt erfahren. Das RKI erklärt warum: Die Testlabore können inzwischen ihre Ergebnisse direkt an die App übermitteln.

Nicht jeder, der einen positiven Test hatte, gibt die Warnung frei

„Sobald das Ergebnis vorliegt, wird es automatisch abgerufen und auf dem Smartphone angezeigt“, heißt es dazu vom RKI. Wer keinen QR-Code hat oder diesen verliert, kann auch eine Hotline anrufen. „Der Hausarzt/die Hausärztin erhält selbstverständlich auch den Befund, um den Patienten zu informieren. Parallel laufen die Prozesse zu den gesetzlichen Meldepflichten bei Verdachtsfall bzw. bestätigtem Fall“, erklärt das RKI außerdem.

Allerdings heißt das positive Ergebnis via App nicht, dass automatisch alle möglichen Kontaktpersonen gewarnt werden. Die Nutzerin oder der Nutzer kann entscheiden, „die eigenen Zufallscodes der letzten bis zu 14 Tage freizugeben und mögliche Risikokontakte zu warnen“, heißt es vom RKI. Wer ein positives Ergebnis erhält, bekommt in der App die Anfrage, ob er seine Daten teilen will, oder nicht. Es ist ein kleines Fenster mit den Optionen „teilen“ oder „nicht teilen“. Gleichzeitig informiert die App auch, dass man damit helfen könne, die Verbreitung des Virus weiter einzudämmen.

Diese Nachrichten bekommen Nutzer, die ein positives Testergebnis erhalten.

Diese Nachrichten bekommen Nutzer, die ein positives Testergebnis erhalten. © RKI

Für diese Option entscheiden sich längst nicht alle: In einem Datenblatt vom RKI ist aufgelistet, dass im Zeitraum 1. September bis 21. Oktober insgesamt 257.000 positive Testergebnisse über die Hotline oder den QR-Code verifiziert worden sind. Theoretisch hätten all diese Menschen ihr Testergebnis teilen und so andere Menschen warnen können. Anonym und verschlüsselt. Tatsächlich getan haben dieses allerdings, das geht aus den RKI-Daten ebenfalls hervor, nur 60 Prozent der Betroffenen. 40 Prozent haben sich dagegen entschieden. Bisher wurden - seit die App am 16. Juni an den Start ging schon mehr als zwei Millionen Ergebnisse digital übermittelt, so das RKI. Heruntergeladen habe die App mit Stand 22. Oktober insgesamt 20,3 Millionen Menschen in Deutschland.

Warum es keine verpflichtende Weitergabe gibt

Die App nutzen, aber dann nicht weiter warnen, ist das nicht kontraproduktiv. Gerade, weil die App ja als eines der zentralen Instrumente dienen soll, um die Pandemie einzudämmen? „Download, Aktivierung und auch die weitere Nutzung der Corona-Warn-App sind freiwillig. Diese Freiwilligkeit ist ein wichtiger Treiber für die im Ländervergleich hohe Akzeptanz der Corona-Warn-App“, erklärt auf Anfrage dazu Katrin Werth aus der Abteilung für Methodenentwicklung und Forschungsinfrastruktur beim RKI. Das bedeute, dass die Nutzerinnen und Nutzer auch jederzeit entscheiden könnten, ob sie das Ergebnis teilen wollen oder nicht.

„Für eine automatische, verpflichtende Warnung wäre eine gesetzliche Grundlage notwendig; diese Entscheidung liegt in den Händen der Politik“, macht Werth zudem deutlich. Das RKI kann das also nicht entscheiden. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte die App deshalb bereits als „zahnlosen Tiger“ betitelt, SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach möchte eine Änderung: „Die Fragestellung müsste umgekehrt werden: ob jemand explizit nicht warnen will“, so Lauterbach.

Für Nadine Varnhold aus Selm stellte sich diese Frage am Ende gar nicht. Sie hat ihr Ergebnis am Mittwoch, also zwei Tage nach ihrem Test, erhalten. Um halb zehn am Abend kam die Benachrichtigung via App. „Befund negativ“ stand da in grünen Lettern. Der Anruf vom Arzt stand da noch aus. Was das für sie heißt, kann Nadine Varnhold in zwei Worten sagen: „Erleichterung pur.“

Und so sieht dann die Entwarnung aus.

Und so sieht dann die Entwarnung aus. © Varnhold

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