Daniel und sein Leben im Jetzt

Selmer erzählt von seiner Leukämie

Daniel Enns aus Selm erkrankte 2015 an Blutkrebs. In Gedanken war er dem Tod sehr nahe. Jetzt geht es dem 21-Jährigen besser. Doch nach wie vor ist es nicht leicht, ein ganz bestimmtes Gefühl abzuschütteln.

Selm

, 23.12.2017, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Daniel Enns

Daniel Enns © Foto: Sabine Geschwinder

Wie sich das anfühlt, dem Tod nahe zu sein? An den Tag der Diagnose denkt Daniel Enns nur ungern zurück. Obwohl er sich genau erinnert. „Viel zu genau“, sagt er. Doch daran zu denken, gibt dem 21-Jährigen ein komisches Gefühl. Auch jetzt noch, im Dezember 2017, zwei Jahre später. Daniel sitzt auf der Couch im Haus seiner Eltern in Selm. Er ist noch immer sehr schlank und blass. Denkt genau nach, bevor er redet; versucht er, seine Gedanken möglichst präzise in Worte zu fassen.

„Diese Zeit kommt einem zeitlos vor, man lebt nur im Jetzt“, beschreibt Daniel die Zeit, als er mit dem Blutkrebs leben musste. Mehr im Jetzt leben, das ist das, was sich mancher in seinen Neujahrsvorsätzen vornimmt. Doch das Krebs-Jetzt von Daniel unterscheidet sich gravierend von dem Jetzt aller anderen. „Da war kein Gedanke an die Zukunft“, sagt Daniel. Dass da nichts in der Zukunft ist, keine Zukunft, kein Daniel, das war eine Möglichkeit, die gar nicht so unmöglich war.

Der Tag der Diagnose

Rückblick: Im Herbst 2015 arbeitet Daniel bei einer Leihfirma, um nach dem Schulabschluss etwas Geld zu verdienen. Doch er fühlt sich immer schlapper. Er glaubt zunächst an eine Grippe. Doch es ist mehr als das. Er muss aus Verzweiflung weinen, schläft 20 Stunden lang und zittert, obwohl er in einer heißen Wanne sitzt.

Am 4. November 2016 erhält Daniels Mutter Lisa dann die Diagnose. Ein Arzt sagt ihr, dass Daniel an Leukämie leidet, Blutkrebs. Und zwar einer besonders aggressiven Form davon. Für Lisa Enns fühlt es sich an, als reiße ihr jemand den Boden unter den Füßen weg. Sie überlegt, wie sie Daniel die Diagnose beibringen kann. Der ahnt es schon, an den mitleidsvollen Blicken der Krankenschwester und den Anteilsbekundungen. „Da wusste ich, dass es Krebs war.“

Sofort ins Krankenhaus

Bei Leukämie oder Blutkrebs entstehen mutierte Zellen, die sich vermehren und die gesunden Zellen verdrängen. Diese können dann ihre natürlichen Aufgaben, wie den Transport von Sauerstoff oder das Bekämpfen von Krankheiten nicht mehr erfüllen. „In Deutschland wird täglich bei 38.000 Menschen Leukämie diagnostiziert“, erklärt Nevena Bialowas von der DKMS. Das entspricht einer Diagnose alle 15 Minuten.

Daniel muss sofort ins Krankenhaus nach Münster. Während der Chemotherapie verliert er seine Haare. Zunächst kann er nichts essen, weil er nichts bei sich behalten kann, später kann er wieder essen, doch er hat zunächst keinen Geschmackssinn. Alles schmeckt metallisch. „Es hat nach Krankenhaus geschmeckt“, sagt Daniel. „Ich habe mir die Geräte angeschaut und überlegt, dass sie wohl so schmecken müssen.“

Depressive Phasen

Manchmal hat er richtig depressive Phasen. Weihnachten 2015 hätte er gerne zu Hause verbracht, doch er bekommt Fieber und muss bleiben. Seine Mutter besucht ihn jeden Tag. „Wie geht es dir“, fragt sie. „Wie immer“, sagt Daniel dann. „Du wolltest ja nicht reden“, sagt seine Mutter jetzt. „Eigentlich schon“, sagt Daniel jetzt. Doch damals wusste er nicht worüber. „Ich hatte keinen klaren Gedanken, obwohl ich eigentlich doch viel Zeit dafür hatte.“

Der erste Hoffnungsschimmer kommt, als klar wird, dass seine Schwester Jessicka als Spenderin in Frage kommt. In der Familie wird zuerst nach Knochenmark mit genetischer Übereinstimmung gesucht. 3.000 Menschen in Deutschland finden so jedes Jahr ihren Spender, wie Bialowas von der DKMS erklärt. Alle anderen hoffen, dass in der Spendendatenbank der geeignete Spender auf sie wartet. Manche werden auch durch die Chemotherapie gesund, andere sterben.

Hoffnung an Silvester

Doch es gab auch Momente jenseits der Depression. Zum Beispiel Silvester 2015. Daniel und seine Mutter blickten eine Stunde lang aus dem Fenster. Der Blick aus dem 11. Stockwerk des Clemens-Hospitals bot einen ausgezeichneten Blick auf das Feuerwerk. Doch das machte nichts. „Ich hatte Hoffnung für das Jahr neue Jahr“, erzählt Daniel. „Endlich war da Hoffnung.“

Daniel verträgt die Knochenmarkspende seiner Schwester gut. Der Eingriff ist schmerzhaft. „Aber sie hat mir mein Leben gerettet“, sagt Daniel. Die Familie organisiert auch hinter seinem Rücken gemeinsam mit dem Verband Pflege am Boden eine Spendenaktion für Daniel. Viele Selmer spenden Geld für die Familie. Es wird gebraucht, für ganz spezielles Essen, das Daniel benötigt oder auch um die Fahrtkosten zum Krankenhaus zu decken. Es klingt vielleicht seltsam in einer lebensbedrohlichen Situation an Finanzielles zu denken, aber es beruhigt Daniel, dass er seiner Familie finanziell nicht zur Last fällt.

Ein guter Freund hat sich in der Knochenmarkspendedatei registrieren lassen, gleich nachdem er Daniel im Krankenhaus besucht hat. Er kam letztendlich nicht in Frage. Doch Daniel strahlt noch jetzt, wenn er davon erzählt. „Ich habe vielen Leuten einen kleinen Ansporn gegeben, was mir gut gefallen hat."

Rückkehr aus dem Krankenhaus


Am 28. Februar 2016 kommt Daniel aus dem Krankenhaus. Es geht ihm besser, doch er muss die Gedanken an das Krankenhaus und die Krankheit noch abschütteln. Dabei hilft ihm seine damalige Freundin. Früher ist Daniel viel geklettert, heute gönnt er seinem Körper auch mal Ruhe. Früher war er viel draußen, bei seinen Freunden, jetzt verbringt er gern viel Zeit mit seiner Familie. Er ist nachdenklicher geworden, Materielles ist ihm nicht so wichtig, seine Freunde schätzen ihn als Ratgeber. Daniel macht inzwischen eine kaufmännische Ausbildung bei der Stadt Selm.

Leben im Jetzt

Im Februar 2018 ist seine letzte Knochenmarkpunktion. Das bedeutet, zum letzten Mal wird eine Probe aus seinem Knochenmark entnommen, um seine Werte zu kontrollieren. Als geheilt gilt Daniel aber erst, wenn der Krebs nach fünf Jahren nicht zurückgekehrt ist. „Doch ich bin mir so verdammt sicher, dass es nicht passiert“, sagt er.

Die Zukunft ist wieder da. Daniel überlegt. „Ich denke, jetzt lebe ich im Jetzt, so wie die anderen Menschen es vorher taten.“ Das unheimliche Jetzt, das Krebs-Jetzt, ist verschwunden.

Die DKMS:
Im Dezember 2017 waren bei der Deutschen Knochenmarkspendedatei DKMS 7.765.961 Menschen registriert. 5.348.450 kommen aus Deutschland. Für neun von zehn Sucheenden können Spender gefunden werden, so Nevena Bialowas von der DKMS. 15 Menschen am Tag spenden ihr Knochenmark, oftmals auch für Patienten aus dem Ausland. Um sich registrieren zu lassen, reicht eine Speichelprobe. Die Registrierung ist unverbindlich. Mehr Infos: .www.dkms.de
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